Die Industrialisierung der Landwirtschaft vollzog sich in kleinen Schritten

Joachim Haake (2. v. r.) führt durch die agrargeschichtliche Schau. (Foto: VVV)

Freunde historischer Fahrzeuge Immensen präsentieren Ausstellung im Stadtmuseum

BURGDORF (r/jk). „1959 schafften sich meine Eltern, die in Burgdorf einen landwirtschaftlichen Betrieb besaßen, den ersten Trecker an“, berichtete der VVV-Vorsitzende Karl-Ludwig Schrader den zahlreich erschienenen Gästen der Eröffnungsveranstaltung zur Ausstellung „Als der Trecker die Pferde ablöste – Landwirtschaft zwischen 1930 und 1960“. „Für mich war es damals ein besonderes Erlebnis, schon als Zwölfjähriger das neue Fahrzeug auf dem Acker eigenhändig steuern zu dürfen“, bekannte Schrader. Zustimmendes Nicken einiger älterer Zuhörer verriet, dass sie seine Kindheitserinnerungen teilten und aus damals in der Landwirtschaft tätigen Familien stammten. Einen anderen Hintergrund hatten die Erfahrungen des Otzers Helmut Treichel. „Nach der Flucht musste ich in den Nachkriegsjahren schon als 11-Jähriger schwere körperliche Arbeit bei der Rüben- und Kohlernte eines uns aufnehmenden Bauern leisten“, erzählte Treichel.
Der VVV, die Stadt und der Förderverein Stadtmuseum zeigen die agrargeschichtliche Schau mit zahlreichen Exponaten der Freunde historischer Fahrzeuge e.V. Immensen bis zum 26. Januar 2014 im Stadtmuseum (Schmiedestraße 6). Im Mittelpunkt steht die Landwirtschaft in der Zeit von 1930 und 1960. In diesem Zeitraum bereitete die rasant fortschreitende Entwicklung der Landmaschinentechnologie den Weg für den Anschluss der ländlichen Betriebe an die moderne Industriegesellschaft.
Karl-Ludwig Schrader erinnerte daran, dass es einer ca. von 1930 bis 1960 dauernden Umbruchphase bedurfte, bis auch Landwirtschaftsbetriebe kleiner und mittlerer Größenordnung vom technischen Fortschritt profitieren und sich die Anschaffung eines Treckers, Mähdreschers und anderer Landmaschinentechnik leisten konnten. Bis dahin mussten sich viele kleinere Betriebe weiterhin mit dem Einsatz von Pferden oder Ochsengespannen behelfen, um die Ackerflächen zu bearbeiten. Bürgermeister Alfred Baxmann verband ebenfalls persönliche Erfahrungen mit der Ausstellung, da auch er in einem landwirtschaftlichen Umfeld in Dachtmissen aufgewachsen war. Auf die Gegenwart bezogen, unterstrich er, dass die verbliebenen Burgdorfer landwirtschaftlichen Betriebe nach wie vor wichtige Faktoren für das städtische Wirtschaftsleben seien. Baxmann äußerte sich zuversichtlich, dass die mit viel Detailreichtum ausgestattete Ausstellung der Freunde historischer Fahrzeuge Immensen im Stadtmuseum auf eine beträchtliche Besucherresonanz stoßen werde.
Für die anschließende Führung teilten sich die Anwesenden in zwei Gruppen auf, die die beiden Ausstellungsmacher Ulrich Schulz und Joachim Haake leiteten. Beide hatten in wochenlanger Vorarbeit für die Zusammenstellung der Exponate aus dem großen Fundus des Immenser Vereins gesorgt. „Wir wollen mit der Ausstellung einen anschaulichen Einblick in die Arbeitsbedingungen der Landbevölkerung zwischen 1930 und 1960 geben und mit repräsentativen Arbeitsgeräten aus dieser Zeit den schrittweisen Übergang in das technologische Zeitalter der Landwirtschaft darstellen“, verkündeten Schulz und Haake zu Beginn ihres Rundgangs. Mit ausgeprägter Sachkenntnis stellten sie landwirtschaftliche Gerätschaften vor, die schon lange aus dem Arbeitsumfeld der Bauern verschwunden sind, in damaliger Zeit aber unverzichtbare Hilfsmittel darstellten, um die Feldarbeit und die anschließende Verarbeitung zu bewältigen. Unter den Anschauungsobjekten waren ein Stiftendrescher, den später der Mähdrescher verdrängte, eine Schrotmühle, ein Häufelpflug, Schleppmähwerk sowie eine Kartoffelpflanzloch-Maschine, die früher von Pferden gezogen wurden, manuelle Strohschneider und eine Kartoffel-Sortiermaschine. Als wichtigstes Symbol der neuen Landmaschinentechnik präsentierten sie einen 11 PS starken Deutz-Trecker aus dem Jahr 1949. Auf große Aufmerksamkeit stieß das originalgetreue Modell eines französischen Dreschkastens, das der gelernte Gießereimodellbauer Ulrich Schulz in dreijähriger Arbeit konstruiert hatte.
Am Sonntag, 15. Dezember, lädt der VVV um 14.30 Uhr zu einer weiteren Führung durch die Ausstellung ein, die Ulrich Schulz übernimmt. Das Stadtmuseum ist sonnabends und sonntags von 14.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Führungstermine können nach entsprechender Absprache mit VVV-Geschäftsführer Gerhard Bleich auch innerhalb der Woche stattfinden.