Deutsch lernen beim Hobeln

In der Sprachförderklasse lernen die Schülerinnen nicht nur Deutsch, sondern sammeln auch Erfahrungen in der Holzwerkstatt: Ghazalah (vorne) sowie Rezan (von links), Asmaa, Jandar, Aischa, Helin und Nikolina mit Fachpraxislehrer Frank Buchholz (hinten). (Foto: Petra Krüger/BBS Burgdorf)
 
Asmaa kommt mit dem Hobel inzwischen gut zurecht. (Foto: Petra Krüger/BBS Burgdorf)

In einer Sprachförderklasse an der BBS lernen Schülerinnen aus unterschiedlichen Herkunftsländern, sich in Alltag und Beruf zu verständigen / Jetzt suchen sie Praktikumsplätze

BURGDORF (fh). Ghazalah und Rezan sind mit großem Eifer bei der Sache: Unter Anleitung von Fachpraxislehrer Frank Buchholz messen, schneiden, hobeln und schleifen sie - und am Ende halten sie stolz zwei Frühstücksbretter in Form einer Katze und einer Ente hoch. Die beiden Schwestern, 17 und 18 Jahre alt, sind im Irak aufgewachsen und erst im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen. Jetzt besuchen sie zusammen mit sechs weiteren Schülerinnen aus Syrien, Serbien, dem Sudan und der Türkei eine Sprachförderklasse an der Berufsbildenden Schule (BBS) Burgdorf.
Das besondere an diesem Angebot: Nicht nur die sechs Stunden Deutsch pro Woche, sondern der gesamte Unterricht ist darauf ausgerichtet, die Sprachkompetenz zu fördern. Auch bei der praktischen Arbeit im Fachbereich Holztechnik erweitern die jungen Frauen ihren Wortschatz und trainieren vor allem die mündliche Kommunikation. Und das offenbar mit Erfolg. „Die Schülerinnen dieser Klasse sind wirklich besonders fleißig und lernen sehr schnell. Ihren Alltag können die meisten sprachlich schon gut bewältigen", sagt Deutschlehrerin Petra Krüger.
Ebenso wie Klassenlehrerin Inga Kutter traut sie den jungen Frauen deshalb auch zu, schon in diesem Schuljahr für zwei bis drei Wochen ins Berufsleben hineinzuschnuppern. Aktuell sind die Schülerinnen deshalb auf der Suche nach einem Praktikum. Betriebe aus dem Raum Burgdorf, die einen Platz anbieten möchten, können eine E-Mail senden an inga.kutter@bbs-burgdorf.de oder im Sekretariat der Berufsschule anrufen unter Telefon (05136) 89920.
Der Berufswunsch Tischlerin steht bei den acht jungen Frauen im Alter von 15 bis 18 Jahren nicht unbedingt an erster Stelle: Einige würden gern als Krankenschwester arbeiten, andere als Kosmetikerin, als Gehilfin in einem Rechtsanwalt- oder Architekturbüro oder sogar als U-Bahn-Fahrerin. Fachpraxislehrer Frank Buchholz ist überzeugt, dass sie bei den Holzarbeiten trotzdem viel lernen: "Sie erwerben dabei Fähigkeiten, die in allen Berufen wichtig sind wie beispielsweise präzises Arbeiten und Durchhaltevermögen, auch wenn es mal schwierig wird." Schließlich steckten in den Frühstücksbrettern, Holzsteckspielen, Topfuntersetzern und anderen kleinen Werken viele Arbeitsschritte und zwischen acht und dreißig Arbeitsstunden.
Sprachförderklassen gibt es an der BBS Burgdorf schon seit rund 30 Jahren, ursprünglich für die Spätaussiedler und dann die Flüchtlinge nach dem Zerfall Jugoslawiens. Als 2015 besonders viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, richtete die BBS bis zu sieben Sprachförderklassen ein, aktuell sind es noch zwei. Zusätzlich zum Deutschlernen hat dabei auch die Vorbereitung auf das Berufsleben eine hohe Priorität. Außerdem geben die Lehrer Einblicke in die deutsche Kultur und Politik und es werden Basiskenntnisse vermittelt oder aufgefrischt, wie beispielsweise die Grundrechenarten.
Die große Herausforderung dabei: Die Schüler bringen völlig unterschiedliche Kenntnisse und Vorbildung mit - die Spanne reicht vom Analphabeten, der noch nie eine Schule besucht hat, bis hin zum Gymnasiasten, der in seinem Heimatland nach elf Schuljahren bereits einen Abschluss erworben hat. Dementsprechend flexibel wird auch der Übergang in andere Schulformen gehandhabt. "Diejenigen, die schnell lernen, können schon im laufenden Schuljahr in ein Regelangebot wechseln", so Kutter. Ansonsten können die Schüler nach einem Jahr beispielsweise eine Berufseinstiegsklasse oder eine Berufsfachschule besuchen oder mit Unterstützung von Arbeitsagentur und Jobcenter nach einer Ausbildung oder Stelle suchen.
In den vergangenen Jahren hatte die BBS im Sprachförderbereich immer gemischte Klassen eingerichtet, die jeweils auf unterschiedliche Berufswünsche ausgerichtet waren. Diesmal ist die Schule einen neuen Weg gegangen: Zum ersten Mal wurden die Gruppen nach Geschlechtern getrennt. "Es handelt sich dabei um einen Versuch", sagt Kutter. Prinzipiell habe sie damit bisher gute Erfahrungen gemacht. "Allerdings lassen sich nur schwer allgemeingültige Aussagen ableiten, es kommt auf die individuelle Klassenzusammensetzung an", ergänzt sie. 
Dafür wird diesmal nicht so stark nach Berufsfeldern differenziert, sondern ein größeres Spektrum an Fachpraxis angeboten: in der Mädchen-Klasse Hauswirtschaft, Holztechnik und Textil, bei den Jungen Gastronomie, Holztechnik und Friseurhandwerk. Und warum gerade diese Fächer? "Wir suchen Felder aus, in denen die Lehrkräfte anschaulich arbeiten können, sodass sich Praxis und Sprache verknüpfen lassen. In abstrakten Berufsbereichen wie Elektrotechnik oder Wirtschaft fällt dies schwerer", begründet Kutter.