Der Wellenbummler aus der Dachkammer

Hermann Hoffmann begeisterte über Jahrzehnte mit seinen satirischen Radioprogrammen. (Foto: VVV)

„Burgdorf schreibt Geschichte“: Hermann Hoffmann, Urvater der Radio-Satire

BURGDORF (r/jk). In der neunten Ausgabe der Serie „Burgdorf schreibt Geschichte“ geht es um den unvergessenen Radio-Pionier Hermann Hoffmann, der mit seinen aus der Auestadt gesendeten, satirischen Rundfunkprogrammen über 30 Jahre ganz Deutschland zum Schmunzeln brachte. In die bundesdeutsche Mediengeschichte ging er als Begründer der Radiosatire ein.
Barmusiker in Celle
Nach einem Intermezzo als Kapellmeister am Staatstheater Oldenburg kam der studierte Musiker Hermann Hoffmann (* 22. Februar 1928 in Heilbronn) mit seinem neu gegründeten Bar-Trio „Die 3 Hoffmannstropfen“ 1952 nach Celle. Nach drei Jahren entstand bei dem radiobegeisterten Hoffmann die Idee, in der Dachkammer der „Königin-Bar“ mit einem selbst gebauten Technik-Equipment einen illegalen Radiosender zu etablieren und ein eigenes Programm in den Äther zu schicken. Auch nach dessen Zwangseinstellung behielt er den festen Willen, im Rundfunk Karriere zu machen.
Karriere beim Westdeutschen Rundfunk
1962 wurde der Westdeutsche Rundfunk (WDR) auf seine Talente aufmerksam und ließ eine Probesendung mit ihm aufzeichnen, die den Beifall der Zuhörer fand. Er erhielt einen festen Vertrag und sendete seit dem 29. Dezember 1962 die „Kleine Dachkammer-Musik“, die bis zum Anfang der 1990er Jahre fester Bestandteil des WDR-Radioprogramms war.
Umzug nach Burgdorf
1960 hatte er in Celle auch seine spätere Frau Renate kennengelernt, mit der er 1967 nach Burgdorf zog. In seinem neu eingerichteten Tonstudio an der Immenser Landstraße produzierte er in absoluter Eigenregie neben der „Kleinen Dachkammer-Musik“ den legendären „Sender Zitrone“ (benannt nach dem Tarnnamen seiner Flak-Funkstation während des Zweiten Weltkrieges) und unzählige Schallplatten. Alle Produktionen entstanden ohne die heute üblichen digitalen Hilfsmittel in mühsamer Detailarbeit. Die Sprechrollen seiner in über 670 Folgen gesendeten „Dachkammer-Musik“ verkörperte er stets selber. Der leicht reizbare Ostfriese Otto de Vries, der gutmütige Schwabe Pankratius Schräubchen, der ostpreußische Wirt Cäsar Schlotterbeck und viele andere Charaktere verdankten ihre Radioexistenz seiner stimmlichen Vielseitigkeit, mit der er ihnen stets ein charakteristisches Eigenleben einzuhauchen vermochte. Auch die Begleitmusiken wurden von ihm komponiert und gespielt.
„Sender Zitrone“
Im „Sender Zitrone“ ließ er per Tonband-Mitschnitt illustre Gäste aus Politik, Show und Fernsehen akustisch auftreten und legte ihnen mit raffinierter Schnitttechnik humorvolle Wortbeiträge in den Mund. Zur unfreiwilligen Gästeschar gehörten u.a. Erich Honecker, Franz-Josef Strauß und Karl-Heinz Köpcke. Begleitet wurde das ganze von Jazz- und Schlagermusik und einem Feuerwerk an Witzen. Sein Sohn Thomas und Frau Renate unterstützten ihn mit kleinen Sprechrollen. Von 1974 bis 1982 liefen Hunderte Folgen im WDR, bis sich dieser im Rahmen einer Neustrukturierung des Radioprogramms entschloss, die Sendung mit der „Dachkammer-Musik“ zusammenzulegen.
Unfreiwilliger Rückzug
Diese Maßnahme war eines der ersten Anzeichen dafür, dass der Stern Hoffmanns zu sinken begann. Er produzierte zwar seit Oktober 1983 zusätzliche Beiträge wie das „Polit-Klimbim“ für die Satire-Programme „Reißwolf“ des NDR-Radios und „Extra Drei“ des NDR-Fernsehens. Doch als die Programmredakteure Anfang der 1990er Jahre seine „Dachkammer-Musik“ vollständig absetzten, schnitten sie ihm damit die künstlerische Lebensader ab. Langsam zog sich Hoffmann aus dem Radioleben zurück. Mit sich nahm er die bittere Erkenntnis, dass die Zeit der großen Radioprogramme, die ein größeres Publikum für eine längere Zeit mit ungeteilter Aufmerksamkeit vor die Empfänger lockten, vorbei war. Am 8. April 1997 verstarb er an den Folgen einer neu ausgebrochenen Krebserkrankung. Der VVV widmete ihm im Februar 1995 eine eigene, viel beachtete Ausstellung im Stadtmuseum, der sich im Mai 2007 zum 10-jährigen Todestag eine weitere anschloss.