Dem Wolf ganz nah

Der Pressesprecher der Jägerschaft Burgdorf Oliver Brandt (von links), Präparator Martin Baum und der Vorsitzende der Jägerschaft Hans-Otto Thiele schauen sich den fertig präparierten Wolf an.
 
Innerhalb eines Jahres hat Martin Baum 17 Wölfe präpariert. Das nächste Exemplar ist schon in Arbeit.

Die Jägerschaft Burgdorf hat für Lehr- und Schulungszwecke einen Wolf präparieren lassen

ALTKREIS (fh). Bis vor einem Jahr hat Martin Baum noch keinen einzigen Wolf auf dem Tisch gehabt. Nun hat der Otzer innerhalb eines Jahres schon 17 Tiere präpariert, die von Autos erfasst und dadurch getötet wurden. "Ich scheine das nicht so schlecht zu machen. Sonst würde man mich ja nicht immer wieder fragen und weiterempfehlen", sagt Baum. So habe er mittlerweile Kunden aus ganz Niedersachsen und aus Berlin. Sein jüngstes Werk verbleibt hingegen im Altkreis: Die Jägerschaft Burgdorf hatte ihm den Auftrag erteilt und konnte "ihren" Wolf Anfang der Woche nun in Empfang nehmen.
Er solle zu Lehr- und Schulungszwecken dienen, erklärt Oliver Brandt, CDU-Regionsabgeordneter und Pressesprecher der Jägerschaft. Es sei beispielsweise angedacht, ihn in Kindertagesstätten und Schulen zu zeigen. "Viele Menschen wissen gar nicht, wie der Wolf in der Realität aussieht. So werden auch viele Wölfe gesehen, die es gar nicht gibt", erläutert er die Motivation. Jüngst seien sogar die Frischlinge einer Wildsau für junge Wölfe gehalten worden.
Um diesem Unwissen entgegenzuwirken, wolle die Jägerschaft die Natur auch mittels des "ausgestopften" Wolfes hautnah erlebbar machen. Ziel sei es dabei nicht, Angst zu verbreiten oder negative Vorurteile zu schüren. "Wir hätten den Wolf auch in Angriffshaltung mit aufgerissenem Maul präparieren können. Aber darum ging es uns nicht", betont Brandt, der dem Eindruck vorbeugen will, dass die Jäger Stimmung gegen den Wolf machen wollten.
150 Jahre lang, etwa bis zur Jahrtausendwende war das Raubtier in Deutschland ausgestorben. Die Erinnerung an frei lebende Wölfe wurde nur noch in alten Volksmärchen wie Rotkäppchen wach gehalten. Ansonsten waren sie allenfalls in Naturfilmen, Zoos und Tierparks zu sehen. Wer über Wölfe sprach, dachte in der Regel nicht mehr vorrangig an Schafsrisse, sondern hatte oft eher ein romantisches Bild der wilden, majestätischen Tiere im Kopf.
Davon nimmt auch der Vorsitzende der Jägerschaft Burgdorf Hans-Otto Thiele sich nicht ganz aus, wenn er an seine erste Begegnung mit Wölfen in Schweden zurückdenkt. "Ein Rüde und eine Fähe sind in der Abendsonne auf die Lichtung getreten. Um das Bild perfekt zu machen, hätte eigentlich nur noch Winnetou auf einem weißen Pferd gefehlt. Ich war hingerissen vor Sympathie", erinnert sich der Jäger, macht aber schon im nächsten Satz deutlich, dass er die Situation heute ganz anders bewertet: "Damals hätte noch niemand geglaubt, dass die Wölfe hier so explodieren."
Nach offizieller Datenlage leben zur Zeit 22 Rudel und ein Paar in Niedersachsen, insgesamt rund 200 Tiere. Für den Altkreis Burgdorf ist ein Einzelwolf bestätigt. Da die Wölfe an einem Tag mehr als 70 Kilometer zurücklegen können, sei es aber gar nicht so einfach, sie zu erfassen und einem Gebiet zuzuordnen, betont Thiele. Die Jägerschaft Burgdorf interessiert sich deshalb nicht nur für die Zählung der lebenden Wölfe, sondern verfolgt auch, wie viele tot gefunden werden, vor allem nach Wildunfällen an waldnahen Straßen. Allein im Altkreis Burgdorf seien innerhalb von elf Monaten sechs Wölfe überfahren worden, vor allem entlang der B188 im Bereich des Burgdorfer Holzes.
Der Wolf ist wieder zurück in Deutschland. Was Naturschützer als Erfolg feiern, sehen die Jäger zweischneidig. Denn mit dem Wolf sind auch praktische Probleme, begründete Sorgen und irrationale Ängste zurückgekehrt, die in den alten Volksmärchen so weit entfernt schienen. Betroffen sind vor allem Vieh- und Pferdehalter: In Niedersachsen gab es im vergangenen Jahr laut dem Wolfsmonitoring der Landesjägerschaft insgesamt rund 100 Übergriffe auf Herden, bei denen 240 Nutztiere getötet wurden; 2017 waren es mit 160 Übergriffen und mehr als 400 getöteten Tieren sogar noch deutlich mehr gewesen.
Und auch für die Jäger mache sich das Auftreten des Wolfes bemerkbar. Das Rotwild sei schwerer zu bejagen, weil es sich zu größeren Rudeln zusammenrotte, um sich vor den Wölfen zu schützen. Und vor allem Rehe würden sich zusehends zurückziehen. "Vielerorts sieht man sie fast gar nicht mehr", so Brandt.
Aus Sicht der Jäger müsse in der Wolfspolitik ein Umdenken stattfinden. „Das Boot ist voll“, betont Thiele immer wieder. Der ehemalige Vorsitzende des NABU Burgdorf, Lehrte, Uetze Dirk Brinkmann kommt zu einer anderen Einschätzung. „Wir könnten auch mit deutlich mehr Wölfen umgehen. Das zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern“, sagt er. Es brauche einfach noch Zeit, bis sich in Deutschland das Verhältnis zum Wolf normalisiere. „Der Wolf erfüllt eine wichtige Funktion, indem er schwache Tiere tötet und nur die starken sich vermehren. Durch diese natürliche Auslese gesundet der Wald“, so Brinkmann.
Die Burgdorfer Jäger betonen, dass auch sie den Wolf nicht aus Deutschland vertreiben oder gar auszurotten wollen. „Es gibt genug Platz für Wölfe, beispielsweise in Nationalparks, auf Truppenübungsplätzen, im Harz und einigen anderen Gebieten“, sagt
Thiele. In Ballungsräume seien Konflikte aber vorprogrammiert. „Der Wolf ist gerade dabei, vom Kulturflüchter zum Kulturfolger zu werden, weil er merkt, dass er in der Nähe der Menschen viel leichter an Futter kommt. Er muss wieder lernen, eine hohe Fluchtdistanz einzuhalten“, fordert der Präparator Martin Baum, der selbst Jäger ist.