Debatte über die Einbahnstraße

Rund 40 Interessierte diskutieren in der Aula der Astrid-Lindgren-Grundschule über die Verkehrssituation auf der Lippoldstraße.
 
Bürgermeister Armin Pollehn stellt sich in der Aula der Astrid-Lindgren-Grundschule den kritischen Fragen der Anwohner.

Rund 40 Interessierte diskutieren mit Bürgermeister Armin Pollehn über die Situation auf der Lippoldstraße

Burgdorf (fh). Bei einem Orts­termin hat sich Bürgermeister Armin Pollehn kürzlich mit Anwohnern und Eltern von Grundschülern über die Verkehrssituation auf der Lippoldstraße ausgetauscht. Weil es in Strömen regnete, schloss Schulleiter Heiko Blumenstein kurzerhand die Astrid-Lindgren-Grundschule auf, sodass die rund 40 Teilnehmer mit viel Abstand und Mund-Nasen-Schutz in der Aula diskutieren konnten.
Pollehn hatte den Ortstermin angesetzt, weil sich Anwohner bei ihm in einem offenen Brief über die neue Einbahnstraßenregelung beschwert hatten. Das Pilotprojekt ist auf etwa sechs Monate angelegt – von Mitte August 2020 bis Ende Februar 2021. Politiker und Verwaltung wollen prüfen, ob sich dadurch die Verkehrssicherheit vor der Grundschule verbessern lässt. Je nachdem soll die Einbahnstraßenreglung dann wieder abgeschafft oder aber verlängert werden und könnte vielleicht sogar zum Vorbild für die Situation an anderen Schulen werden.
Doch viele Anwohner halten die Maßnahme auf der Lippoldstraße für unnötig oder sogar kontraproduktiv. „Wir wohnen ganz in der Nähe und meine Kinder sind schon mit vier Jahren alleine über die Straße zum Kindergarten gegangen und später dann zur Grundschule“, erzählte eine Anwohnerin bei dem Orts­termin und fügte hinzu: „Es ist eine freundliche Wohngegend, die Autofahrer warten an der Fahrbahnverengung, wenn da ein Kind rüber will.“ Gero von Oettingen, der den offenen Brief an den Bürgermeister initiiert hatte, bestätigte das und ergänzte, dass es auch laut Polizeibericht in diesem Bereich noch keinen Schulwegunfall gegeben habe.
In Anbetracht dessen sei die Einbahnstraße unverhältnismäßig, weil sie die Anwohner zu enormen Umwegen zwinge. „Wenn wir jetzt auf die Autobahn Richtung Hannover fahren wollen, müssen wir einmal durch das ganze Wohngebiet und sieben mal Rechts-vor-Links beachten“, wiederholte er ein Argument aus dem offenen Brief. Und weil die Autofahrer wüssten, dass ihnen niemand mehr entgegenkommen könne, seien viele von ihnen jetzt mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit unterwegs. Es sei also eher gefährlicher geworden.
Ein anwesender Vater widersprach dieser Darstellung. „Ich bringe meine Kinder jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Schule. Durch die Einbahnstraßenregelung ist es viel übersichtlicher geworden“, schilderte er seinen Eindruck.
Eine hitzige Diskussion gab es außerdem um die sogenannten Elterntaxis: Die Anwohner kritisierten, dass die komfortable Haltezone vor der Schule geradezu eine Einladung sei, die Kinder mit dem Auto zu bringen und abzuholen. Aber eben das führe zu dem hohen Verkehrsaufkommen vor Schulbeginn und nach Schulschluss und damit auch zu unübersichtlichen Situationen. Die Sicherheit könne also am ehesten dadurch verbessert werden, dass die Zahl der Elterntaxis reduziert werde und die Kinder stattdessen zu Fuß oder mit dem Fahrrad kämen.
Bürgermeister Armin Pollehn stimmte grundsätzlich zu. Das sei auch aus Gründen des Klimaschutzes wünschenswert und könne außerdem dazu beitragen, die Selbständigkeit der Kinder zu fördern. Allerdings warb er auch um Verständnis für die Eltern. „Ich selbst habe meine Tochter vor 15 Jahren mit dem Auto zu dieser Schule gebracht und bin dann gleich weiter zur Arbeit nach Hannover gefahren“, räumte er ein. Viele berufstätige Eltern hätten nicht die Zeit, ihre Kinder zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule zu bringen und schreckten andererseits davor zurück, sie alleine auf den Weg zu schicken.
Da habe sich gesellschaftlich etwas verändert: Der Aspekt der Sicherheit stehe für viele heute stärker im Vordergrund als der Aspekt der Selbständigkeit. „Anstatt die Elterntaxis zu verteufeln, sollten wir lieber Konzepte entwickeln, damit Eltern ein besseres Gefühl haben, wenn ihre Kinder den Schulweg alleine bestreiten“, gab er zu bedenken. Und da sei die Verkehrssicherheit der entscheidende Faktor. „Natürlich müssen wir dafür den ganzen Schulweg in den Blick nehmen, aber direkt vor den Schulen können wir zumindest einen Anfang machen“, argumentierte er.
Pollehn räumte aber auch ein, dass die Stadt das Gespräch mit den Anwohnern viel früher hätte suchen müssen. „Wir haben Sie nicht gut genug abgeholt und Ihre Perspektive nicht ausreichend aufgenommen“, wandte er sich an die Anwohner. Eigentlich hätte es bereits im Vorfeld oder spätestens zu Beginn des Pilotprojektes eine Bürgerversammlung geben sollen. „Darauf haben wir wegen der Corona-Epidemie zunächst verzichtet. Jetzt holt uns das ein“, sagte er.
Es sei ihm wichtig, von den Anwohnern zu hören, was im Alltag nicht funktioniere. „Wir werden Ihre Verbesserungsvorschläge noch mal in Ruhe prüfen“, sicherte er zu. Er warb bei den Anwohnern aber auch um Verständnis und Geduld. Die Verkehrssituation sei vor allen Burgdorfer Schulen schwierig und eine Patentlösung gebe es dafür nicht. „Deshalb ist es wichtig, dass wir mit dem Pilotprojekt Erfahrungen sammeln“, betonte er. Auch wenn es an der ein oder anderen Stelle hake, sei es nicht zum Scheitern verurteilt. „Ich sehe auch, dass einiges sehr gut funktioniert“, fasste Pollehn seine Beobachtungen zusammen.
Im Laufe des Dezembers wolle die Stadt mit der Auswertung beginnen und sich dafür auch in einem Workshop mit der Region Hannover austauschen. „Im neuen Jahr werden wir die Ergebnisse in den Ausschüssen vorstellen. Aber auch hier vor Ort möchte ich dann noch mal mit Ihnen ins Gespräch darüber kommen“, kündigte Pollehn an. Bevor das Pilotprojekt Ende Februar auslaufe, müsse die Politik dann entschieden, wie es weitergehen solle.