Burgdorfer Gedenkweg zum 9. November ist keine ritualisierte Pflichtübung

Rudolf Bembenneck (re.) erinnerte vor der ehemaligen Burgdorfer Synagoge an Emma Blumenthal und Gustav Italiener, die in Theresienstadt bzw. in Auschwitz ermordet wurden und deren Stolpersteine deshalb dort in den Gehsteig eingelassen worden sind. (Foto: Georg Bosse)

„Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mein vergessen?“

BURGDORF (gb). Zur Erinnerung an die Reichsprogromnacht 1938 hatten der Arbeitskreis „Gedenkweg 9. November“ der vier Burgdorfer Kirchengemeinden und der Kulturverein Scena am vergangenen Dienstagabend auf den jüdischen Friedhof eingeladen. Nach dem Verlesen des Bibelpsalms 42 durch Pastor Michael Schulze und einem gemeinsamen Gebet setzte sich die gut 70 Personen zählende Gruppe in einem mahnenden Marsch zu den Stolpersteinen in Bewegung.
Im Psalm 42, der vom Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) zur Kantate „Wie der Hirsch schreit“ vertont worden ist, heißt es unter anderem „... Ich sage zu Gott, meinem Fels: „Warum hast du mein vergessen?...“. Damit die ehemaligen Mitglieder der jüdischen Gemeinde Burgdorf, die seinerzeit Opfer der Shoah des antisemitischen und menschenverachtenden Naziregimes geworden waren, nicht vergessen werden, legte der Gedenkweg kleine Pausen an den Burgdorfer Stolpersteinen ein. Ebenda erinnerten Schüler des Gymnasiums und der Realschule sowie Pastor i.R. Rudolf Bembenneck an die Menschen, deren Namen dort verewigt sind, und legten weiße Rosen nieder.
Der Weg endete in der St. Pankratiuskirche, wo Bürgermeister Alfred Baxmann und die einstige Burgdorfer Superintendentin Oda Gebbine Holze-Stäblein nachdenkliche Worte zu den damaligen Geschehnissen fanden: „Aus Mitmenschen wurden „Gegenmenschen“. Offener Antisemitismus wurde mehrheitlich gesellschaftsfähig. Auch 72 Jahre nach dieser zerstörerischen Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird Zeit für Erinnerung, Zeichen und Anstöße gebraucht. „Die Stolpersteine sind Meilensteine des Gedenkens in einer Stadt, in der seit 22 Jahren der Gedenkweg keine ritualisierte Pflichtübung ist, sondern ein Teil des Weges, um die Erinnerung an das Schreckliche wach zu halten“, so der Bürgermeister. Oda-Gebbine Holze Stäbleins (68) anschließender Vortrag beleuchtete „Das Verhältnis der Kirchen zum Judentum nach 1945“ aus ganz persönlicher Sicht.