Burgdorfer Gedenkweg soll „das Vergessen verhindern“

In seinem Redebeitrag „Es geht auch anders!“, blätterte Pastor i.R. Rudolf Bembenneck (Mi.) in der Vergangenheit und wünschte sich für die Zukunft den „Burgdorfer Geist von 1796“. (Foto: Georg Bosse)

Hoffnung auf den Burgdorfer Geist von 1796

BURGDORF (gb). „Zeichen setzen in Zeiten, wo rechtes Gedankengut und Handeln (wieder) populär zu sein scheint und damit das Vergessen verhindern“, mahnte Pfarrer Martin Karras die gut 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Burgdorfer „Gedenkweg 9. November“ in der katholischen Pfarrkirche St. Nikolaus „Im Langen Mühlenfeld“.
Zuvor hatte sich die Gruppe vor dem Rathaus I an der Marktstraße getroffen, wo sie sich nach einem Gedenk- und Grußwort von Burgdorfes stellvertretender Bürgermeisterin Christa Weilert-Penk zu ihrem Spaziergang zur Erinnerung an die menschenverachtenden Vorkommnisse der Reichspogromnacht 1938 aufgemacht hatte. Der Fußmarsch führte zu den Stolpersteinen für Jenny und Henri Steinberg (Marktstraße 43) sowie für Julie Simon (Marktstraße 48). Am Stolperstein in der Friederikenstraße 55 wurde gemeinsam mit Lehrerin Sigrid Jansen sowie Schülerinnen und Schülern der Prinzhornschule der jüdischen Familie Samuelson gedacht.
Der „Gedenkweg 9. November“ 2012 fand seinen würdigen Abschluss in der katholischen St. Nikolauskirche. Bedacht eingefügt in ein Konzert des „Kleinen Chors“ Burgdorf unter der Leitung von Ilsabe Bartels-Kohl mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) und Louis Lewandowski (1821-1894) war der Redebeitrag von Pastor i.R. Rudolf Bembenneck. Sein Vortrag über „einen überraschenden Fund aus dem Jahre 1796“ stellte einen Bezug zur inhumanen Vorgehensweise gegenüber jüdischen Menschen ab 1938 sowie zur heutigen Abschiebe- und Bleiberechtspraxis her - denn: „Es geht auch anders!“
Im Jahr 1796 ging es in Burgdorf ebenfalls um Abschiebung und Bleiberecht. Das Problem wurde erstaunlicherweise zu Gunsten der jüdischen Familie Rachmühl gelöst, obwohl die rechtlichen Bestimmungen im Königreich Hannover eindeutig dagegen sprachen. Nach einer Rüge gegenüber dem „Amte“ Burgdorf stimmten die Fürsprachen des damaligen Superintendenten Grupe, von 46 christlichen Bürgern sowie ein „vortheilhaftes Zeugnis“ des Amtes Burgdorf die königliche Regierung um. Die Rachmühls lebten bereits seit 30 Jahren in Burgdorf. Die Regierung war beeindruckt, gestattete den Aufenthalt und erteilte Mutter und Sohn Rachmühl eine „Concession zum Handel mit Band, Mützen und anderen dergleichen geringen Waaren“. „Das Eintreten der 46 Burgdorfer, gleichbedeutend mit rund 20 Prozent der Einwohnerschaft, und des Superintendenten Grupe für eine Jüdin und ihren kranken Sohn, war zur damaligen Zeit geradezu eine Sensation. Gewissermaßen eine imponierend große Bürgerbewegung „Pro Asyl“ am Ende des 18. Jahrhunderts. Die Burgdorfer Dokumente aus dem Jahr 1796 sind hoch erfreulich und stehen unserer Stadt gut zu Gesicht“, bewertete Rudolf Bembenneck diesen Vorgang. 1796 ging es anders. Aber wie geht es heute?
„In Europa, das soeben den Friedensnobelpreis 2012 erhalten hat, wird die Volksgruppe der Sinti und Roma nach wie vor diskriminiert und ausgegrenzt. Diese Menschen leben in Serbien und Mazedonien sowie in einigen anderen östlichen Staaten unter elenden Bedingungen. Kein Wunder also, dass sie sich aufmachen und in den westlichen Ländern Asyl suchen“, beschrieb Bembenneck die momentane Situation. Es könnte durchaus sein, dass in wenigen Wochen in Burgdorf Asylsuchenden aus Serbien und Mazedonien Unterkünfte zugewiesen werden müssen. „Wie werden wir als Stadtgesellschaft darauf reagieren? Wird unser Jahresthema „Burgdorf International“ auch die Ärmsten der Armen unter den Asylsuchenden einschließen?“, fragte Rudolf Bembenneck, der hofft, dass der Burgdorfer Geist von 1796 hier und heute noch lebendig ist. „Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern“, André Malraux (1901-1976), französischer Schriftsteller, Widerstandskämpfer und Politiker.