Briefe erzählen Geschichte

Dieter Heun und Heidi Rust sichten Briefe, Tagebücher und andere persönliche Zeugnisse aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. (Foto: r)
 
Das Buch "Schatten auf der Seele" umfasst 324 Seiten und ist ab sofort erhältlich. (Foto: r)

Die Autoren Dieter Heun und Heidi Rust geben ein Buch mit Zeitzeugenberichten aus dem Zweiten Weltkrieg heraus

BURGDORF (r/fh). Es sind Zeugnisse von Not und Verzweiflung, von Hunger und Tod, aber auch von Irrtümern, Einsicht, Besonnenheit und Vernunft: In dem frisch erschienen Buch „Schatten auf der Seele" hat das Autorengespann Dieter Heun und Heidi Rust auf 324 Seiten Berichte von Burgdorfern aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Zeit danach versammelt. Bei vielen von ihnen hinterließen die fatalen Ereignisse seelische Wunden, die sie ihr weiteres Leben als „Schatten auf der Seele“ begleiteten und häufig unausgesprochen blieben. In dem Buch finden sich nicht nur nachträgliche Schilderungen, sondern auch damals verfasste Briefe, Tagebucheinträge und andere persönliche Schriftstücke.
Im Vordergrund stehen Berichte über Krieg und Kriegsgefangenschaft, über Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen Ostgebieten und die unmittelbaren Auswirkungen, die der Zweite Weltkrieg auf die Stadt Burgdorf und ihre Bewohner hatte. Das Buch "Schatten auf der Seele" ist Teil einer Triologie. Den ersten Teil mit dem Titel "Im Schatten des Vergessens" über Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und heimatlose Ausländer in Burgdorf 1939-1950 hat der am 4. Januar 2018 verstorbene Rudolf Bembenneck noch selbst veröffentlicht. Judith Rohde vom Arbeitskreis "Gedenkweg 9. November" arbeitet an einem zweiten Band zur Geschichte der jüdischen Familien in Burgdorf, über die Bembenneck umfangreiches Material zusammengetragen hat.
Das dritte Buch "Schatten auf der Seele" erscheint zum passenden Zeitpunkt: Denn nächsten Mittwoch soll die Integrierten Gesamtschule (IGS) bei einer Feierstunde offiziell ihren neuen Namen "Rudolf-Bembenneck-Gesamtschule" erhalten. Von Bembenneck stammt auch die Anregung zu dem dritten Teil der Triologie: Anlässlich seiner Rede zum Volkstrauertag 2007 hatte er die Burgdorfer aufgerufen, ihm Zeitzeugenberichte in Form von Feldpostbriefen, Tagebüchern und anderen Aufzeichnungen zu überlassen, aus denen er die Geschichte der NS-Zeit aus der Sicht der Opfer aufschreiben wollte, damit für die nachwachsende Generation die Erinnerung an die Schrecken des Krieges und die Herrschaft der Nationalsozialisten wach gehalten werden kann.
Aufgrund seiner schweren Erkrankung hat er diese Absicht nicht mehr umsetzen können. "Vor seinem Tod bat er mich, die vielen Unterlagen, die er in den Jahren erhalten hatte, Herrn Heun mit der Bitte zu übergeben, die Geschichten aufzuschreiben und in Buchform zu veröffentlichen", sagt Adolf W. Pilgrim. Das Buch haben die beiden Autoren deshalb Bembenneck gewidmet.
In manchen Aufzeichnungen der Burgdorfer Zeitzeugen, die Heun uns Rust nun für ihr Buch ausgewählt haben, spiegeln sich die anfänglich bedingungslose Identifizierung mit dem nationalsozialistischen Führerstaat und schließlich Verzweiflung, Angst und Ausweglosigkeit. So schreibt ein junger Fähnrich an seine 17-jährige Burgdorfer Brieffreundin: „Ich bin glücklich, den Kampf um die Freiheit unseres Volkes mit der Waffe in der Hand mitmachen zu dürfen“. Nach Kriegsende ist hingegen im Brief eines Burgdorfer Kriegsgefangenen zu lesen: „Wahnsinnige Menschen haben uns betrogen und verraten  jetzt leiden wir Verführten“. Diese Entwicklung wird auch deutlich in dem Tagebuch einer jungen Burgdorferin, die das Leben in unserer Stadt in den Jahren 1943 bis 1947 ausführlich und eindrucksvoll festgehalten hat.
Einen breiten Raum nehmen dabei auch Berichte von der Massenflucht der Deutschen aus Ostpreußen, Westpreußen, Pommern und Schlesien ein. Ein anderer Burgdorfer schildert beispielsweise den Weg über das zugefrorene Frische Haff. Er beschreibt nicht nur die Gefahren der Bruchstellen im Eis, sondern auch Angriffe durch Tiefflieger, die die Eisdecke bombardieren, sodass viele Menschen ertrinken und Kinder bei eisiger Kälte erfrieren.
Einige Beiträge zeichnen sich durch ihre besondere Form aus. So etwa der Bericht über eine Kriegsgefangenschaft in einem Tagebuch, das  in gereimten Versen verfasst  einem Burgdorfer Kriegskameraden gewidmet ist. Eindrucksvoll sind auch die 1943 entstandenen Theaterszenen „Der Totentanz“, in denen ein zum Wehrdienst einberufener Staatsanwalt, der später in Burgdorf lebte, in Form eines Lesedramas die verabscheuungswürdigen Machenschaften der Nationalsozialisten an den Pranger stellt.
Das Buch „Schatten auf der Seele“ ist ab sofort zum Preis von 22 Euro bei Bleich Drucken und Stempeln (Braunschweiger Straße 2), Buchhandlung FreyRaum (Marktstraße 54) und Wegeners Buchhandlung (Marktstraße 65) sowie im Stadtmuseum (Schmiedestraße 6) und in der KulturWerkStadt (Poststraße 2) erhältlich. Die Herausgabe des Buches wurde möglich durch die Spenden zahlreicher Burgdorfer Bürger, Einrichtungen und Unternehmen. Der Verkaufserlös kommt der Arbeit des Stadtmuseums und der KulturWerkStadt zugute.