Beratungsstelle und Treffpunkt

Holger Hornbostel bietet in der Tageswohnung auch unter Corona-Bedingungen weiterhin Beratungsgespräche an – mit einer Trennwand aus Plexiglas und Maske.
 
Weil in der Tageswohnung Maskenpflicht gilt, haben die Mitarbeiter der Tageswohnung hinter dem Haus einen Pavillon aufgestellt.

Unter strengen Hygieneregeln erhält die Burgdorfer Tageswohnung ihr Angebot aufrecht

Burgdorf (fh). In einer Ecke gibt ein Besucher gerade etwas in einen Computer ein, ansonsten sind der Aufenthaltsraum und die Küche in der Burgdorfer Tageswohnung am Dienstagmorgen verwaist. „Die meisten unserer Gäste halten sich im Moment lieber im Pavillon hinter dem Haus auf. Wir haben ihn aufgestellt, weil drinnen überall Maskenpflicht gilt“, erläutert Holger Hornbostel, der die Einrichtung des Diakonieverbandes Hannover-Land leitet. Draußen im Pavillon können die Besucher hingegen ausreichend Abstand halten und den Mund-Nasen-Schutz an ihrem Sitzplatz deshalb abnehmen.

Unterstützung bei Wohnungsnot

Die Tageswohnung an der Mühlenstraße 4 ist eine Anlauf- und Beratungsstelle für Obdachlose und für Menschen, die von Wohnungsnot bedroht sind. „Viele landen bei uns, wenn sie ihre Miete nicht mehr zahlen können und deshalb eine Kündigung vom Vermieter erhalten oder sogar eine Räumungsklage gegen sie vorliegt“, sagt Hornbostel. Oberstes Ziel sei es dann, die Wohnung zu halten und den Rausschmiss, wenn irgend möglich, noch abzuwenden. „Wenn das nicht gelingen sollte, unterstützen wir auch bei der Suche nach einer neuen Bleibe“, so der Sozialarbeiter und Diakon.
Aber selbst wenn die Kündigung verhindert oder eine neue Wohnung gefunden ist, kommen einige auch weiterhin regelmäßig in die Tageswohnung. „Vor allem arbeitslose, alleinstehende Männer verbringen bei uns gern den Vormittag, um nicht zu vereinsamen und ihrem Tag Struktur zu geben“, beschreibt Hornbostel. Es sei für sie deshalb sehr belastend gewesen, dass sie in der Anfangsphase der Epidemie ab Mitte März nicht mehr in die Einrichtung kommen konnten. „Damals durften sich nur Wohnungslose bei uns aufhalten und Beratungen waren in begrenztem Rahmen nach Terminvereinbarung erlaubt“, blickt der Sozialarbeiter zurück. Er sei froh, dass die Tageswohnung unter Einhaltung eines strengen Hygienekonzeptes nun wieder allen offen stehe.
Um das Infektionsrisiko zu senken, gelten nicht nur Abstandsregeln und Maskenpflicht, sondern die Mitarbeiter desinfizieren auch jeden Morgen das gesamte Haus und führen aufwendige Besucherlisten. Auf ein gemeinsames Frühstück muss zur Zeit verzichtet werden. Außerdem wird häufig durchgelüftet, weshalb es sich allerdings schwierig gestalte, die Räume mit den Kaminöfen warm zu halten.

Anlaufpunkt für Durchwanderer


Vor Beginn der Corona-Epidemie seien täglich etwa 30 Besucher in die Tageswohnung gekommen, aktuell seien es um die 20. Darunter sind auch sogenannte Durchwanderer, also Menschen, die normalerweise nicht dauerhaft in Burgdorf bleiben, sondern von Ort zu Ort ziehen. „Es sind fast ausschließlich Männer. Manche von ihnen sind in ganz Deutschland unterwegs, andere nur regional“, erläutert Hornbostel.
Warum sie sich für diese Lebensweise entscheiden, sei schwer zu beantworten und könne ganz unterschiedliche Gründe haben. „Bei vielen spielen Schulden eine Rolle. Wenn sie dann auch noch ihre Wohnung verlieren, laufen einige im wahrsten Sinne des Wortes vor ihren Problemen weg“, macht Hornborstel einen Erklärungsversuch. Und tatsächlich habe diese Strategie zumindest insofern Erfolg, als dass nach einigen Jahren meist niemand mehr nach ihnen suche.
Die Tageswohnung sei für die Durchwanderer ein wichtiger Anlaufpunkt. Denn dort werden ihnen nicht nur die Tagessätze ihrer staatlichen Grundsicherung ausgezahlt, sondern sie können auch duschen, ihre Wäsche waschen und Lebensmittelspenden erhalten. Holger Hornbostel und seine Kollegen Grit Schiller und Wolfgang Gärtner kennen viele der Durchwanderer schon lange, weil sie in regelmäßigen Abständen immer wieder kommen. „Sie ziehen nicht aufs Geratewohl umher, sondern folgen festen Routen und machen dabei hauptsächlich in Kleinstädten Halt“, erläutert Hornbostel. An einer dieser historischen Wanderstrecken liege auch Burgdorf.
Während sie hier normalerweise nur kurz Station machten, sind sie in diesem Jahr angesichts der Corona-Epidemie zum Teil mehrere Monate geblieben. „Aufgrund der Infektionslage haben wir sie im Frühjahr aufgefordert, erst einmal nicht weiterzuziehen“, so Hornbostel. Deshalb seien einige erst im Sommer wieder aufgebrochen und einzelne hielten sich auch weiterhin in Burgdorf auf.

Beratung bei Schulden und Sucht


Die Betreuung der Durchwanderer und Beratung bei drohender Wohnungsnot sind die Schwerpunkte der Tageswohnung. Aber auch darüber hinaus werden Ratsuchende begleitet. Denn oftmals seien Kündigung oder Räumungsklage mit weiteren Problemen verknüpft, wie beispielsweise Schulden, Alkoholsucht oder einer psychischen Erkrankung. Je nach Fall leisten die Mitarbeiter der Tageswohnung selbst Unterstützung oder vermitteln einen Kontakt zu einer Fachberatungsstelle.
Gerade wenn jemand in mehreren Bereichen Hilfe benötigt, werde die Tageswohnung oft zu einem wichtigen Bezugspunkt, an dem die Fäden zusammenlaufen. „Wir betrachten die Probleme dann nicht nur isoliert, sondern sehen auch die Gesamtsituation“, so Hornbostel.