"Aufgeben ist leicht"

In vertrauter Runde: Der Suchtarzt im Ruhestand Ulrich Eggebrecht (von links) unterhält sich mit den Gruppenmitgliedern Iris Foschepoth und Heidi Döring sowie Gruppenleiterin Irmgard Wrensch.

Die Selbshilfegruppe für Alkohol- und Medikamentenabhängige "Montags-Treff" unterstützt Betroffene seit 35 Jahren dabei, wieder in ein strukturiertes Leben zu finden

BURGDORF (fh). Bevor Iris Foschepoth am 15. Oktober zum ersten Mal zum Montags-Treff gekommen ist, hat sie noch einen Piccolo getrunken. Aus Angst, weil sie nicht wusste, was sie in der Selbsthilfegruppe für Alkohol- und Medikamentenabhängige erwarten würde. "Ich habe nur geweint, weil ich mich so geschämt habe", erinnert sich die 53-Jährige. Umso überraschter war sie, als sie merkte, dass sie dort niemand verurteilte. "Ich wurde nicht Versager genannt, sondern aufgefangen und mir wurde Mut gegeben", sagt sie. Genau das hat sie damals gebraucht: Seit dem 16. Oktober 2018 ist sie trocken.
Doch das sei jeden Tag aufs Neue eine große Herausforderung. "Aufgeben ist leicht, durchhalten schwer", fasst sie zusammen. Doch dabei wollen die anderen Mitglieder der Selbsthilfegruppe sie, so gut es geht, unterstützen. Zu diesem Zweck wurde die Gruppe 1984, vor genau 35 Jahren, gegründet. Im Laufe der Zeit hat sie vielen Menschen den nötigen Rückhalt gegeben, um ihr Leben ohne Alkohol zu meistern und auch nach Rückfällen nicht aufzugeben. "Wir sitzen alle im selben Boot und wissen wovon sie spricht und was sie durchmacht", sagt die Gruppenleiterin Irmgard Wrensch.
Sie ist schon seit 33 Jahren mit dabei. Ihr Mann Klaus hatte damals gerade einen Entzug gemacht und sie gebeten, mit zu den Gruppentreffen zu kommen. Denn die Unterstützung und das Verständnis der Angehörigen spiele eine große Rolle. "Die meisten kommen zusammen mit ihren Ehepartnern", sagt Wrensch. Auch sie müssten oftmals ihr Verhalten ändern, weil sie in den Jahren zuvor die Sucht ihres Partners oder ihrer Partnerin aktiv unterstützten oder nach außen verdeckten. "Das bezeichnen wir als Co-Abhängigkeit", erläutert Wrensch.
Sie und ihr Mann hätten Glück gehabt, weil sie vergleichsweise früh auf das Problem aufmerksam wurden. "Mein Mann hat regelmäßig beim DRK Blut gespendet und eines Tages wiesen ihn die Ärzte dort darauf hin, dass mit seinen Leberwerten etwas nicht in Ordnung sei", erinnert sie sich. Als er gemerkt habe, wie schwer es ihm falle, auf das tägliche Bier zu verzichten, habe er nicht lange gefackelt, sondern umgehend eine Entzugsklinik aufgesucht. "Seitdem hat er keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken", so Wrensch.
Zur vollständigen Abstinenz ohne jede Ausnahme gebe es für Alkoholiker keine Alternative, ist der frühere Suchtarzt Ulrich Eggebrecht überzeugt. Er war am Klinikum Wahrendorff im Entzug tätig und steht der Selbsthilfegruppe seit mehr als 30 Jahren beratend zur Seite. "Es ist beeindruckend, was der Montags-Treff leistet. Die Gruppe hätte viel mehr Unterstützung verdient", betont der 82-Jährige.
Denn wer nach Entgiftung und Therapie wieder in sein bisheriges Umfeld zurückkehre, sei ständig Versuchungen ausgesetzt. Das reiche vom Begrüßungssekt, über das Stück Schwarzwälder Kirschtorte beim Kaffeetrinken bis hin zum Spargel, der mit Weißweinsauce serviert wird. "Wenn jemand einmal süchtig war und dann wieder mit Alkohol in Berührung kommt, erinnert sich der Körper an den Wirkungsmechanismus und verlangt nach mehr. Da können schon kleinste Mengen ausreichen", erläutert der 82-Jährige.
Heidi Döring hatte in den ersten Monaten nach der Therapie deshalb immer Angst, dass ihr Mann Ulf bei der Arbeit wieder trinken könnte. "Dort gab es viel Alkohol. Das war nicht leicht für ihn", sagt die 63-Jährige rückblickend. Dabei hatte er die Therapie letztlich vor allem auf Drängen seines Arbeitgebers begonnen, nachdem er im Dienst umgekippt war. Zunächst habe er selbst gar nicht dahinter gestanden, sondern nur dem äußeren Druck nachgegeben. "Aber nach drei oder vier Monaten, kurz vor dem Ende der Therapie, hat er zu mir gesagt: Jetzt hat es 'Klick' gemacht. Ich werde nicht mehr trinken", erinnert sich die Sehnderin. Das war vor mehr als 30 Jahren und er habe sich bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr daran gehalten. Auch in dieser schweren Zeit hat die Selbsthilfegruppe Heidi Döring Halt gegeben.
Der Montags-Treff hat gegenwärtig 36 Mitglieder, zu den wöchentlichen Treffen kommen meist 22 bis 28. Zusätzlich besichtigen die Mitglieder gemeinsam Suchtkliniken und Beratungsstellen, besuchen Vorträge, machen Ausflüge und unternehmen viele weitere Freizeitaktivitäten. All das soll den Betroffenen helfen, in ein strukturiertes Leben zurückzufinden und stabil zu bleiben.
Nach außen habe der Montags-Treff viel Aufklärungsarbeit geleistet. "Die Selbsthilfegruppen für Suchtkranke haben in den vergangenen Jahrzehnten mit dazu beigetragen, gesellschaftliche Vorurteile abzubauen", ist Wrensch überzeugt, sieht aber weiterhin viel Verbesserungsbedarf: "Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft Alkoholabhängige nicht so schnell verurteilt. Viele sehen nicht, was für ein Seelenschmerz oft dahinter steckt."
So wie bei Iris Foschepoth: Ihr Vater habe sie als Kind und Jugendliche vergewaltigt. Als sie schließlich vor Gericht gegen ihn aussagte, habe er zur Strafe ihren Hund umgebracht. Es seien auch diese Erinnerungen gewesen, die sie Zuflucht im Alkohol suchen ließen. Dank des Montags-Treffs schöpft sie nun langsam wieder Mut und neue Hoffnung. "Die Gruppe gibt mir Halt und hat mir das Vertrauen in die Menschen wiedergegeben", sagt Foschepoth.
Die Selbsthilfegruppe trifft sich künftig nicht mehr wöchentlich wie bisher, sondern jeden zweiten Montag von 19.30 bis 21.30 Uhr im Haus der AOK, Heinrichstraße 29, in Burgdorf. Weitere Infos gibt Irmgard Wrensch unter Telefon (05136) 81316.