"Artikel 3 auch in der Kirche"

Während des Gottesdienstes erläutern die Frauen die Anliegen der Protestbewegung "Maria 2.0". (Foto: St.-Nikolaus-Gemeinde)
 
Nicht länger schweigen: Mit der Aktion "Maria 2.0" kritisieren katholische Frauen, dass sie in vielen Fragen nach wie vor kein Mitspracherecht haben. Symbolisch haben sie Maria ein Pflaster vor den Mund geklebt. (Foto: St.-Nikolaus-Gemeinde)

St.-Nikolaus-Gemeinde beteiligt sich an der Protestaktion "Maria 2.0" / Barbara Gebbe fordert Zugang zu allen Ämtern und gleiche Rechte für Frauen

BURGDORF (r/fh). Kein Blumenschmuck und keine Kerzen im Altarraum, und im Kirchenschiff weit und breit keine Frau, nur einige Männer in den hinteren Reihen: Mit einem besonderen Gottesdienst hat sich die Burgdorfer St.-Nikolaus-Gemeinde an der Protestbewegung "Maria 2.0" beteiligt und dabei vor Augen geführt, wie leer und trostlos die Kirche und das Gemeindeleben ohne die Frauen wären.
Die Aktion hat ihren Ursprung in der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Münster. Dort haben sich Frauen entschlossen, ihre Kritik an überkommenen und männerdominierte Strukturen in der katholischen Kirche nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand, sondern öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck zu bringen und mit Vehemenz für Gleichberechtigung auch in der Kirche einzutreten.
Sie fordern insbesondere, dass Frauen Pfarrerin werden und andere Weihämter übernehmen können. "Die Übernahme von kirchlichen Diensten reicht uns nicht mehr aus. Frauen wollen und können mehr Verantwortung in Führungspositionen innerhalb der Kirche und Gemeinden übernehmen", betont die Vorsitzende Pfarrgemeinderats von St. Nikolaus, Barbara Gebbe. Außerdem setzen sich die Frauen für die schonungslose Aufklärung er Missbrauchsfälle ein und lehnen das Pflichtzölibat ab.
Die Initiatorinnen aus Münster hatten Frauen in den katholischen Gemeinden deutschlandweit dazu aufgerufen, sich vom 11. bis 18. Mai an ihrem Streik zu beteiligen: Eine Woche lang haben sie keine Kirche betreten und auch ihre ehrenamtlichen Dienste nicht verrichtet. So weit wollten Gebbe und ihre Mitstreiterinnen zwar nicht gehen. Sie haben aber erreicht, dass sich ihre Burgdorfer Gemeinde als einzige in der Region Hannover überhaupt an der Aktion beteiligt hat.
Bei dem Gottesdienst am 19. Mai sind die Frauen zu Beginn symbolisch auf dem Kirchvorplatz geblieben und haben dorthin auch den Blumenschmuck für den Altar mitgenommen. Dementsprechend bot sich den männlichen Gottesdienstbesuchern erst einmal ein ungewohnte Bild.
Pfarrer Martin Karras trat dann nicht wie gewohnt von der Sakristei zum Altar, sondern ging zunächst zu den Frauen auf dem Kirchplatz. Die Zeit sei überfällig, dass Frauen nicht nur die gleichen Pflichten wie Männer haben, sondern auch die gleichen Rechte wie sie erhalten, so seine Botschaft. Zusammen mit Martin Karras zogen die Frauen anschließend in die Kirche und brachten auch den Blumenschmuck zum Altar.
Während des Gottesdienstes hielt Barbara Gebbe eine Ansprache, in der sie Motive und Ziele des Kirchenstreiks "Maria 2.0" erläuterte. Sie kritisierte, dass Frauen in der katholischen Kirche noch immer nicht die gleichen Rechte haben wie Männer und ihnen auch der Zugang zu vielen Ämtern nach wie vor verwehrt bleibt. Das stehe in Widerspruch zu Artikel 3 des Grundgesetzes, der die Gleichberechtigung von Männern und Frauen postuliert.
Mit der Übergabe einer Online-Petition an Papst Franziskus im Februar 2019 sei bereits der Forderung nach Zugang für Frauen zu allen Ämtern der katholischen Kirche, mehr Transparenz und mutigerem Vorgehen in Bezug auf sexualisierte Gewalt, sowie Aufhebung des Pflichtzölibats intensiv Nachdruck verliehen worden. "Das alleine reicht aber nicht, die verantwortlichen Entscheidungsträger innerhalb der Kirche zu bewegen. Wir fordern nun endlich Veränderungen und daher stehen wir auf und beziehen länderüber-greifend Stellung", so Gebbe.
Den Namen "Maria 2.0" hätten sie gewählt, so erklären es die Initiatorinnen aus Münster, weil die Kirchenmänner in ihrer Mitte nur eine Frau duldeten: Maria. "Auf ihrem Sockel. Da steht sie. Und darf nur schweigen. Holen wir sie vom Sockel! In unsere Mitte. Als Schwester, die in die gleiche Richtung schaut, wie wir", schreiben sie in einem offenen Brief an Papst Franziskus.