"Anders und doch sehr vertraut"

Pastorin Friederike Grote von der St.-Pankratius-Gemeinde hängt die Plakate der Kampagne "beziehungsweise: jüdisch und christlich" in den Schaukasten vor der Kirche.
 
Das Plakat für den Monat Februar macht auf die Verbindungen zwischen dem Purim-Fest und Karneval aufmerksam. (Foto: r)

Eine Plakatkampagne macht auf Verbindungen zwischen christlicher und jüdischer Kultur aufmerksam

Altkreis (fh). Kleine und etwas größere Clowns und Monster, Ritter und Hexen, Tiere und andere phantasievoll gekleidete Gestalten machen Krach mit Hilfe von Rasseln, trampeln mit den Füßen oder rufen laut "Buh". Klingt nach einer fröhlichen Kinderfaschingsfeier, oder? Doch tatsächlich beschreibt die Rabbinerin Ulrike Offenberg von der Jüdischen Gemeinde Hameln mit diesen Worten ein typisches Purim-Fest in der Synagoge.
Genau auf solche Verbindungen und versteckten Gemeinsamkeiten zwischen der jüdischen und der christlich geprägten Kultur soll in diesem Jahr eine bundesweite Plakatkampagne aufmerksam machen. Daran beteiligen sich auch Kirchengemeinden aus Burgdorf und Umgebung, unter anderem die katholische St.-Nikolaus-Gemeinde, die Neuapostolische Gemeinde und die evangelischen Gemeinden St. Pankratius, St. Paulus, Martin Luther Ehlershausen und St. Antonius Immensen. Im Laufe des Februars werden sie ein Plakat mit der Aufschrift "Wir trinken aufs Leben - Purim beziehungsweise Karneval" in ihre Schaukästen hängen.

Plakate stellen Beziehungen her

Die Aktion steht unter dem Motto „#beziehungsweise – jüdisch und christlich: näher als du denkst“. und wird von der Evangelischen Kirche Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz getragen. Anlass ist das diesjährige Jubiläum "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Denn ein Gesetz von Kaiser Konstantin aus dem Jahr 321 gilt als erster urkundlicher Beleg, dass in diesem Teil Europas damals bereits Jüdinnen und Juden lebten und die jüdischen Gemeinden seit der Spätantike ein wichtiger Bestandteil der hiesigen Kultur sind.
Mit dem Rückblick auf diese 1700-jährige Geschichte sind viele düstere Erinnerungen verbunden: an die Unterdrückung der Jüdinnen und Juden im Mittelalter, an ihre Verfolgung und Ermordung im Nationalsozialismus und daran, dass der Antisemitismus auch in der Gegenwart nicht verschwunden ist. "Wir dürfen nicht wegschauen, müssen eindeutig Stellung gegen Antisemitismus beziehen und aufklären. Das ist die Aufgabe von Christen und Christinnen, Aufgabe der Kirchen", sagt Pastorin Friederike Grote von der St.-Pankratius-Kirchengemeinde. Gleichzeitig gebe es viel Gutes, Begegnung, gemeinsame Aktionen, voneinander und miteinander lernen und leben in Deutschland.
Genau daran knüpft auch die Kampagne „#beziehungsweise“ an. Die 14 unterschiedlichen Plakate setzen jeweils eine jüdische und eine christliche Tradition in Beziehung zueinander: Feste wie Pessach und Ostern, Lebensstationen wie Konfirmation und Bar Mizwa oder Gebote wie das Innehalten am Schabbat und am Sonntag machen auch sichtbar, wie sehr das Christentum im Judentum verwurzelt ist. Wichtig ist es den Initiatoren der Kampagne, die jüdischen Glaubensinhalte dabei nicht durch das Christentum zu vereinnahmen, sondern ihre Eigenständigkeit zu respektieren: Sie sind eng miteinander verbunden und doch nicht gleich, nicht austauschbar.
Auf den Plakaten stehen jeweils nur einige Sätze, als Denkanstoß und zur ersten Einordnung. Damit bringen sie die Verbundenheit zwischen der christlich geprägten Kultur und dem Judentum öffentlich zum Ausdruck. Zusätzlich ist aber jeweils ein QR-Code abgedruckt. Wer ihn einscannt, gelangt auf die Internetseite www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de. Dort finden sich weitere Hintergrundinformationen zu den jeweiligen jüdischen und christlichen Traditionen, ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Zusätzlich gibt es dort jeweils am dritten Dienstag im Monat ein digitales Vortragsangebot zu den Themen.
Verteilt über das ganze Jahr 2021 werden die teilnehmenden Kirchengemeinden in Burgdorf und Uetze die unterschiedlichen Plakate in ihre Schaukästen hängen, passend zum jeweiligen Monat. Weil Rosenmontag auf den 15. und Purim auf den 26. Februar fällt, wird im Februar das Motiv "Purin beziehungsweise Karneval" gezeigt. "Purim feiert die Rettung des jüdischen Volkes vor der Vernichtung durch ein staatlich organisiertes Pogrom. Im Karneval werden herrschende Verhältnisse auf den Kopf gestellt", ist dort zu lesen.

Purim und Karneval

Auf der Internetseite der Kampagne folgen nähere Erläuterungen: An Purim wird in den jüdischen Gemeinden aus dem biblischen Buch Esther vorgelesen. Es erzählt von dem persischen Regierungsbeamten Haman, der alle Juden im Perserreich an einem Tag ermorden wollte. Königin Ester führt jedoch durch Fasten und Gebet die Rettung herbei. Jedes Mal, wenn bei der Lesung der Übeltäter Haman erwähnt wird, machen die Kinder Krach, um dessen Namen symbolisch auszulöschen. "Purim ist das Lieblingsfest jüdischer Kinder, denn sie dürfen sich nach Herzenslust verkleiden und brauchen nicht still sitzen", schreibt dazu Rabbinerin Offenberg. Außerdem ist es üblich, an diesem Tag Süßigkeiten und Speisen zu verschenken.
Auch zum Karneval gehören phantasievolle Kostüme, Fröhlichkeit und Lärm dazu. Dabei sei heute vielen gar nicht mehr bewusst, dass dieses Fest ursprünglich die vorösterliche Fastenzeit einläutete, schreibt die katholische Theologin Marie-Theres Wacker. Danach verzichteten Christen traditionell rund vierzig Tage lang auf Fleisch. Carne vale heißt auf Lateinisch soviel wie "Fleisch Lebwohl". Vor dieser Zeit des Verzichts durfte dafür noch einmal den fetten Speisen und dem Alkohol gefrönt, die Herrschenden mit Spott überzogen und die Welt auf den Kopf gestellt werden. Darin schwinge auch die Hoffnung mit, dass das diesseitige Leben mit seinen Entbehrungen und Ungerechtigkeiten nicht alles ist.

Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de.