„Als Napoleon ganz Europa in Aufruhr versetzte“

Nach der Ausstellungseröffnung: Horst Hübner (Leiter der Burgdorfer Zinnfigurensammlung), Michael Kugel (Stadtrat), Heiko Nebel (Vorstand der Stadtsparkasse Burgdorf) und Karl-Ludwig Schrader (VVV-Vorsitzender) besichtigen die Exponate. (Foto: VVV)
 
Horst Hübner (links) stellt die neue Zinnfigurenausstellung vor. (Foto: VVV)

Im Stadtmuseum erleben die Besucher Weltgeschichte im Zinnfigurenformat

BURGDORF (r/jk). In Zinn gegossene Weltgeschichte erlebten die Besucher beim ersten Rundgang durch die mittlerweile 18. Ausstellung der Burgdorfer Zinnfigurensammlung, die der VVV, der Förderverein Stadtmuseum und die Stadt Burgdorf im Stadtmuseum (Schmiedestraße 6) eröffneten und bis zum 27. Oktober präsentieren. Horst Hübner, der die größte Zinnfigurensammlung in kommunalem Besitz seit 1977 betreut, und seine Mitstreiter Karl König, Klaus Gronau, Günter Hochgräber, Wolfgang Maillard und Hasso Almeling hatten für die neueste Schau als Schwerpunkt Momentaufnahmen der großen Feldzüge des Kaiser Napoleons I. ausgewählt und damit ein bewegendes Kapitel der französischen Geschichte in den Mittelpunkt gerückt, das zugleich entscheidenden Einfluss auf die Weltgeschichte in den ersten beiden Jahrhunderten des 19. Jahrhunderts ausübte.
„Ich finde es immer wieder faszinierend, wie hier in Burgdorf mit viel Liebe zum Detail und Kunstfertigkeit durch Zinnfiguren Szenerien aus der Historie nachgestellt werden und dem Betrachter spannende Einblicke in die Vergangenheit gewähren, die sich nicht nur auf militärische Vorgänge beschränken“, bekannte Heiko Nebel vom Vorstand der Stadtsparkasse Burgdorf bei seiner Eröffnungsrede. „Wir können in Burgdorf stolz auf das mit der Zinnfigurensammlung Geschaffene sein, für das Friedrich Schirmer von 1935 bis zu seinem Tod 1973 den Grundstock legte und dessen Erbe Horst Hübner und Friedrich G. Wiesener mit Unterstützung des VVV fortführten“, hob Nebel hervor und unterstrich, dass dieser einzigartige Kulturschatz in Burgdorf dauerhaft bewahrt werden müsse. Er versprach auch für die Zukunft die Unterstützung der Stadtsparkasse Burgdorf, die sich schon seit 1978 für die Zinnfigurensammlung engagiert und zur Erwerbung diverser neuer Dioramen beitrug.
„Hinter der Ausstellung steht der Leitgedanke, das weltgeschichtliche Umfeld Kaiser Napoleons I. mit Zinnfiguren für die Zuschauer so detailgetreu wie möglich auf spannende Weise erlebbar zu machen“, erläuterte Horst Hübner in seiner Einführung. Wenn man sich Napoleon und seinem Wirken nähere, stünden zwei Aspekte im Vordergrund: einmal seine im eigenen und in den besetzen Ländern von innenpolitischen Reformen flankierten Kriegszüge, und zweitens sein ungeheures Machtstreben mit der charismatischen Fähigkeit, Völker an sich zu binden, führte Hübner in seiner historischen Einordnung weiter aus. Dadurch sei es dem ehrgeizigen Usurpator gelungen, das alte europäische Macht- und Staatengefüge bis nach Russland ins Wanken zu bringen.
Unter den zu sehenden Großaufstellungen erregte der mit unzähligen Zinnfiguren auf einer 12 Quadratmeter großen Fläche dargestellte Übergang Napoleons und seiner Truppen über den Fluss Beresina besondere Aufmerksamkeit. Diese imposante Szenerie hatte ein hannoverscher Sammler als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. „Flucht, Not, Elend, Niederlage und Tod bestimmten das Geschehen, als sich Napoleons ausgemergelte Armee im November 1812 auf der Flucht vor den russischen Truppen über die Beresina wälzte“, so schilderte Hübner den Hintergrund der Darstellung, die auch den beginnenden Niedergang von Napoleons bisher ungebrochener Siegesserie verkörperte. Deren vorläufiges Ende sei dann mit der ein Jahr später für Frankreich desaströs endenden Völkerschlacht bei Leipzig eingeleitet worden.
Ebenfalls beeindruckende Dimensionen hatte die zweite Großaufstellung, die einen wichtigen Abschnitt der Befreiungskriege behandelt und die innerhalb eines Herbsttages des Jahres 1813 ablaufenden militärischen Auseinandersetzungen in der Göhrde, einer niedersächsischen Landschaft zwischen Lüneburg und Dannenberg, widerspiegelt. Gegenüber standen sich die alliierten Truppen mit Kurhannoveranern, Anhaltinern, Russen, Preußen, Schweden, Mecklenburgern und Engländer und die hoffnungslos unterlegenden französischen Truppen in einem Verhältnis von 4:1.
In den zahlreichen kleineren Schaukästen sind weitere weit gefächerte Ausschnitte aus Napoleons Herrscherzeit zu sehen, die u.a. die Lebensumstände in den von ihm besetzten Staaten und seinen Einzug in Ägypten abbilden. Daneben zeigt eine Aufstellung die Einweihung einer Waterloosäule im Jahr 1832, die an die Schlacht bei Waterloo im Jahr 1815 erinnert, deren Niederlage Napoleon zum endgültigen Abtritt von der politischen Bühne zwang.
Das Stadtmuseum ist sonnabends und sonntags von 14.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. Im Rahmen des Stadtfestes Oktobermarkt gibt es am 5. und Oktober ein Beiprogramm mit dem Zinnfigurenexperten Rolf Grünewald junior, der die Besucher zum Gießen von Zinnfiguren einlädt und die Feinheiten dieser Technik vorstellt.