Abschuss einer jungen Wölfin

Das Foto zeigt eine junge Wölfin aus einem Rudel in Sachsen. (Foto: Symbolbild: Nabu/Michael Hamann)

Tier gehörte vermutlich dem Burgdorfer Rudel an / Ergebnis der genetischen Untersuchung steht noch aus

Burgdorf (fh). Das Niedersächsische Umweltministerium hat den Abschuss einer jungen Wölfin bekannt gegeben. Sie wurde in der Nacht zu Donnerstag, 22. April, getötet. Das Tier sei etwa ein Jahr alt und nicht trächtig gewesen. Es gehörte vermutlich zu dem Rudel, das im Burgdorfer Holz beheimatet ist. Mit Sicherheit lässt sich das aber erst sagen, wenn die genetische Untersuchung mittels Gewebeprobe abgeschlossen ist. Das Ergebnis soll voraussichtlich spätestens bis zum 9. Mai vorliegen.
Laut dem Niedersächsischen Umweltministerium war der Abschuss „von der geltenden Rechtslage nach dem Bundesnaturschutzgesetz vollumfänglich gedeckt“. Nach zahlreichen Weidetierrissen rund um das Burgdorfer Holz hatte der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) für das Rudel eine Ausnahmegenehmigung zur Entnahme erteilt, so die juristische Bezeichnung für die gezielte Tötung.
Allerdings bezog sie sich nur auf die beiden Elterntiere. Für den Rüden GW 950m gilt sie seit dem 31. März. Für die Fähe GW 1423f sollte sie erst zum 1. Juli in Kraft treten, um sicherzustellen, dass sie nicht getötet wird, wenn sie trächtig ist oder ihre Jungen säugt. Befristet ist die Genehmigung für beide Tiere bis zum 31. August. Nach dem Abschuss ist sie nun vorerst ausgesetzt.
Bei der getöteten Wölfin handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht um die besagte Fähe, sondern um eine ihrer Töchter. Zum Zeitpunkt des Abschusses lag demnach weder explizit für sie noch für ein anderes weibliches Tier aus dem Rudel eine Genehmigung vor. Allerdings sei es im Gelände auf Entfernung nicht möglich, einen Wolf zweifelsfrei zu identifizieren, heißt es aus dem Umweltministerium. Selbst die Unterscheidung von weiblichen und männlichen Tieren könne nicht gewährleistet werden.
Deshalb sei in erster Linie die zeitliche und räumliche Nähe zu Nutztierrissen ausschlaggebend. Die Genehmigung beschränke sich deshalb auf einen klar definierten Teil des Kernterritoriums des Burg­dorfer Rudels in einigen Kommunen der Region Hannover sowie des Landkreises Peine. Außerdem dürfe die Tötung nur von geeigneten Personen entsprechend der Vorschriften vorgenommen werden. Beide Kriterien seien bei dem Abschuss in der Nacht zum 22. April erfüllt gewesen, weshalb das Ministerium ihn als rechtmäßig einstuft.

Nabu fordert Offenlegung der Genehmigungen

Der Naturschutzbund (Nabu) Niedersachsen kritisiert diese Bewertung. Es sei nicht nachvollziehbar, dass es keinerlei Konsequenzen habe, wenn der „falsche“ Wolf erschossen werde. „Die Landesregierung scheint gewillt zu sein, diese Kollateralschäden beim Wolf billigend in Kauf zu nehmen. Wie dies mit europäischem und deutschem Recht vereinbar sein soll, erschließt sich mir nicht“, so der Vorsitzende des Landesverbandes Holger Buschmann. Der Wolf sei sowohl nach internationalem als auch nach nationalem Recht streng geschützt. Außerdem bemängelt der Nabu, dass das Umweltministerium die Abschussgenehmigungen geheim halte und fordert Einsicht in die entsprechenden Dokumente.
Der Vorsitzende des Nabu Burgdorf, Lehrte, Uetze Michael Scheer-Behrens lehnt die Abschüsse ab. „Es ist nicht nur fraglich, ob das gemäß dem europäischen Recht überhaupt zulässig ist, sondern auch ob es zielführend ist“, sagt er. Wenn einzelne Tiere getötet würden, hörten die Nutztierrisse nicht unbedingt auf. Ganz im Gegenteil könnte das sogar Unruhe in das Rudel und damit neue Probleme mit sich bringen. „Derzeit geht von den Wölfen im Burgdorfer Holz keine besondere Gefährdung aus. Mit speziellen Zäunen können Weidetiere ausreichend geschützt werden“, zeigt sich Scheer-Behrens überzeugt.

Burgdorfer Jäger erhalten Drohungen

In den Sozialen Medien haben radikale Wolfsschützer indes Beiträge veröffentlicht, in denen einzelne Jagdpächter namentlich genannt werden. „Es wird suggeriert, dass sie etwas mit dem Abschuss zu tun hätten. Zwischen den Zeilen wird zu Gewalt und Sachbeschädigung aufgerufen“, sagt Oliver Brand von der Jägerschaft Burgdorf. Letzteres sei auch in die Tat umgesetzt worden: Nach dem Abschuss seien im Bereich des Burgdorfer Holzes einige Hochsitze umgekippt oder beschädigt, an anderen seien Zettel mit Drohungen angebracht worden: „Finger weg vom Wolf. Sonst gehen eure Hochsitze in Flammen auf. Wir kriegen es raus, wer geschossen hat“, ist dort zu lesen. „Wir sind betroffen, dass einige Menschen hier vor Ort zu solchen Mitteln greifen. Hier werden derzeit Grenzen überschritten und menschlicher Anstand missachtet“, sagt Brandt.
Die Jägerschaft Burgdorf erwarte vom Nabu, dass er sich von Gewaltaufrufen, Drohungen und Sachbeschädigungen deutlich distanziere. „Diese Vorfälle sind mir nicht bekannt. Das lehnen wir natürlich entschieden ab und distanzieren uns ausdrücklich davon. Wir wünschen uns eine sachliche Auseinandersetzung“, sagt der Vorsitzende des Nabu-Ortsverbands Scheer-Behrens.

Die Nutztierrisse des Burgdorfer Rudels

Seit dem Herbst 2019 war es im Territorium des Burgdorfer Rudels vermehrt zu Übergriffen von Wölfen auf Nutztiere gekommen, bei denen auch immer wieder der zumutbare Herdenschutz überwunden wurde. Dabei haben Wölfe nicht nur kleinere Nutztiere wie Schafe und Gehegewild erbeutet, sondern wiederholt Rinder und vor allem Pferde gerissen. Das wertet das Umweltministerium als besondere Ausnahme, weil Pferde und Rinder als wehrhafte Tiere gelten und weitaus seltener von Wölfen attackiert werden.
Aus den DNA-Analysen und den vorgefundenen Rissbildern ging hervor, dass unter anderem die beiden Elterntiere des Rudels, der Rüde GW950m und die Fähe GW1423f an den Rissen beteiligt waren. Der Gesamtschaden, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf diese beiden Tiere zurückgehe, belaufe sich bisher auf rund 9.260 Euro. Weitere Risse würden derzeit noch untersucht. Vor diesem Hintergrund hat der NLWKN die artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung zur Entnahme der beiden Wölfe erteilt, um zu verhindern, dass sie die untypischen Jagdtechniken an ihre Jungen weitergeben.