60 Jahre Luftsportverein Burgdorf - die Gemeinschaft ist entscheidend

Die Welt in schwarz-weiß: links ein Segelflugzeug vom Typ SG 38, rechts das erste, selbstgebaute Schulflugzeug vom Typ „Doppelraab“. (Foto: LSV Burgdorf)
 
Seit Jahrzehnten beim Luftsportverein Burgdorf aktiv dabei: Dieter Krause (links) und Hartmut Schlüter. (Foto: LSV Burgdorf)

Himmelfahrt wieder „Tag der offenen Tür“

BURGDORF (r/jk). Zwei Männer sitzen in der Sonne vor dem Vereinsheim des Luftsportvereins Burgdorf in Ehlershausen und blinzeln in die Sonne. Segelflugzeuge kreisen am Himmel, ab und zu wird eines mit der Seilwinde in den Himmel geschleppt. „Wie das aussah, als wir hier anfingen, nur nasses Moor und Sandhügel“, sagt Dieter Krause nachdenklich. Er ist seit seiner Jugend dabei und heute mit 76 Jahren der älteste aktive Pilot im LSV Burgdorf. „Für uns Kinder war das ein Paradies“, ergänzt der 60-jährige Fluglehrer Hartmut Schlüter, der schon im Kinderwagen hier draußen Flugplatzluft schnupperte. In diesem Jahr feiert der Burgdorfer Verein seinen 60. Geburtstag.
So fing alles an: Im Herbst 1950 gründeten ein paar „alte“ Flieger im Cafe Baumgarten in Burgdorf den „Deutschen Aeroclub, Kreisgruppe Burgdorf e.V.“, wohl hoffend, dass bald wieder geflogen werden dürfe. Im Sommer 1951 hoben die Alliierten das nach dem Krieg ausgesprochene Verbot für den Segelflug in Westdeutschland auf. Nur wieder in die Luft, das war der Traum der älteren Piloten und bald auch der jungen, die staunend davon gehört hatten.
Am Westrand von Burgdorf wurde auf einem Feldweg mit einer altersschwachen Motorwinde ein geliehenes Segelflugzeug in niedrige Höhe geschleppt. Den „alten Hasen“ war es egal, es wurde wieder geflogen! Die Mitglieder krempelten die Ärmel hoch, das erste eigene Segelflugzeug vom Typ „Doppelraab“, ein zweisitziges Schulflugzeug, entstand in 7000 Arbeitsstunden in der Werkstatt am alten Schießstand. Holzflugzeuge bauen, hatten die älteren gelernt. Geld und Baumaterial waren knapp, der Landkreis Burgdorf sprang ein und half. 1954 war große Taufe vor dem Rathaus auf den Namen „Burgdorf“.
Hartmut Schlüter erinnert sich: „Mein Vater Horst sprach die Jugend über den Modellbau an, hielt Vorträge in den Schulen und holte so junge Mitglieder in den Verein.“ Problematisch war die Suche nach einem eigenen Flugplatz. Am Ortsrand von Burgdorf gab es kein geeignetes Gelände oder die Besitzer wollten nicht. Per Fahrrad wurde von Ehlershausen aus, wo die Familie Schlüter jetzt wohnte, die Gegend erkundet. Am Nordrand des Großen Moores wurde man fündig. Die Realgemeinde Ramlingen-Ehlershausen sagte ja zu den Plänen der Flieger. Ein Pachtvertrag wurde geschlossen. Das gute Verhältnis zur Realgemeinde dauert bis heute an. „Wir mussten dennoch oft für den Flugplatz kämpfen. Mal sollten Bauernhäuser gebaut werden, dann eine Hochspannungsleitung quer über den Platz“, erzählt Hartmut Schlüter. Heute stößt die Kontrollzone des Flughafens Hannover an die Platzgrenze. Kurs Südwest ist für die Segelflugzeuge tabu, aber damit kann man leben.
Allen Widrigkeiten zum Trotz, der Verein ist immer gewachsen, seit Jahren zählt er rund 120 Mitglieder. „Wir wollten immer günstig fliegen und haben uns um Spenden und Zuschüsse gemüht. Den Grundsatz verfolgt der Verein bis heute, auch wenn die Unterstützung weniger geworden ist“, berichtet Dieter Krause, viele Jahre auch 1. Vorsitzender des Vereins, Hartmut Schlüter sein Stellvertreter.
In zehntausenden von unbezahlten Arbeitsstunden entstand am Großen Moor ein vorbildliches Segelfluggelände mit Hallen, einem Jugendheim und zwei Werkstätten. Die Akademische Fliegergruppe aus Berlin - in der Hauptstadt herrschte bis zur Wende absolutes Flugverbot - war 30 Jahre Gast auf dem Flugplatz Ehlershausen und hinterließen nach der Wiedervereinigung ihre Gebäude den LSVern. Heute besitzt der Luftsportverein 15 Segelflugzeuge und einen Motorsegler. Gehegt und gepflegt wird das Traditionsflugzeug „Doppelraab“, das auch noch flugtüchtig ist. Zehn Privatmaschinen entlasten den Flugzeugpark des Vereins. In der Chronik nachzulesen sind die Berichte über die besonderen Taufen neuer Flugzeuge. So freute man sich über die prominente Taufpatin Elly Beinhorn und den deutschen Astronauten Ulf Merbold.
Etwa 750 Flugschüler haben beim LSV Burgdorf in den 60 Jahren das Fliegen gelernt. Für die meisten unvergessen ist ihr erster Alleinflug. Dieter Krause lacht laut auf: „Bei meinem dritten Alleinflug habe ich Mist gebaut und bin am Ortsrand auf einer Pferdewiese gelandet. Die Fluglehrer waren froh, dass alles heil war, und ich bekam nicht mal einen Anpfiff.“
Und so sieht seit eh und je Segelfliegers Sommertraum aus: in der aufsteigenden Warmluft, der Thermik, sich unter den Wolken nach oben kreisen, um dann zur nächsten Wolke weiter zu fliegen. Dreiecksflüge von mehr als 800 Kilometern mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit im reinen Segelflug von 100 Stundenkilometern werden vom Segelflugplatz Großes Moor aus geflogen. Auf den Siegerlisten bei Wettbewerben stehen die LSVer oft ganz oben. Rieke Haastert aus Ehlershausen wurde Deutsche Meisterin, Horst Schlüter bei der Europameisterschaft Dritter und internationaler Meister von Dänemark, Christian Schaelicke aus Burgdorf Militärweltmeister. „Als ich in den 50er Jahren meinen 5-Stunden-Dauerflug machte, da war das noch etwas Besonderes. Heute fliegen wir bei schönem Wetter mal eben eine paar hundert Kilometer über das Land. Der Wegfall der Grenze hat uns da sehr geholfen und wir können die gute Thermik im Osten nutzen“, so Dieter Krause. Jedes Jahr legen die LSVer mehr als 100 000 Kilometer mit ihren Flugzeugen am Himmel zurück. Urlaubsreisen mit Segelflugzeugen quer durch ganz Europa stehen seit Jahrzehnten auch auf dem Programm.
„Mein Vater hat als Vorsitzender und Ausbildungsleiter viel für den Verein getan“, ergänzt Hartmut Schlüter. Die Theorien zum Segelflug seines Vaters hat er in moderner Form auf den Computer gebracht und unterrichtet als Trainer den Nachwuchs in Niedersachsen im Überlandflug. Im LSV kümmern sich 12 Fluglehrer um derzeit 28 Flugschüler. Alle Arbeiten am Platz, in der Werkstatt oder an den Flugzeugen werden von den 120 Mitgliedern erledigt.
Zu den unangenehmen Erinnerungen zählen Unfälle, die aber glimpflich abgegangen sind. Hartmut Schlüter hat sich mit dem Motorflugzeug Piper vor 30 Jahren bei der Landung überschlagen, Dieter Krause ist vor zwei Jahren mit der Piper nach einem Motorausfall in den Wald am Flugplatzrand gestürzt. Totalschaden, aber Gott sei Dank nur am Flugzeug. Die schönsten Erinnerungen? Sie müssen nicht lange nachdenken: „Wir haben beide unsere Frauen hier im Verein kennengelernt“, lachen die Oldies. Bei Krauses wird die Fliegertradition fortgesetzt. Die drei Töchter fliegen auch im LSV, Schwiegersohn Carsten Freyer hat auch zehn Jahre die Geschicke des Vereins als Vorsitzender gelenkt.
Was hat den Verein zusammengehalten? „Es war die gute Gemeinschaft zwischen allen Generationen. Wir haben uns auch heftig gestritten, aber immer wieder um des Fliegens Willen zusammengerauft“, so die Erklärung der „Urgesteine“ im LSV. Das Engagement gehörte immer dem Luftsportverein Burgdorf, auch wenn man beruflich zwischenzeitlich weit weg war. „Das ist beim Nachwuchs heute leider nicht mehr so“, stellen die beiden beim Blick in die Zukunft ein wenig nachdenklich fest.
An Himmelfahrt, Donnerstag, 13. Mai, ist wie seit mehr als 30 Jahren „Tag der offenen Tür“ auf dem Segelflugplatz in Ehlershausen. „Dann sind alle wieder dabei und packen mit an“, so die Zustandbeschreibung. Hunderte Besucher aus umliegenden Ortschaften pilgern dann zu „ihren“ Segelfliegern auf den Flugplatz Ehlershausen, um sich das Burgdorfer Land aus der Vogelperspektive anzuschauen. Einige waren so begeistert, dass sie mit dem Fliegen angefangen haben und bis heute dabei geblieben sind.