23.000 Unterrichtsstunden in vier Jahren

Der Vorstandsvorsitzende des Burgdorfer Mehrgenerationenhauses Dagobert Strecker (vorne, von links), Leiterin Ursula Wieker und die Dozentinnen Sabine Genters (hinten, von links), Camilla Hilzenberger und Isolde Methner ziehen nach vier Jahren Landessprachkursen eine positive Bilanz.

Die vom Land geförderten Sprachkurse im Mehrgenerationenhaus laufen zum Jahresende aus

Burgdorf (fh). Im Burgdorfer Mehrgenerationenhaus (BMGH) geht eine Ära zu Ende: Denn viele der 1680 Flüchtlinge, die seit 2014 nach Burgdorf gekommen sind, haben sich dort in den zurückliegenden Jahren nicht nur beraten lassen, sondern auch Deutsch gelernt. Zum Jahresende läuft in Niedersachsen nun die Förderung aus, über die seit 2016 ein Großteil der Sprachkurse finanziert wurde. „Das Land hat damals ein gutes Programm aufgelegt, das vieles ermöglicht hat und sich auch im deutschlandweiten Vergleich sehen lassen kann. Es ist schade, dass es nun endet.“
Auf dem Höhepunkt hat das Mehrgenerationenhaus 2018 und 2019 über die Landesförderung gleichzeitig bis zu 300 Teilnehmer unterrichtet. Sie verteilten sich auf 15 Kurse für unterschiedliche Niveaustufen und Zielgruppen. Und egal ob die Teilnehmer in einer Alphabetisierungsmaßnahme Lesen und Schreiben lernten, in einem Angebot für Fortgeschrittene an ihren Deutschkenntnissen feilten oder parallel zum Spracherwerb sogar den Hauptschulabschluss nachholten – sie alle hatten einen gut gefüllten Stundenplan. Denn in jedem Kurs lernten sie montags bis freitags rund drei Stunden pro Tag. „Seit 2016 haben wir auf diese Weise insgesamt rund 23.408 Unterrichtsstunden geleistet“, bilanziert BMGH-Leiterin Ursula Wieker mit Stolz in der Stimme.
Die Räume im Mehrgenerationenhaus hätten dafür bei Weitem nicht ausgereicht. 2018 wurde an über zehn unterschiedlichen Standorten unterrichte, unter anderem in Räumen der Burgdorfer Kirchengemeinden, im Vereinsheim der TSV-Fußballer und in der Integrierten Gesamtschule (IGS). Auch in der Flüchtlingsunterkunft Vor dem Celler Tor bot das BMGH zusammen mit der deuko Sprachschule Kurse an.
Und nicht nur der Raum-, sondern auch der Personalbedarf war hoch. Insgesamt waren bis zu 38 Dozenten für das Mehrgenerationenhaus tätig. Einige von ihnen hatten sich dort bereits vorher engagiert und zum Teil auch schon in deutlich kleinerem Rahmen ehrenamtlich Sprachkurse gegeben. Zusätzlich heuerten vor allem Lehrer im Ruhestand beim BMGH an. Für das Landeprogramm absolvierten die allermeisten von ihnen umfangreiche Fortbildungen in Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und in interkultureller Kommunikation.
In der Regel wurde ein Kurs von einem Team aus mehreren Dozenten übernommen, die jeweils an ein oder zwei Tagen pro Woche unterrichteten. „Das hat für mehr Abwechslung gesorgt und die Teilnehmer hatten immer mehrere Ansprechpartner mit unterschiedlichen Erfahrungen und Kenntnissen“, sagt Wieker.
Die Kurse hätten das Fundament für eine gelingende Integration gelegt. „Denn Sprache ist eine wichtigte Voraussetzung, um sich in der neuen Heimat zurechtzufinden und einen Dialog mit der Bevölkerung vor Ort zu ermöglichen“, sagt die Leiterin des Mehrgenerationenhauses. Doch über den Spracherwerb hinaus hätten die Dozenten noch viel mehr geleistet. „Sie haben eine persönliche Bindung zu den Teilnehmern aufgebaut, sich ihre Sorgen und Bedürfnisse angehört und bei Schwierigkeiten vermittelt“, so Wieker. Vielen Teilnehmern habe der regelmäßige Unterricht außerdem Struktur und Stabilität im Alltag gegeben, solange sie noch keiner Arbeit nachgehen konnten.
In diesem Jahr konnte das Mehrgenerationenhaus nur noch vier Sprachkurse über die Landesförderung anbieten. Wieker hätte zumindest dieses reduzierte Angebot gern weitergeführt – doch zum 31. Dezember läuft die Förderung aus. „Vor allem über den Familiennachzug kommen nach wie vor Flüchtlinge nach Burgdorf und sind auf Sprachkurse angewiesen“, sagt sie. Dieser Bedarf müsse künftig nun überwiegend durch die Angebote der Volkshochschule (VHS) und der deuko Sprachschule in der Flüchtlingsunterkunft gedeckt werden.
Das Burgdorfer Mehrgenerationenhaus selbst will zumindest auch nächstes Jahr wieder einen Mutter-Kind-Kursus anbieten. „Dieses Konzept haben wir entwickelt, weil wir immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass geflüchtete Frauen zum Teil deshalb kein Deutsch lernen, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen“, erläutert Wieker. Das spezielle Angebot sei ein voller Erfolg gewesen: Acht von zehn Teilnehmerinnen hätten sogar die recht anspruchsvolle B1-Prüfung bestanden, die formal zur Aufnahme einer dualen Ausbildung befähigt. „Und das zum Teil sozusagen mit ihren Säuglingen an der Brust. Einte tolle Leistung!“, sagt Dozentin Camilla Hilzenberger.
Gerade angesichts des Familienzuzugs sei es wichtig, dass es so einen Kursus weiterhin vor Ort gebe. Um einen Raum und einen Dozenten für zwölf Stunden pro Woche, verteilt auf drei Tage, finanzieren zu können, sind laut Wieker rund 25.000 Euro nötig. Zur Unterstützung dieses Angebots hat das Mehrgenerationenhaus bei der Stadt für nächstes Jahr rund 10.000 Euro mehr beantragt als für 2020. Ob die Förderung von nun insgesamt rund 81.000 Euro für alle Aktivitäten des Mehrgenerationenhauses bewilligt wird, entscheidet am 8. Dezember der Verwaltungsausschuss.

Die Anfänge ab 2014

Bereits ab 2014 wurden im Mehrgenerationenhaus ehrenamtlich Sprachkurse angeboten, die vom Land als Erwachsenenbildungsmaßnahme mit 5,50 Euro pro Stunde gefördert wurden. Für Raum und Personal reichte das bei weitem nicht, aber zumindest das Unterrichtsmaterial konnte damit finanziert werden. 2016 und 2017 wurden Kurse angeboten, die von der Lotto Sport Stiftung und von der Stadt Burgdorf gefördert wurden. Parallel lief das umfangreiche Landesprogramm an.