Fingerspiele statt Smartphone

Kathrin Beil (von links), Christiane Gersemann und Karin Goldmann machen auf die neue Kampagne „Sprich mit mir...“ aufmerksam und sprayen mit Sprühkreide ein Motiv auf den Gehweg.
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Burgdorf (fh). Zwei Mütter prallen frontal mit den Kinderwagen zusammen. Ihre Smartphones, auf die sie eben noch während des Gehens geschaut haben, fliegen ihnen aus der Hand. Die beiden Frauen schauen genauso verdutzt wie ihre Kinder, die durch den Zusammenstoß in die Luft gewirbelt werden. Unter dem Motto „Sprich mit mir…“ wirbt die Stadt Burgdorf jetzt mit zwei einprägsamen Zeichnungen der Cartoonistin Renate für einen bewussten Umgang mit dem Smartphone im Familienalltag. „Wir wollen nicht mit dem berühmten erhobenen Zeigefinger, sondern auf humorvolle Weise auf das Thema aufmerksam machen“, sagt die SPD-Ratsfrau und Vorsitzenden des Jugendhilfeausschusses Christiane Gersemann.
Sie hatte im vergangenen Jahr vorgeschlagen, nach dem Vorbild anderer Kommunen auch in Burgdorf eine solche Kampagne umzusetzen. Dafür bekam sie im Jugendhilfeausschuss breite Zustimmung. Die Kommunalpolitiker beschlossen, eine Anschubfinanzierung von 2000 Euro bereitzustellen und in den folgenden Jahren gegebenenfalls noch weitere Mittel freizugeben, um das Projekt zu verstetigen.
Zum Auftakt der Kampagne hängen jetzt für eine Woche Plakate mit den Cartoons von Renate Alf an den Bushaltestellen Bahnhofsstraße, Rubensplatz und Duderstädter Weg sowie auf dem Bahnsteig des Burgdorfer Bahnhofs. Die Motive sollen aber auch in Kitas und in den Wartezimmern von Kinderarztpraxen aufgehängt werden und an markanten Stellen mit wasserlöslicher Sprühkreide auf dem Gehweg aufgebracht werden. „Anstatt die neuesten Nachrichten auf dem Smartphone zu lesen, können Eltern gerade solche Wartezeiten ganz bewusst nutzen, um mit ihren Kindern zu interagieren“, sagt Gersemann.
Denn die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern, der intensive Kontakt und die direkte Ansprache seien wichtig für die emotionale Bindung, die Persönlichkeitsentwicklung und nicht zuletzt auch den Spracherwerb. „Bei den Schuleingangsuntersuchungen werden immer häufiger Verzögerungen bei der sprachlichen Entwicklung festgestellt. Es ist wichtig, gegenzusteuern“, begründet sie.
Als kreative Impulse eigneten sich je nach Alter der Kinder beispielsweise kleine Fingerspiele wie „Geht ein Mann die Treppe rauf“, Lieder zum Vor- oder Mitsingen, Ratespiele wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“ oder später beispielsweise Zungenbrecher. Anregungen dafür sind auf Flyern zu der Kampagne abgedruckt. Kathrin Beil vom Netzwerk Frühe Hilfen, Karin Goldmann vom Familienservicebüro und Petra Pape vom Bündnis für Familien wollen sie demnächst zusammen mit kleinen Fingerpuppen aus Stoff verteilen, zum Beispiel in Kitas, auf Spielplätzen oder beim Kinderfest zum verkaufsoffenen Sonntag am 15. Mai. „Auf diese Weise möchten wir mit den Eltern über das Thema ins Gespräch kommen“, so Goldmann.
Bei all dem gehe es nicht darum, Smartphones zu verteufeln. „Sie sind für uns alle zum ständigen Begleiter geworden und oft auch unverzichtbar, um den Familienalltag zu organisieren“, betont Gersemann. Es gehe vielmehr darum, die eigene Handy-Nutzung zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. Gemeinsame Zeit mit dem Kind ganz ohne digitale Technik und die Erinnerung an kleine Spiele, Lieder und Abzählreime aus der eigenen Kindheit könnten auch für die Eltern eine schöne Erfahrung sein. „Wir hatten bei unserer Ideensammlung jedenfalls viel Spaß und auch den ein oder anderen Ohrwurm“, sagt Karin Goldmann mit einem Augenzwinkern.

Kathrin Beil (von links), Christiane Gersemann und Karin Goldmann machen auf die neue Kampagne „Sprich mit mir...“ aufmerksam und sprayen mit Sprühkreide ein Motiv auf den Gehweg.
Mit Cartoons von Renate Alf wirbt die Stadt Burgdorf für einen bewussten Umgang mit dem Smartphone im Familienalltag.
Autor:

Franka Haak aus Burgdorf

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