Unbeholfen, aber nicht hilflos

In der sogenannten Ästlingsphase hat die junge Singdrossel ihr Nest schon verlassen, kann aber noch nicht fliegen und wird weiterhin von ihren Eltern versorgt. (Foto: Piabay/naturschnecke)

Der Nabu Niedersachsen warnt vor der Mitnahme von Jungvögeln

Region (r/fh). Im Nabu-Artenschutzzentrum in Leiferde steht das Telefon im Moment nicht still: Bei der Gartenarbeit oder beim Ausflug ins Grüne werden immer wieder Jungvögel entdeckt, die am Boden sitzen, sich unbeholfen bewegen und noch nicht flugfähig sind. "Das löst bei vielen Menschen den Wunsch aus, diesen Tieren zu helfen", berichtet die Leiterin des Artenschutzzentrums Bärbel Rogoschik. Viele glaubten, dass sie von ihren Eltern verlassen wurden oder diesen etwas zugestoßen ist.
Dabei gebe es oft eine ganz harmlose Erklärung, weiß Rogoschik. Denn viele Jungvögel befänden sich jetzt in der sogenannten Ästlingsphase: Sie haben das Nest zwar schon verlassen, können aber noch nicht fliegen und sitzen deshalb auf Ästen oder am Boden, wo sie aber weiterhin von ihren Eltern versorgt werden. Die Altvögel sehe man dann vielfach nicht, weil sie sich von den Menschen gestört fühlten und erst wenn diese verschwunden seien, zu ihren Jungen zurückkehrten. Andere hätten mehrere Jungen zu versorgen, sodass sie auch mal längere Zeit wegblieben.
Auch wenn Jungvögel im Nest scheinbar nicht mehr versorgt würden, sei das nicht automatisch Grund zur Sorge. "Das kann auch eine Strategie sein, damit sie den Brutplatz endlich verlassen", erläutert Rogoschik. Und selbst wenn einem Elternteil etwas zugestoßen sei, kümmere sich der Partner in der Regel weiterhin um den Nachwuchs.
Innerhalb von einer Woche wurden zuletzt 161 Tiere in das NABU-Artenschutzzentrum gebracht. 95 Prozent davon waren Jungvögel und die Hälfte davon Ästlinge, die höchstwahrscheinlich noch Eltern hatten. „Aus falsch verstandener Tierliebe, werden leider zahlreiche Ästlinge eingesammelt und zu uns gebracht“, berichtet Rogoschik. Doch Ästlinge seien so stark auf ihre Vogeleltern geprägt, dass sie sich von Menschen fast gar nicht mehr füttern ließen. "Das kann fatale Folgen für das eingesammelte Tier haben", warnt Rogoschik.
Besonder problematisch sei es, wenn sich die Finder in fragwürdigen Internet-Foren informierten, in denen die sofortige Mitnahme und eventuell auch noch falsches Futter propagiert würden. "Diese Tiere kommen dann, nach einer gewissen Zeit, in einem nicht mehr ganz so guten Zustand in Leiferde an", bedauert die Leiterin des Artenschutzzentrums. Nur wenn ein Tier augenscheinlich verletzt ist beziehungsweise sich der Findern hundertprozentig sicher sei, dass es Hilfe brauche, solle er eingreifen.