Mit dem Nachtwächter durch Hänigsen

Vor dem Rundgang gab es noch einen „Hänigser Schluck“ zum Aufwärmen. (Foto: Dana Noll)

Rolf-Peter Brandes ging mit etwa 50 Teilnehmern auf Zeitreise durch den Ort

HÄNIGSEN (dno). Das Amt des Nachtwächters war immer sehr begehrt, obwohl es in der Rangfolge nur kurz vor dem Henker kam. „Sie hatten meist die gleichen Klienten“, so Rolf-Peter Brandes, 1. Vorsitzender des Heimatbundes, schmunzelnd. Bereits im dritten Jahr führt er als „Nachtwächter“ die Touren durch den Ort und begibt sich dabei mit zahlreichen Interessierten auf Zeitreise.
Am Ferienmontag waren ganz besonders junge Gäste mit ihren Eltern oder Großeltern eingeladen, die sich neugierig vor dem Haus Am Pappaul einfanden. So wie Kevin, der schon ganz gespannt war und „sich einfach überraschen lassen wollte.“
„Ich erzähle lustige Geschichten und Anekdoten aus vergangenen Zeiten, das wollen die Teilnehmer hören“, so Brandes. Mit Preckel, einer Art Eisenstab mit Spitze, und Laterne, Straßenbeleuchtung gab es damals noch nicht, machte sich Brandes mit seinem Gefolge auf den Weg. Der Rundgang „um die Kaffeemühle“ führte zum ehemaligen Postgebäude in der Mittelstraße 2. In Hänigsen gab es gleich fünf Poststellen, das Postamt in der Mittelstraße wurde 1953 eröffnet und 1999 aufgelöst. Das Haus gegenüber machte sich mit der „Hochzeit der hungrigen Mäuler“ einen Namen. Hier hatte der Bräutigam vier Musiker bestellt – acht kamen. Ganz ohne Gage, dafür mit dem Wunsch „sich einmal richtig satt essen zu können“ unterhielten sie die Hochzeitsgesellschaft. Rund um die Kaffeemühle – so wird in Hänigsen aufgrund der Form der älteste Teil der Schule genannt – gab es eine besonders skurrile Geschichte. Hier ließ die Gemeinde Toiletten mit einer Jauchekuhle bauen. Einmal im Jahr wurde die Jauche versteigert, da klingelten nicht nur die Gemeindekassen sondern die Bauern hatten auch ordentlich Dünger für ihre Felder!
1910 wurde das Gasthaus zum Sachsenross errichtet, mit Saal und Arrestzelle. Heute suchen die Teilnehmer/innen das Gebäude vergeblich – es wurde 2011 samt dem Feuerwehrhaus abgerissen. Letzte Station war das Pfarrhaus, bevor es wieder zum Pappaul zurück ging. Hier gab es rund um den Feuerkorb noch eine kleine Stärkung und ein „Schlückchen, mit oder ohne Schuss.“
„So ganz nüchtern bleiben, war für den Nachtwächter besonders an Neujahr nicht ganz einfach. Er musste nämlich von Haus zu Haus gehen und jedem ein schönes, neues Jahr wünschen“, so Brandes augenzwinkernd. Der Nachtwächter war so etwas wie Polizist und Feuerwehr in einer Person. So musste er Alarm schlagen bei Feuer, Diebstähle verhindern, jede Stunde mit dem Horn ausrufen und auch immer ein „Auge auf das moralische Leben im Ort“ haben.