Der Besuch der alten Dame galt der Erinnerung an ihre Zeit in Sehnde

Gerda Wassermann (94) zeigte sich gerührt über das Schild am Haus Mittelstraße 10, das heute an die Familie und das Geschäft erinnert. (Foto: Susanna Veenhuis)

Ein Beitrag vob Susanna Veenhuis - Gerda Wassermann (94) aus New York besucht ihr Geburtshaus in der Mittelstraße

SEHNDE (sv). 1920 wurde sie in Sehnde als Tochter einer angesehenen jüdischen Familie geboren. Jetzt kehrte Gerda Wassermann, geborene Rose, aus New York an den Ort ihrer Geburt und Kindheit zurück – zu dem Haus Mittelstraße 10 in Sehnde. „Ich hatte hier in Sehnde eine sehr glückliche Kindheit – bis 1938“, sagte die 94-Jährige. Die Erinnerung an ihre Familie, die nach Riga deportiert und dort komplett ausgelöscht wurde, rührte sie auch nach so vielen Jahren noch zu Tränen. Sie hat als einzige das Konzentrationslager überlebt.
Es waren die fünf Stolpersteine vor dem Haus Mittelstraße 10 mit den Namen ihrer Familienmitglieder, die der alten Dame die Tränen in die Augen trieben. Ihr Vater hatte dort eine Manufaktur mit Bettfedernreinigung betrieben, im Dachgeschoss war die Sehnder Synagoge untergebracht.
„Mein Großvater hat das Haus gebaut, mein Vater wurde hier geboren, in der Reichskristallnacht wurde uns alles genommen“, klagte sie.
„Else Heinemann, Martha Könnecker, Ilse Hasendeik, Agnes Warnecke, Ölschläger, Frenger – ich weiß noch alle Namen“, sagte sie und zeigte ein altes Schwarzweißfoto von 1929 von ihrer Schulklasse, aufgenommen im Ladeholz, das sie in Erinnerung an glückliche Kindertage in ihrer Handtasche bei sich trug.
In Begleitung ihres Enkelsohns Peter Wassermann und dessen Frau Raquel war Gerda Wassermann aus New York angereist. Zusammen mit der Sehnder Projektgruppe zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hatte sie zunächst die Gedenktafel für ihre Familie auf dem jüdischen Friedhof in Bolzum besucht.
Die Projektgruppe hatte auch die Verlegung der Stolpersteine mit Gunter Demnig Ende 2012 initiiert, die sie jetzt zum ersten Mal deutlich gerührt zu Gesicht bekam. „Das ist mein Grabstein“, sagte sie angesichts des Messingsteins mit ihrem Namen und Geburtsdatum.
Schon 2006 hatte sie Sehnde zur Einweihung der Gedenktafel auf dem Bolzumer Friedhof besucht und noch einmal vor zwei Jahren, wo sie den Schülern der KGS als Zeitzeugin von den Geschehnissen jener Zeit berichtet. „Es ist wichtig, dass das Gedenken an die Familie in Sehnde angemessen gewürdigt wird“, sagte Pastorin Susanne Paul, die vor einigen Jahren nach New York gereist war und den Kontakt zu Gerda Wassermann aufgenommen hatte.
Enkelsohn Peter Wassermann zeigte sich angenehm berührt über den Empfang seiner Großmutter und die Würdigung ihrer Familie. „Wir wurden sehr herzlich willkommen geheißen“, sagte dessen Ehefrau Raquel, die die beiden zum ersten Mal begleitete. Am nächsten Tag wollte Gerda Wassermann mit ihnen der Einweihung der Gedenkstätte Ahlem beiwohnen, wo sie und ihr Bruder bis zur Deportation untergebracht waren.
Mit von der Party war auch Rahel Bruns. Die Hamburger Künstlerin ist von der Stadt beauftragt worden, für das Rathaus ein Mahnmal zum Gedenken an die Juden in Sehnde zu gestalten. Deshalb pflegt sie engen Kontakt zu Familie Wassermann und der Sehnder Projektgruppe. „Es wird pünktlich am 9. November eingeweiht“, versicherte sie.