Bürgermeister beim Neujahrsempfang: Bis Ende März werden in Sehnde rund 450 Flüchtlinge leben

Die Bereitschaft zum persönlichen Einsatz für die Integration von Flüchtlingen ist in Sehnde ungebrochen. Am Morgen nach dem Neujahrsempfang konnte Bürgermeister Carl Jürgen Lehrke (2.v.re.) mit 16 neuen Integrationslotsen das Glas auf deren Zertifizierung für ihre weiteres Bürgerengagement in diesem Bereich erheben. (Foto: Walter Klinger)
 
Auch Elke Vaihinger (re.), Direktorin der VHS Ostkreis, erhielt bei der Übergabe der Zertifikate für die Integrationslotsen Lob: Dafür, dass die VHS eine solche Qualifizierungsmöglichkeit mit kompetenter Kursleitung in Sehnde möglich macht. (Foto: Walter Klinger)

"Im bisherigen Tempo" sei ihre Unterbringung "aber nicht ewig lange so reibungslos hinzubekommen"

SEHNDE (r/kl). "Viele Menschen empfinden 2015 als ein Jahr voller Krisen", stellte zu Beginn seines Jahresrückblicks beim Neujahrsempfang der Stadt Sehndes Bürgermeister Carl Jürgen Lehrke fest. Am sichtbarsten davon für alle: Die Flüchtlingskrise.
"Die Uni Kiel erforscht seit 1984 die Krisen weltweit und stellt ganz klar fest, dass es 2015 nicht mehr Krisen gab, als in den anderen Jahren. Warum empfinden wir das aber ganz anders?", fragte Lehrke, der darauf diese Antwort gab: "Vermutlich weil die Krisen näher gekommen sind, weil sie teilweise langfristiger sind und in die kommenden Jahre und Jahrzehnte hineinreichen".
Als größte Krise und Sorgen bereitendes Thema werde die anhaltende Flüchtlingswelle empfunden. Die Länder und Kommunen fühlten sich mit dieser Aufgabe nicht selten überfordert und allein gelassen.
"Während Europa damit beschäftigt war die Staatsschuldenkrise in Griechenland zu bewältigen, war die Flüchtlingsbewegung bereits absehbar. Offen wurde mit dieser Thematik aber erst nach der Sommerpause umgegangen", erinnerte Lehrke.
Und kritisierte, wobei als Gastredner der weiter im saal verweilende Ministerpräsident Stephan Weil ein aufmerksamer Zuhörer war: "Die Politik und die Verwaltungen haben europaweit die Augen vor dem nahenden Problem verschlossen und sind bis heute nicht bereit die Herausforderung gemeinsam zu meistern.
Vielleicht ist es auch das, was Sorgen und Nöte schürt. Die Länder Europas stehen nicht einig beieinander, jedes Land hat seine ganz eigene Art oder Unart mit der Flüchtlingsthematik umzugehen.
Weltweit sind rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Die meisten Flüchtlinge kommen nach wie vor aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Somalia und die Hälfte der flüchtenden Menschen sind Kinder.
Täglich kommen bis zu 1.000 Menschen nach Niedersachsen und werden nach und nach den Kommunen zur Unterbringung und Betreuung zugeteilt. Der Zustrom der Menschen die Schutz und Hilfe suchen, ist ungebrochen.
Bis Ende März werden in Sehnde rund 450 Flüchtlinge leben. Die Situation ist zurzeit noch so gut, dass wir die Schließung öffentlicher Einrichtungen noch nicht in Erwägung ziehen mussten. So komfortabel stehen nicht alle Kommunen dar. Wenn die Zuwanderung aber in dem bisherigen Tempo weitergeht, bekommen auch wir das nicht mehr ewig lange so reibungslos hin.
Dem unglaublich großen Einsatz der Beschäftigten im Rathaus und der vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern in den verschiedenen Vereinen und Verbänden und im Netzwerk ENAS (Ehrenamtlichen Netzwerk für Asylsuchende in Sehnde) ist es zu verdanken, dass den zu uns kommenden Menschen eine Unterkunft, eine Versorgung und eine Betreuung zuteil wird.
Ich möchte aber nicht verhehlen, dass dieses Engagement an vielen Ecken an seine Grenzen stößt und dass das Nichtwissen um die zukünftige Entwicklung mir Sorgen bereitet.
Bund und Länder müssen zeitnah geeignete und menschenwürdige Maßnahmen treffen, um die weitere Zuwanderung zu begrenzen und Asylmissbrauch zu verhindern. Hier sind klare, faire und schnell greifende Strategien zwingend erforderlich.
Humanitär können wir die Probleme bewältigen, aber zeitgleich müssen wir uns um die wichtigste Zukunftsaufgabe kümmern: die Integration der bei uns lebenden Menschen. Sie sollen und wollen in unsere Gesellschaft integriert werden.
Wir brauchen dringend Strategien und Angebote zur Eingliederung, zum Erlernen der deutschen Sprache, für Bildung, die Integration in den Alltag und in den Arbeitsmarkt.
Hier stehen die Kommunen und die Ehrenamtlichen noch völlig allein und ohne finanzielle und materielle Unterstützung und Regelung von Bund und Ländern dar. Bis heute werden zum Beispiel nur anerkannte Flüchtlinge zu den Integrationskursen des Bundes zugelassen.
AsylbewerberInnen im laufenden Verfahren sind auf ehrenamtliche Angebote angewiesen und müssen die Kosten für Sprachkurse selbst tragen. Vor dem Hintergrund der Jahre dauernden Asylverfahren und des Bearbeitungsrückstaus im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wiederspricht eine solche Regelung dem Integrationsgedanken.
Die Kommunen dürfen bei der Schaffung der zukünftig notwendigen Infrastruktur wie Schulen, Kindertagesstätten, Personal und Unterstützung des Ehrenamtes nicht allein gelassen werden!", so der Bürgermeister.
Über das außergewöhnlich große Engagement der Vereine, Verbände, Bürgerinnen und Bürger, die sich um die Flüchtlinge in Sehnde kümmern, kam Sehndes Erster Bürger dann noch einmal bei der Ehrung für bürgerschaftliche Verdienste zurück, bei welcher er auch mehrere Helfer/innen des ENAS auf die Bühne im KGS-Forum holte (wir werden noch berichten).
Schon tags darauf wurde die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement bei der Integration von Flüchtlingen erneut eindrücklich illustriert, als im VHS-Treffpunkt der Bürgermeister zusammen mit der Volkshochschul-Direktorin Elke Vaihinger die in einem 45-stündigen Kurs unter Leitung von Nicolas von Arnim erworbenen Zertifikate an 16 neue Integrationslotsen übergab.
Lehrke dankte den Teilnehmer/innen, die fast alle bereits ehrenamtlich in Wohlfahrtsverbänden, sozialen Initiativen oder in der Kommunalpolitik tätig sind, für ihre Bereitschaft, sich nun auch bei den Integrationsaufgaben zu engagieren.
Aber auch der Volkshochschule, welche solche Kurse den geeigneten Leitern wie Herrn von Arnim nach Sehnde hole, um - neben vielen weiteren Bildungsaufgaben - die Aktiven auch in diesem Bereich mit notwendigen Kenntnissen auf ihre ehrenamtliche Tätigkeit vorzubereiten.
Kursleiter von Arnim bescheinigte den neuen Integrationslotsen, von denen einige am Vorabend auch bei der Ehrung auf der KGS-Bühne standen, ein hohes Kursniveau in solidarischer Atmosphäre - was auch der Bürgermeister mit sichtlicher Freude hörte.
Der Kritik an der Praxis der Sprachkurs-Zuteilung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), wie sie auch Bürgermeister Lehrke übte, hat sich inzwischen übrigens auch die zuständige niedersächsische Fachministerin angeschlossen. Sie kritisiert zudem auch, dass die Zertifizierung von Lehrkräften durch das BAMF zu langsam erfolge.