"Angeprangert!" in der JVA Sehnde

Spontaneität und stimmlicher Ausdruck: Künstlerin Jessy James LaFleur mit dem Gefangenen Ramazan G., der den 2. Platz des Spontandichter-Wettbewerbes in der JVA Sehnde belegte. (Foto: JVA Sehnde)
Sehnde: Justizvollzugsanstalt |

"Prison Slam" mit Jessy James LaFleur

ILTEN (r/kl). Die in der Poetry-Szene längst bekannte Künstlerin Jessy James LaFleur hat in einem viertägigen Workshop „Poetry Slam & Spoken Word" mit Gefangenen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Sehnde gearbeitet und ihnen das notwendige Rüstzeug für Ihre Vorträge gegeben.
Zehn Gefangene nahmen an diesem Workshop teil, alle waren unbedarft und noch nie in der Rolle eines Dichters oder Performers. Es wurden Texte geschrieben und in der Runde vorgetragen, Bühnenauftritte mit Mikrophon geübt und Vorträge performt.
Durch ihre offene, direkte und sympathische Art gelang es der Berlinerin, den Gefangenen Selbstsicherheit zu vermitteln und aus ihnen bühnenreife Akteure zu machen. LaFleur: „Die Teilnehmer haben großartig mitgemacht, in allen steckt ein großes Potential. Die ganze Gruppe hat viel investiert und zum Teil sogar nachts die Texte geschrieben.“
Der letzte Tag des Workshops endete mit einer großen Abschlussveranstaltung. Unter großem Applaus des Publikums trugen die Gefangenen ihren Wettbewerb aus. Nicht nur die anwesenden Mitgefangenen, sondern auch zahlreiche Bedienstete der JVA Sehnde und Mitglieder des Vorstands des Fördervereins der JVA Sehnde, folgten gespannt den selbst geschriebenen Textvorträgen der Dichter und zollten dem Mut der Gefangenen, frei und unbefangen vor großem Publikum aufzutreten, großen Respekt.
G. Gebben, Psychologin in der JVA Sehnde, die diesen Workshop verantwortlich begleitet hatte, zeigte sich bewegt von dem Ergebnis: „Ich bin tief ergriffen und total stolz auf die Teilnehmer.“
Was diese Gefangenen auf die Beine gestellt, wie viel Mühe und Ehrgeiz sie aufgebracht und sich sogar getraut hätten, persönliche Erfahrungen auf die Bühne zu bringen, sei für sie eine besondere Erfahrung. Das war offensichtlich Ansporn für sie selbst: mit ihrer Performance „Spaghetti sind bunt“ beeindruckte sie die Runde und erntete dafür großen Applaus.
Als Sieger des Wettbewerbs ging schließlich Wissam N. hervor. Mit der Höchstwertung von 40 Punkten setzte er sich mit seinem Beitrag „Schnipp, schnapp - ab!“ gegen seine Konkurrenten durch und überzeugte durch sein souveränes Auftreten und der zum größten Teil sogar frei vorgetragenen Auseinandersetzung mit seinem höchstpersönlichen Erleben der eigenen Herkunftskultur: „Ich blicke auf und schaue nach vorn, was hinter mir war bleibt tief eingefroren. Das Wichtigste ist jetzt, stark zu bleiben, und einfach mit der Zukunft mit zu treiben.“
Aber auch die unterlegenen Beiträge begeisterten und bleiben sicher nachhaltig im Gedächtnis aller. Und das stimmt nicht nur die Akteure positiv: das große Ziel der Künstlerin LaFleur ist, alle teilnehmenden JVA’en gegeneinander antreten zu lassen. LaFleur war mit ihrem Workshop bereits in den JVA’en Celle und Wolfenbüttel erfolgreich.