Vortrag im Antikriegshaus Sievershausen über Alltag und politische Opposition im autoritären Staat . . .

Referentin Ulrike Poppe ist die erste Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen kommunistischer Diktatur. (Foto: Foto: AKH Sievershausen)
Lehrte: Antikriegshaus Sievershausen |

Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur referiert

LEHRTE/SIEVERSHAUSEN (r/kl). Im Vorfeld des 60. Jahrestages der Niederschlagung des Arbeiteraufstandes am 17. Juni 1953 lädt das Antikriegshaus Sievershausen, Kirchweg 4, zu einer Veranstaltung mit der Bürgerrechtlerin und ehemaligen Oppositionellen in der DDR Ulrike Poppe ein. Mit soll am Freitag, 19. April, ab 19.00 Uhr der übergeordneten Frage nach Alltag und politischer Opposition im autoritären System nachgegangen werden.
Welche Auswirkungen hat ein autoritäres System sowohl auf die Bereiche der Gesellschaft im Ganzen aber auch für jeden einzelnen Menschen? Welchen Einflüssen das Leben in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis ausgesetzt ist und welche Rolle ein autoritäres System im Zusammenhang mit Erziehung, Schule, Ausbildung, beruflicher Karriere und auch Freizeit spielt, soll an diesem Abend erörtert und diskutiert werden. Aber auch der Fragestellung nach den Möglichkeiten einer politischen Opposition sowie den Folgen für jemanden, der sich in eine solche begibt, soll nachgegangen werden.
Ulrike Poppe (1953 in Rostock geboren) ist sowohl aufgrund ihrer Biografie als auch ihrer aktuellen Aufgaben und Tätigkeiten besonders prädestiniert für eine Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld. -
Nach dem Abitur und darauf folgendem Studium in Kunsterziehung und Geschichte (ohne Abschluss) in Berlin arbeitete sie u.a. im Kinderheim, in Krankenhäusern und im Museum für Deutsche Geschichte (1976 bis 1988). 1980 gründete sie mit Gleichgesinnten den ersten unabhängigen Kinderladen in Ost-Berlin.
In den achtziger Jahren war Poppe in diversen oppositionellen Gruppen tätig, unter anderen in "Frauen für den Frieden" und in der Initiative „Frieden und Menschenrechte“.
Als Dissidentin wurde sie mit sogenannten Zersetzungsmaßnahmen belegt und 1983 vom Ministerium für Staatssicherheit wegen Landesverrats verhaftet, kam jedoch aufgrund von Protesten im In- und Ausland nach 6 Wochen wieder frei.
Im September 1989 wurde Ulrike Poppe Gründungsmitglied und Sprecherin der Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt" („DJ“) und vertrat diese am „Zentralen Runden Tisch“ (Dez. 1989 bis März 1990) in Berlin. An diesem wurden alle Vorbereitungen für die ersten freien Wahlen getroffen. Auch die Auflösung der Staatssicherheit gehörte zu den Aufgaben dieses Gremiums.
Nach den Wahlen arbeitete Poppe in der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen in der Volkskammer, dem DDR-Parlament. Von 1991 – 2009 war sie an der Evangelischen Akademie zu Berlin als Studienleiterin mit den Themenschwerpunkten Zeitgeschichte und Politik tätig.
Im Dezember 2009 wurde sie für sechs Jahre vom Landtag Brandenburg zur ersten Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen kommunistischer Diktatur gewählt.
Zu den Aufgaben der LAkD gehört, dass Menschen, die zu DDR-Zeiten verfolgt wurden, zu ihrem Recht verholfen wird. Auch soll sie dazu beitragen, dass das Leid dieser Menschen und ggf. ihr Widerstand gegen die Diktatur gewürdigt und sie gesellschaftlich integriert werden. Sie regt zur öffentlichen Auseinandersetzung über die Erfahrungen des Lebens unter diktatorischer Herrschaft und einem offenen, differenzierten und fairen Umgang mit Schuld und Verantwortung an, mit dem Ziel, damit das demokratische Bewusstsein und menschenrechtliche Maßstäbe zu fördern.
Jedoch auch als Mitglied des Vorstands von "Gegen Vergessen – Für Demokratie" und des Fachbeirates Gesellschaftliche Aufarbeitung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie als Verfasserin zahlreicher Schriften setzt sich Poppe für die Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem autoritären Staat ein.
Ulrike Poppe wurde als Bürgerrechtlerin u. a. mit dem Bundesverdienstkreuz (1995) sowie mit dem Gustav-Heinemann-Bürgerpreis (2000) zusammen mit weiteren ostdeutschen Bürgerrechtlerinnen geehrt. Die Ehrung ging an sie „stellvertretend für andere Frauen und Männer aus der ehemaligen DDR, die sich in ihrer Überzeugung nicht verbiegen ließen“.