Thema Sterbehilfe: Fachleute klären in Lehrte über Missverständnisse auf . . .

Pastor Michael Coors berichtete im Rosemarie-Nieschlag-Haus über die strittigen Punkte zum Thema Sterbehilfe. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Freut sich, dass sie heute in Lehrte nicht mehr die einzige Palliativmedizinerin ist: Dr. Annegret Vahlbruch. (Foto: Susanna Veenhuis)

Ein Beitrag von Susanna Veenhuis - Hospizdienst lud zu Vortrag und Diskussion ins Rosemarie-Nieschlag-Haus ein

LEHRTE (sv). Trotz Konkurrenz durch die Diskussionsveranstaltung über die Medizinstrategie der Region Hannover im Kurt-Hirschfeld-Forum, die 130 Lehrter mobilisiert hatte (wir werden noch berichten), waren am gleichen Abend immerhin 33 einer Einladung des Hospizdiensts zum Thema Sterbehilfe ins Rosemarie-Nieschlag-Haus gefolgt.
Dort räumten Pastor Dr. Michael Coors vom Zentrum für Gesundheitsethik in Loccum, die Lehrter Palliativärztin Dr. Annegret Vahlbruch und Hospizkoordinatorin Daniela Reinhardt-Kraft unter der Moderation von Pastorin Ute Schneider-Smietana zunächst grundlegende Missverständnisse zum Thema Sterbehilfe aus. „Das ist ein hoch aktuelles Thema, das jeden ganz persönlich bewegt und betrifft“, sagte Schneider-Smietana.
Laut einer jüngst im Auftrag der evangelischen Kirche und Diakonie vorgenommenen Untersuchung sind der Wunsch nach Selbstbestimmung, Angst vor starken Schmerzen und Atemnot sowie vor einem langen, quälenden Sterbeprozess und die Furcht, den Angehörigen zu Last zu fallen, die Beweggründe für den Gedanken an eine Möglichkeit der Selbsttötung.
Aktuell werde das Thema im Bundestag diskutiert, das Bundesgesundheitsministerium bereitet ein Gesetz gegen professionelle Sterbehilfe-Vereine vor. Michael Coors stellte zunächst klar, dass Tötung auf Verlangen in Deutschland grundsätzlich verboten sei. Allerdings sei es unstrittig und zulässig, dem Patienten beispielsweise eine möglicherweise lebensverkürzende Schmerzmedikation zu verordnen, wenn diese ihm das Dasein erleichtert und der Patient damit einverstanden ist.
Des Weiteren gehe es auch um die Hilfe bei der Selbsttötung, fuhr Coors fort. Diese sei ebenfalls straffrei.
Allerdings sei die derzeitige Unterteilung in „aktive“ und „passive“ Sterbehilfe irreführend. Denn auch das Geräte-Abschalten sei eine aktive Handlung, stellte Coors klar.
„Wenn eine Regeneration nicht mehr möglich ist, gilt es, das Leben des Patienten so angenehm wie möglich zu machen“, erklärte die Lehrter Palliativmedizinerin Annegret Vahlbruch. Die Palliativmedizin habe in den vergangenen Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Wenn Sterbenskranke aus dem Krankenhaus entlassen werden, müsse eine ambulante Versorgung gewährleistet sein, betreuende Hausärzte könnten sich sich bei speziellen Problemen Rat bei Palliativ-Teams holen, ergänzte Vahlbruch, die auch Mitglied am Lehrter Runden Tisch „Palliativmedizin“ der Region Burgdorf-Lehrte-Sehnde-Uetze ist.
Die oft gestellte Frage „Macht Ihr Sterbehilfe“ würde Daniela Reinhardt-Kraft direkt mit einem klaren Ja beantworten. Denn als Mitarbeiter im Hospiz-Dienst leiste man nun einmal Hilfe beim Sterben. Glücklicherweise seien ihr und den Mitstreitern dabei keine Standards gesetzt: „Wir dürfen uns ganz auf das einlassen, was der Patient möchte: Etwas vorlesen, singen, beten, sprechen, streicheln, Händchen halten oder einfach nur still da sein“, erklärte die Hospiz-Koordinatorin.
Ihnen gegenüber seien die Patienten manchmal offener als gegenüber ihren eigenen Angehörigen, weil sie diese schonen wollten. „Viele fürchten, ihrer Familie zur Last zu fallen“, erklärte Reinhardt-Kraft. Die Burgdorfer Hospizdienstleiterin Manuela Venske-Mouanga warf ein, dass es sich bei Patienten mit Suizidwünschen nur um einen verschwindend kleinen Teil handele. „Ich habe das in 15 Jahren Praxis nicht einmal erlebt!“
Wie Ute Schneider-Smietana berichtete, diskutieren auch auf Seiten der Kirche Pastoren und Ehrenamtliche über ethische und gesellschaftliche Konditionen bei der Sterbehilfe.

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Hospizkoordinatorin Daniela Reinhardt-Kraft informierte über die Arbeit der ehrenamtlich tätigen Hospizmitarbeiter. Foto: Susanna Veenhuis

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