Südstaaten-Luft schnuppern im Anderen Kino

Deutschlands bester Bluesgitarrist Richie Arndt spielte nicht nur Musik von der Wiege des Blues am Mississippi, sondern schlüpfte auf der Bühne des Anderen Kinos auch wieder in die Rolle des Storytellers, des Geschichtenerzählers. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Treffen mit den Fans Heike aus Wasbüttel, Werner aus Braunschweig und Michael aus Isenbüttel; Werner war nicht nur auf dem Lehrter Bluesfestival, sondern auch schon in den amerikanischen Südstaaten unterweg. (Foto: Susanna Veenhuis)

Richie Arndt begeistert mit Livemusik und authentischem Reisebericht

LEHRTE (sv). Schon seit über 40 Jahren schlägt sein Herz für den Blues, aber er war noch nie in dessen Ursprungsland: 2014 hat Richie Arndt endlich seinen Lebenstraum wahr gemacht und die Südstaaten von Amerika bereist. Zusammen mit dem Fotografen Raphael Tenschert gelang dem arrivierten Blues-Gitarristen ein ganz persönlicher Reisebericht über die Wiege des Blues auf der legendären Route 61 entlang des Unterlaufs des Mississippi. Mit Tenscherts Fotos, Live-Musik und seinen ganz persönlichen Erfahrungen mit Land und Leuten ließ er im gesteckt vollen Anderen Kino die Besucher tatsächlich ein wenig Südstaaten-Luft schnuppern.
Schon mit seinem Song- und Geschichten-Zyklus „Train Stories“ über amerikanische Blues-Songs, die von Zügen und Zugreisen handeln, hatte Arndt auf Einladung des Vereins „Blues in Lehrte“ 2012 gegen große Konkurrenz vor vollem Haus gespielt. Auch auf dem Lehrter Bluesfestival war Richie Arndt bereits mehrfacher Gast. Er eröffnete er die Reihe der diesjährigen „Blues Specials“.
Mit seinem Programm „Mississippi“ ist dem gebürtigen Ostwestfalen wieder ein großer Wurf in Sachen Storytelling mit Livemusik gelungen. Fotos von der berühmten Beale Street, dem Lorraine Motel – dem heutigen „Museum of Civil Rights“, vom überladenen Elvis-Gedächtnistempel Graceland, Baumwoll- und Sojafeldern, von Luxushäusern und -Hotels und von schäbigen Hütten leuchteten auf der Kinoleinwand auf. Derweil kommentierte Arndt das Gezeigte an einem Stehpult rechts an der Bühne, um zwischendurch auf die linke Seite zu wechseln. Dort mutierte der Storyteller mit der ruhigen, prägnanten Stimme zum gefühlvollen Musiker und griff für den jeweiligen Song zur Akustik- oder Resonator-Gitarre.
David Cohns „Walking In Memphis“ bringe das Gefühl nach der Landung auf dem Flughafen von Memphis genau auf den Punkt, sagte er. Und berichtete nicht ohne Stolz, dass auch er wie in dem Song beim Besuch des Hollywood Cafés von der Kellnerin aufgefordert wurde, mal ein Stück zu spielen. „And I sang with all my might – und ich tat das natürlich mit aller Hingabe, vor drei Leuten und der Kellnerin“, berichtete Arndt mit Humor über seinen mittäglichen Spontan-Gig vor fast leerer Gaststube. Mit „Mystery Train“, „Crossroads“, „Backwater Blues“ und „Jambalaya“ sorgte er selbst für den passenden Soundtrack zu seiner Erzählung. Der Musiker ließ Legenden wie Bessie Smith, B.B. King, Muddy Waters und H. William Leadbetter wieder aufleben. So heißt es über den 1911 geborenen und mit nur 27 Jahren vermutlich mit einem vergifteten Whiskey ermordeten Bluesmusiker Robert Johnson, er wäre einen Pakt mit dem Teufel eingegangen, um so gut Musik machen zu können.
Mit seinen Bildern und Geschichten führte Arndt seine Besucher auf der Reise von Memphis über New Orleans bis an den Golf von Mexico zu den „special places“, sowohl zu Orten, an denen Musikgeschichte geschrieben wurde als auch an jene, die durch die weniger rühmliche Geschichte der Sklaverei, Rassentrennung und Unterdrückung der Farbigen traurige Berühmtheit erlangten. Er nahm sie mit in die Welt von Luxushotels, in denen der Film „Vom Winde verweht“ noch heute spielen könnte, und zu den winzigen „Shotgun-Houses“, den Hütten der Ärmsten der Armen, die oft auch im so genannten Backwater standen – Land, das bei Hochwasser des Mississippi gezielt geflutet wurde, um den Wasserdruck von den Deichen zu nehmen. Wenn jemand auf die Vordertür schieße, gingen die Kugeln durch die Hintertür wieder hinaus, erläuterte er einen möglichen Grund für die Bezeichnung.
Allerdings dürfe man sich Fassaden nicht täuschen lassen, warnte Arndt. Hinter abblätternden, verblichenen, schienbar nur durch alte Plakate zusammengehaltenen Wänden finde man so manchen berühmten Club, beispielsweise in Clarksdale Morgan Freemans „Ground Zero Blues Club“, in dem der berühmte Schauspieler häufig persönlich anzutreffen sei.
Abends im Hotel zur Ruhe gekommen, habe er versucht, die mannigfachen Eindrücke zu verarbeiten. Vor allem die bis heute anhaltende Diskriminierung der Farbigen mache ihm zu schaffen, auch die krassen Unterschiede zwischen Arm und Reich. „Die Reise hat mich schon sehr verändert“, sagte der Musiker im Pausengespräch. Er spiele seit 40 Jahren diese Musik. Durch die direkte Begegnung mit der Geschichte des Blues und der Musiker sei seine Sichtweise sehr verändert worden. Es sei ihm klar geworden, dass Blues eine Art Folklore sei, die er als weißer Musiker auf seine ganz eigene Art interpretieren müsse. „Da nützt eine künstlich erzeugte Reibeisenstimme nichts, ich singe mit meiner eigenen Stimme.“ Zu der neu gewonnenen Authentizität habe es auch beigetragen, dass die Leute, denen er begegnet sei, nicht unbedingt einen bekannten Bluestitel von ihm hören wollten. „Sie wollten viel lieber wissen, was ich selber geschrieben habe“, sagte Arndt – eine für ihn neue Erfahrung. Er selber werde wieder hinfahren – 2019, so viel sei sicher. Und empfahl seinem Publikum dies ebenfalls.
„I never saw the Mississippi“ heißt ein einst von ihm selbst geschriebener, gefühlvoller Song, den er seinem Publikum nicht vorenthielt. Der wäre wohl damit überholt.
Das nächste „Blues Special“ im Anderen Kino steigt am Sonnabend, 16. Dezember mit der amerikanischen Sängerin Trudy Lynn, begleitet von der vom 2013er Festival bekannte Formation The Özdemirs.