SPD holt sich die Mehrheit zurück

Was für Wochen für Thordies Hanisch (links, in einer ihrer beiden roten Strickjacken am Samstag beim Wahlkampf im EKZ "Zuckerfabrik" Lehrte mit dem SPD-Bundesvorsitzenden Martin Schulz und dem 2013 der CDU unterlegenen SPD-Landtagskandidaten Hans-Jürgen Licht). (Foto: Walter Klinger)
 
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Bewährtes Vertrauen - auch der originell an den Ortseingängen auf Strohballen plakatierte Slogan konnte dem CDU-Bewerber Dr. Hans-Joachim Deneke-Jöhrens nicht zu seiner dritten Wahlperiode im Niedersächsischen Landtag verhelfen. (Foto: Walter Klinger)

Thordies Hanisch erobert "Lehrter" Landtagsmandat

LEHRTE (fh/kl). Spritzige Sektlaune bei der SPD, sehr nüchterne Analyse bei der CDU am Abend des Wahlsonntages: Mit  dem Slogan "Weil ich es anpacke" und ganz viel Charme hat am Sonntag  mit deutlichem Stimmenvorsprung die zuvor nur als SPD-Ratsmitglied seit 2016 in ihrer Heimatgemeinde Uetze bekannte Politik-Newcomerin Thordies Hanisch dem seit zwei Wahlperioden die hiesige Region vertretenden CDU-Landtagsabgeordneten Dr. Hans-Joachim Deneke-Jöhrens aus Lehrte den Wahlkreis, zu dem auch Burgdorf gehört, abgenommen.
Die SPD-Kandidatin hat bei der Niedersächischen Landtagswahl 41,4 Prozent der Erststimmen erhalten und damit das Direktmandat gewonnen. Auf ihren Konkurrenten, den CDU-Kandidaten Hans-Joachim Deneke-Jöhrens, entfielen 36,1 Prozent der Stimmen. „Ich bin überwältigt von dem Ergebnis. Ich freue mich, dass die SPD in dem Wahlkreis jetzt wieder eine direkte Vertretung hat“, sagte Hanisch nach der Wahl.
In seiner furiosen Aufholjagd, nachdem die SPD bei den Umfragen im August noch acht Prozent hinter der CDU zurücklag, war Ministerpräsident Stephan Weil drei Mal mit Thordies Hanisch und auch dem wiedergewählten Bundestagsabgeordneten Dr. Matthias Miersch zu jeweils gleich mehreren Terminen im Wahlkreis unterwegs gewesen.
Als neues, unverbrauchtes Gesicht, nach Meinung von Parteifreunden absolut passend zum Wählerwunsch nach politischer Veränderung und Erneuerung, gewann die Uetzerin sichtlich auch die Sympathie ihres Bundesvorsitzenden Martin Schulz, dessen Auftritt am Tag vor der Wahl im Einkaufszentrum "Zuckerfabrik" Lehrte vor gut 200 Besuchern zeitweilig fast einem Triumphmarsch ähnelte. Ob Rente, unkontrollierte Medizingutachter, die Verbreitung von E-Segways - zahlreiche Wähler trugen dem SPD-Bundesvorsitzenden auch ihre ganz persönlichen Sorgen vor. Das hatte, fanden Beobachter, schon fast etwas von den "messianischen Erwartungen", die beim Start in die Bundestagswahl an Schmidt gestellt wurden. Zumindest die Niedersachsen-SPD hat die Erwartungen von Schulz schon einmal erfüllt . . .
Amtsinhaber Deneke-Jöhrens von der CDU hatte dem Niedersächsischen Landtag seit 2008 als direkt gewählter Vertreter des Wahlkreises Lehrte angehört. 2013 hatte er Hans-Jürgen Licht aus Lehrte, der für die SPD angetreten war, nur knapp mit 277 Stimmen Vorsprung geschlagen.
Thordies Hanisch hat in diesem Jahr einen deutlich größeren Abstand von mehr als 2.500 Stimmen auf ihren Verfolger erreicht. Die AfD-Kandidatin Christiane Wichmann hat mit 6,7 Prozent der Stimmen das drittbeste Ergebnis bei den Erststimmen erzielt, dicht gefolgt von der Grünen-Kandidatin, der amtierenden Niedersächsischen Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz mit 6,6 Prozent.
Ähnlich wie in Burgdorf konnte die SPD auch in der übrigen Region Hannover bei den Erststimmen deutlich zulegen.
Hatte die CDU 2013 noch sechs der sieben Wahlkreise direkt gewonnen (nur Dr. Silke Lesemann aus Sehnde war damals von den SPD-Kandidaten direkt gewählt worden), war es in diesem Jahr genau umgekehrt. Nur CDU-Kandidat Rainer Fredemann aus konnte sein Mandat im Wahlkreis Langehagen/Burgwedel verteidigen. Alle anderen Wahlkreise fielen den Direktkandidaten der SPD zu.
Die SPD hat die Landtagswahl überraschend deutlich gewonnen. Laut vorläufigem Endergebnis erhielt sie landesweit 36,9 Prozent der Zweitstimmen, die CDU kommt auf 33,6 Prozent. Erstmals seit 1998 ist die SPD damit wieder stärkste Kraft. Die Regierungsbildung könnte trotzdem schwierig werden.
Die Grünen haben nur 8,7 Prozent der Stimmen erhalten, fünf Prozentpunkte weniger als vor vier Jahren. Anders als auf Bundesebene sind sie damit weiterhin drittstärkste Kraft. Für eine Fortführung der bisherigen rot-grünen Koalition reicht es aber nicht. Die Linken haben mit 4,6 Prozent den Einzug in den Landtag knapp verpasst, sodass auch eine rot-rot-grüne Koalition nicht in Frage kommt.
Die FDP verlor 2,4 Prozentpunkte, liegt mit 7,5 Prozent aber ebenso wie die Grünen deutlich vor der AfD. Die rechtspopulistische Partei schaffte mit 6,2 Prozent den Sprung in den Landtag. Bei der Wahl im Januar 2013 war sie noch nicht gegründet gewesen.
Ernüchtern dürfte die Parteien aber ein Blick auf die Wahlbeteiligung: Wieder sind rund zwei von gut sechs Millionen Wahlberechtigten zu Hause geblieben - mehr, als selbst die siegreiche SPD an Stimmen erhalten hat.
Die erste recht ausführliche Detailanalyse nahm am Wahltag schon eine Stunde vor der Schließung der Wahllokale gegen 19.00 Uhr CDU-Kandidat Dr. Deneke-Jöhrens vor knapp 100 Parteifreunden seiner Wahlparty im und auf der Terasse des Lehrter SV 06-Clubheims vor. Er vermutet, dass das Abstrafen der SPD bei der Bundestagswahl zu einer "das-hat-die-SPD-dann-doch-nicht-verdient"-Reaktion geführt habe. Auch hätten mehrere CDU-Sachthemen bei den Wählern nicht gezündet. Der Kandidat selbst sei in dem Zusammentreffen vieler Faktoren  nur "für zwei bis drei Prozent" des Ergebnisses gut.
Ein knappes Ergebnis habe er schon erwartet, aber nicht zehn Prozent Unterschied zu dem Umfragen vor anderthalb Monaten. Emotional bewegt dankte der CDU-Politiker gegen 20.00 Uhr seiner Familie und den Wahlhelfern der CDU-Verbände in den drei Kommunen des Wahlkreises.
Zu dem "tollsten Wahlkampf, den ich je geführt habe", hätten mit steter Ermunterung, neuen Ideen und auch Haushaltswahlkampf ganz besonders mehr  als 30 Mitglieder der Jungen Union beigetragen, die ihn in dem "für die Kondition brutalen Wahlkampf" auch immer wieder neu motiviert hätten. "So muss Politik sein," dankte Deneke-Jöhrens für die bewiesene Leidenschaft seiner Helfer.
Ob aber sein Porträt und Slogan "Bewährtes Vertrauen" auf Strohrundballen an den Ortseingängen oder die engagierte Einbeziehung von Videos auf facebook - " das alles hat nichts gebracht", gestand Deneke-Jöhrens unumwunden seine Niederlage ein.
Nachzählen lassen werde er nicht, dazu sei das Ergebnis zu eindeutig. Hinwerfen werde er aber auch nicht: "Das Lebbe geht weiter. Wir werden fünf Jahre engagiert arbeiten und unsere Themen ansprechen - und dann sehen wir doch mal!". Seine Anhänger reagierten mit offenem Beifall, darunter auch Mitglieder der Piraten, die mit der CDU im Lehrter Rat eine Gruppe (Gruppensprecher: Denke-Jöhrens) bilden und sich nach 0,8 Prozent vor Ort weiter Hoffnung auf einen Sitz im Lehrter Stadtrat machen können.
Härter fiel die Kritik von Vertretern mehrerer CDU-Ortsverbände aus: Deneke-Jöhrens sei zu wenig durch prominente CDU-Politiker unterstützt worden, die sich lieber in ohnehin sicheren Wahlkreisen in Cloppenburg und Vechta getummelt hätten. Dass der CDU-Bundesgeschäftsführer Peter Tauber zwar die Lehrter Wahlhelfer besucht, aber nicht zu einer Kundgebung bereit gewesen sei, komme schon einer Verweigerung nahe.
Auch habe die Presse, statt die Unerfahrenheit der SPD-Kandidatin zu benennen, durch deren stete Abbildung mit Spitzenpolitikern eine "Legende" von der jungen, aber schon erfolgreichen Politikerin erzeugt. Will wohl heißen: die Opposition wird die neue Landtagsabgeordnete für Lehrte, Burgdorf und Uetze stark auf den Prüfstand stellen.
Zu noch etwas späterer Stunde, nur wenige Teilnehmer der Party waren schon gegangen, spendete es der lokalen CDU-Runde ein wenig Trost, dass wegen der Verluste der Grünen die Sitze für eine Weiterführung von Rot-Grün nicht reichen. Und hörte man schon wieder das Wort vom Gestaltungsauftrag auch der CDU . . .