So viele Menschen mit dem Herz auf dem rechten Fleck . . .

Obwohl es in der Bundespolitik gerade in der vergangenen Woche Schlag auf Schlag ging, blieb Ministerpräsident Stephan Weil (hier beim Grenießen des ersten Schlucks nach zwei Stunden, eingerahmt von den Landtagsabgeordneten Dr. Hans-Joachim Deneke-Jöhrens, CDU, und Dr. Silke Lesemann, SPD) nach seiner Rede auch zum Jahresrückblick von Bürgermeister Carl Jürgen Lehrte (re.) und zur Ehrung von Ehrenamtlichen, auch aus dem Sehnder Helfernetzwerk für Asylberwerber. (Foto: Walter Klinger)
 
Das war planbar: Kein Gedränge gab es beim Meinungsaustausch nach den Reden am kalten Buffet in der Schulstraße der KGS. Direktor Sven Embrechts (links) vom Apart Hotel Sehnde, das erstmals für die sonst von den Rathausmitarbeitern selbst geschmierten Schnittchen zuständig war, und sein Team entlasteten angesichts mehr Besucher/innen als sonst durch einen zweiten kleineren Bufett-Tisch am Eingang (unser Foto) und zusätzliche Brezln - diese Herausforderung jedenfalls wurde bestens bewältigt! (Foto: Walter Klinger)

. . . machen den Ministerpräsidenten stolz auf das Land

SEHNDE. Die aktuelle Lage und die Zahlen ändern sich ständig, die grundsätzliche Herausforderung und der Ausgangspunkt als leistungsstarkes Land bleibt: Stolz auf die tolerante, leistungs- und hilfsbereite Gesellschaft bekannte sich am Freitagabend Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil als Gastredner beim Neujahrsempfang der Stadt Sehnde, als er "die Welle der Hilfsbereitschaft" bei der Aufnahme der Flüchtlinge lobte, dabei aber auch zu den wachsenden Problemen Stellung nahm.
Nach dem nächtlichen Brandanschlag tags darauf auf ein im Bau befindliches Asylbewerberheim (und mit geöffneten Gasflaschen auch auf das Leben der Feuerwehrleute) in Barsinghausen, machte Weil dann aber auch öffentlich, er schäme sich, dass hierzulande so etwas immer wieder möglich sei.
So eng also liegen gegensätzliche Gefühle in nur wenigen Stunden beieinander. Und so gegensätzlich sind Schlagzeilen. In die hatte es Stephan Weil in den Tagen vor seinem Besuch in Sehnde gebracht, als er zwar den in der Flüchtlingskrise exzellenten Einsatz der öffentlich Bediensteten wie auch der ehrenamtlichen Helfer lobte, aber bei einer möglichen weiteren Verdoppelung der Flüchtlingszahlen für die Aufgabe, diese auch ordentlich - und sicher, gegen Übergriffe von welcher Seite auch immer - in unsere Gesellschaft aufzunehmen, befand: "Soweit darf es nicht kommen".
Weil hatte am vergangenen Mittwoch die hochgerechnete Zahl von möglicherweise zwei Millionen Flüchtlingen öffentlich gemacht. Der Niedersächsische Städte- und Gemeindebund schloss sich mit der Befürchtung an, der zusätzliche Familiennachzug sei nicht mehr zu bewältigen.
Der Landesvater, im Republikvergleich sonst als eher verhalten geltend, erntete mit diesem Alarmruf - nach zuvor seiner schon frühen Forderung eines deutlichen Neubeginns bei VW - bereits zum zweiten Mal in wenigen Monaten im Zusammenhang mit einer Krise ungewohnte bundesweite Aufmerksamkeit.
Diese ist, wie gesagt, heutzutage nun mal schnellebig (und prompt ging die Debatte mit der Forderung der rheinland-pfälzischen Wahlkämpferin und CDU-Vizechefin Julia Klöckner nach Aufnahme nur noch in Grenzzentren und Tageskontingenten für Flüchtlinge noch am gleichen Wochenende weiter).
Weil hätte sich am Freitag aber durchaus noch am deutschlandweiten Echo wärmen können, kam aber trotz Eisregen-Warnung (wie seine fast 400 Zuhörer auch) der Einladung ins winterliche Sehnde nach.
Dass sich dort dann viele Aussagen des Ministerpräsidenten inhaltlich so anhörten, wie es kurz darauf trotz anderer Parteizugehörigkeit in seinem Jahresrückblick auch der Sehnder Bürgermeister Carl Jürgen Lehrke ausdrückte, lag nicht etwa an gemeinsamer Absprache, sondern daran, wie Bürgermeister (und der Ministerpräsident war zuvor ja hannoverscher Oberbürgermeister) heute in der Verantwortung stehen: eine ordnungsgemäße Unterbringung der Flüchtlinge könnten sie bei den Steigerungen nicht mehr lange gewährleisten, Leichtbauhallen und Turnhallen drohten als Provisorium. Und die Aufgaben der tatsächlichen Integration kämen ja noch oben drauf.
Hier finden sich die Bürgermeister von ihrem Landesherrn verstanden (auch Dr. Marco Trips, zuvor dritter Mann der Sehnder Stadtverwaltung und nun Präsident des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes, nickte hier nachdrücklich). Stephan Weil wiederum ist ganz bei der obersten staatlichen Instanz, wenn er Bundespräsident Joachim Gauck aus einem Gespräch beim "Tag der Deutschen Einheit" zitiert: "Wir wollen helfen, unsere Herzen sind weit, aber unsere Möglichkeiten endlich". Die Kontingente zur Flüchtlingsaufnahme müssten planbar bleiben, wie Weil (SPD) und auch Bürgermeister wie Carl Jürgen Lehrke (CDU) fordern.
Dass das regelrechte "Spießrutenlaufen" der Frauen vor Flüchtlingsmassen in Köln bei vielen zu einem Vertrauensverlust in den starken Staat geführt hat, spürt auch Weil. Und zeigt sich entschlossen, das dafür Notwendige auch vom Bund einzufordern, um die staatliche Autorität zu gewährleisten.
Der beste Schutz aber seien Bürger die durch ihr Engagement dafür sorgen, "dass allen klar ist, das sind die Regeln, die hier gelten". Denn was gesellschaftlich errungen sei, dürfe nicht wieder aufgegeben werden, zum Beispiel die Gleichberechtigung von Mann und Frau.
Dass nun nach außen auch die Außengrenzen der Europäischen Union gesichert werden müssten, verlange er nicht leichtfertig, versichert Weil: "Im Moment sind wir überfordert, Künftig können wir nur auf Basis planbarer Kontingente handeln, die wir auch bewältigen können". Die Alternative zur EU-Grenzkontrolle sei noch viel schlimmer, weil sie eine "Renaissance von Binnengrenzen" bringen würde.
Weil erneuert aber zugleich das Bekenntnis zum Asylrecht als große gesellschaftliche und demokratische Errungenschaft. Viele Flüchtlingseinrichtungen habe er besucht, berichtet der Ministerpräsident. In seinen Gesprächen mit Flüchtlingen über deren Schicksale sei es ihm oft "durch und durch gegangen". Und er erinnert daran, dass gerade Zehntausenden von Menschen nahe Damaskus unter Dauerbelagerung der Hungertod droht. Und dies auch noch durch die Koalition gegen den Islamischen Staat, was auch etwas über die internationalen Handlungsmöglichkeiten aussage.
Was nun die Aufgabe der eigentlichen Integration hierzulande angeht, sieht der Ministerpräsident, dass noch "ein dickes Brett Arbeit bleibt". Man müsse aber auch sehen, es habe bislang ganz gut geklappt, dass in unseren Städten, auch in Sehnde, schon heute meist zwischen 40 und 50 verschiedene Nationalitäten zusammenleben.
Weils Bekentnis zu "unserer freien und toleranten Gesellschaft" steht der Demokratie dabei offensichtlich gut an, jedenfalls gemessen am starken Beifall im übervollen KGS-Forum, als der Ministerpräsident am Schluss seiner Rede beim bürgeroffenen Sehnder Neujahrsempfang dazu aufruft, im diesjährigen (Kommunal-)Wahljahr auch tatsächlich an die Wahlurne zu gehen.
Viele, die heute zu uns kommen, müssten dies auch deshalb tun, weil sie die Verhältnisse in ihrer Heimat nicht per Wahl beeinflussen dürften. Wie sähe das denn aus, wenn wir, die es können, gar nicht zur Wahl gingen?