Schön lieb gewesen?

Maria und Jesus. Figur, geschaffen von einem unbekannten Künstler. (Foto: Hans Lachmann)
 
Stadtsuperintendentin Sabine Preuschoff. (Foto: Hilbig)

Grußwort zu Weihnachten von Superintendentin Sabine Preuschoff

„Der Salvator mundi ist verkauft.“ Schlagzeile in allen Zeitungen, im Radio, im Fernsehen am 16. November dieses Jahres. Das Gemälde von Leonardo da Vinci – Öl auf Walnussholz – wechselte für stolze 450.312.500 Dollar den Besitzer. Salvator mundi – zu Deutsch: der Retter bzw. Erlöser der Welt. Zu einem unvorstellbaren Preis erworben. Weit weg von mir. Solche Summen kann ich noch nicht einmal denken.
Was mag der neue Besitzer mit dem Bild anfangen? Inzwischen wissen wir es: Er ist kein Liebhaber, der das Bild für sich haben will. Vielmehr stellt er es im Louvre-Ableger in Abu Dhabi aus. Dabei geht es weder um Kunst noch um Religion. Sondern ums Prestige. Um die Zurschaustellung wirtschaftlicher Potenz.
„Der Salvator mundi ist verkauft.“ Die Schlagzeile bleibt mir im Kopf. Lässt mich nicht los. Und ein Weihnachtslied dringt in meine Seele. Fängt an, in mir zu klingen: „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron, der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn. Er äußert sich all seiner G'walt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding.“
Das Geheimnis von Weihnachten: Gott wendet sich uns Menschen zu. Kommt uns nahe durch die Geburt eines Kindes. Eine Frau, die ein Kind, das sie sich gewünscht hat, zur Welt bringt, weiß um dieses Geheimnis. Das Gebären eines Kindes ist jener Moment, in dem unendlicher Schmerz in unbändige Freude verwandelt wird. Sehnsüchtige Erwartung in Gewissheit. Ängstliche Sorge in Zuversicht. Dies Geheimnis macht sich Gott zu eigen: Gott wird Mensch. Gibt uns seinen Sohn, die Welt zu erlösen. Zu verwandeln. Und das alles als Geschenk. Der Retter der Welt ist nicht käuflich. Lässt nicht mit sich und um sich handeln.
Anders als Eltern, die mit der Figur des Weihnachtsmannes ihren Kindern gegenüber Handel betreiben: Wenn du schön lieb bist, dann kommt der Weihnachtsmann auch zu dir. So läuft es bei Gott nicht. Wenn es danach ginge, ob die Menschen „schön lieb“ sind, bliebe beim Blick auf das Treiben in der Welt das Himmelreich wahrscheinlich verschlossen. Denn schon im Alltag läuft jeder Mensch Gefahr, lieblos zu sein. Andere zu verletzen: durch ein abschätziges Lächeln. Ein bewusstes Wegsehen, um das Leid eines anderen nicht an sich heran zu lassen. Durch mutloses Schweigen, wo andere Unterstützung gebraucht hätten. Wir leben mit der zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit, dass Menschen Hunger leiden, während es doch eigentlich genug für alle gäbe. Wir erleben: die einen entfachen Krieg und Gewalt, die anderen lassen sich dankbar darauf ein. Das ist ja so viel einfacher. Denn wer um Frieden ringt, läuft Gefahr, als schwach betrachtet zu werden.
Und Gott? Wartet nicht, dass wir „schön lieb“ sind. Lässt sich nicht von dem kaufen, der am meisten bietet. Macht sich uns gleich. „Wird niedrig und gering.“ Schenkt uns seinen Sohn. Ein schwaches Kind. Nackt und ohne Schutz. Verletzlich – wie ich. Das Bild zeigt uns, wie der Retter uns Menschen dargereicht wird – als Geschenk. Ich muss nichts tun. Nur annehmen. Das ändert diese Welt nicht sofort. Auch morgen wird es Gewalt geben. Lieblosigkeit. Aber mit der Geburt dieses Kindes auch die Hoffnung und der Auftrag, dass uns Frieden verheißen ist. Wir sehen auf dem Bild bereits, worauf es hinaus läuft: die Arme ausgebreitet. Ein Kreuz. Zum Segen für die Welt. Zeigt uns: Gottes Macht liegt nicht in der Gewalt. Die Macht dessen, der die Welt erlöst, liegt darin, dass er das Leben der Menschen teilt. Freuden und Schmerzen. Für alle da ist. Sich hingibt. Nicht nur für die, die „schön lieb gewesen“ sind. Was für ein Geschenk. Ihnen und Euch allen ein segensreiches Weihnachtsfest!
Ihre Sabine Preuschoff Superintendentin im Ev.-luth. Kirchenkreis Burgdorf