Region wird bei Bedarf in Lehrte Flüchtlingsunterkünfte bauen

Bislang mit Flüchtlingsunterkünften - auch was die Nachnutzung angeht - mit Hilfe der stadteigenen Lehrter Wohnbau aus eigener Kraft gut aufgestellt, hat der Lehrter Rat nun aber die Verwaltung dazu ermächtigt, bei weiterem Bedarf das Hilfsangebot der Region Hannover anzunehmen, die solche Unterkünfte vor Ort in den Städten und Gemeinden selbst errichten will. (Foto: Walter Klinger)

Kapazität an eigenen Bauvorhaben erschöpft - Weitere Infoabende

LEHRTE (kl). Durch eine Neubewertung des Landes sinkt die Quote der zugewiesenen Flüchtlinge, die bis Ende April von der Stadtverwaltung in Lehrte unterzubringen sind, unter 400. Zusätzlich zu den bisherigen und in der Umsetzung befindlichen Unterkünfte hat die stadteigene Wohnbau jetzt auch die beiden Gebäude des Gästehauses Kluge am Ortseingang Ahlten erworben. Eine Großunterkunft wie die jetzt an der Everner Straße für 140 Personen genutzte, umgebaute Industriehalle soll es indes nur für begrenzte Zeit geben.
Sie sei auch nur wegen des großen Ansturms von Flüchtlingen eingerichtet worden und nur, bis diese auf andere Wohnstandorte verteilt werden könnten, sagte Bürgermeister Klaus Sidortschuk in der Sitzung des Lehrter Stadtrates am Mittwoch. Auf keinen Fall werde die Stadt über die Zahl von 100 Flüchtlingen in einer Unterkunft hinaus gehen. Diese Zahl sei das absolute Maximum, tatsächlich würden Einrichtungen mit höchstens 60 Plätzen angestrebt.
Das Gerücht, auf dem Festplatz Sievershausen sei eine Unterkunft mit 200 Plätzen geplant, sei deshalb definitiv falsch. Die Stadt sei allerdings gezwungen, für verschiedene für den Bau von Flüchtlingsunterkünften geeignete Grundstücke zu finden und vorsorglich zu planen. Entscheidungen über weitere Bauvorhaben seien aber noch nicht gefallen.
Sidortschuk kündigte für den 2. Mai, 18.00 Uhr (der Versammlungsort wird noch festgelegt) eine zweite Anliegerinformation für das Grundstück an der Tiefestraße an, auf dem bereits ein erstes Bauprojekt für eine Asylbewerberunterkunft durch die Wohnbau verwirklicht wird. Für das zweite Gebäude werde es einen städtebaulichen Architektenwettbewerb geben, verriet der Bürgermeister, zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Lehrter Wohnbau, vor dem Rat.
Am 8. April ab 18.00 Uhr (der Ort steht noch nicht fest) soll es auch in Ahlten eine Anliegerinformation zum Kauf des Gästehauses Kluge durch die Wohnbau geben. Eines der dortigen Gebäude soll für Flüchtlingsunterbringung von der Stadt angemietet werden.
Ebenfalls Thema (und gleichfalls an der Hannoverschen Straße gelegen) dürfte bei der Versammlung die Herrichtung des Gebäudes der ehemaligen Schmierfabrik Ahlten für Wohnzwecke von Flüchtlingen sein.
Der Bürgermeister sieht, wie er nochmals vor dem Rat unterstrich, mit den "eigenen" (Wohnbau-)Bauprojekten (darunter das bereits genutzte in der Nordstraße und den - durch zusätzliche Wohncontainer ergänzten - Umbau an der Manskestraße) Lehrte gut gerüstet auch für eine spätere Nachrüstung dieser Immobilien.
Für die Zukunft ist der Bürgermeister jetzt einmütig vom Stadtrat ermächtigt worden, als eine der ersten Kommunen das Angebot der Region Hannover anzunehmen, dass bei anhaltendem Bedarf diese vor Ort Flüchtlingsunterkünfte errichtet und unterhält. Der Stadt blieben dann die Aufgabe und die Kosten der Betreuung der Asylbewerber.
Kritik übte der Bürgermeister daran, dass es zu der bereits im Ortsrat Ahlten (weil die Gemarkung zu dieser Ortschaft gehöre) vorgestellten Planung für eine Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände der einstigen „Schwanenburg“ am Ortseingang Lehrte einen Unterschriftenzettel der Anlieger mit pauschaler Ablehnung des Vorhabens, aber ohne Nennung von Gründen, gegeben habe. Selbstverständlich sei aber auch dort eine Anliegerinformation vorgesehen – es müssten nur erst alle Planungsinformationen vorliegen.
Eine solche pauschale Ablehnung könne man nicht akzeptieren und werde sich deshalb schon gar nicht von den entsprechenden Zielen der „Lehrter Erklärung für Demokratie und Toleranz“ (der Aufnahme, ordentlichen Unterbringung und Integration von Flüchtlingen) abbringen lassen, unterstrichen einmütig auch alle drei Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat (SPD, CDU/FDP/Piraten und Grüne).
Am Morgen nach der Ratssitzung hatte unsere Redaktion dann Gelegenheit, mit einigen der Unterzeichner (etwa 70, auch gegenüber in Lehrte-West sammeln bereits dortige Anwohner Unterschriften) zu sprechen. Sie zeigten sich verblüfft, dass ihre Argumente der Stadt nicht bekannt seien.
Allerdings habe eine Anliegerin, die nach der Information im dortigen Ortsrat beim Ortsbürgermeister in Ahlten nachgefragt habe, unter Hinweis auf die nach Lehrte abgegebenen Zuständigkeit auch keine weiteren Auskünfte erhalten. Ein Anlieger, der wiederum die Sprechstunde des Lehrter Bürgermeisters nutzte, habe sich von diesem nicht verstanden gefühlt und sei auch gar nicht so recht zu Wort gekommen.
Im Kern gehe es allen Anliegern um den Erhalt der auf dem „Schwanenburg“-Gelände (nicht nur im Bereich des nach mehreren Bränden abgerissenen, zuletzt als Jugendzentrum genutzten Gebäudes) in Jahrzehnten gewachsenen Natur – für sie als Ausgleich zu der viel befahrenen Ahltener Straße das einzige Naherholungsgebiet, das sogar noch Zugang zu weiteren Naturbereichen biete. Dieses legitime Interesse wollen sie in einer ordnungsgemäßen Abwägung gegenüber anderen möglichen Standorten von Asylbewerberunterkünften auch entsprechend gewichtet sehen.
Auch gehe es darum, dass – wenn tatsächlich eine Nutzung an dieser Stelle durchgesetzt werde – hier möglicherweise ein im Vergleich zu einem festen, auch architektonischen Ansprüchen genügenden Gebäude, möglicherweise nur ein Provisorium entstehe, das dann aber über ein Jahrzehnt oder sogar länger Bestand habe. Einem festen Gebäude mit entsprechendem Nachnutzungsstandard sei auf jedem Fall Vorrang zu geben.
Sie erwarteten als direkte Anlieger des geplanten Heimes eine baldige Information der Stadt, wie es im Ortsrat Ahlten ja bereits geschehen sei. Wenn man sich als Anwohner erst äußern dürfe, wenn ohnehin alles schon beschlossene Sache sei, wo bleibe denn dann die Interessensabwägung in der örtlichen Demokratie?
Warum sie im übrigen ihre Namen nicht ausgedruckt in der Zeitung sehen wollen? „Wir möchten nicht als ausländerfeindlich gebrandmarkt werden“, bekennen gleich mehrere eine weitere konkrete Angst der Anwohner.
Sie sind jetzt gespannt, ob die Stadt oder auch die Lehrter Politik zeitnah auf sie zukommen werden.