Prof. Gerd Biegel referierte zur Friedhofskultur von der Antike bis zum heutigen Sievershausen

Vollbesetzte Sitzreihen im Antikriegshaus: Prof. Gerd Biegels Vortrag über Bestattungssitten in verschiedenen Jahrhunderten und Kulturen fand in Sievershausen ein dankbares Publikum. (Foto: AK Ortsgeschichte Svhsn,)
 
Nein, eine Sucht ist es noch nicht, aber ganz offensichtlich eine Vortragsliebe: Prof. Gerd Biegel hat sich, wie Giesela Schulz vom Arbeitskreis Ortsgeschichte bilanzierte, in Sievershausen ein großes und begeistertes Publikum erworben. (Foto: AK Ortsgeschichte)
Lehrte: Antikriegshaus Sievershausen |

Ein Beitrag von Heiner Behrens (AK Ortsgreschichte): "Trauer braucht einen festen Ort und feste Rituale . . ."

SIEVERSHAUSEN (r/kl). Mit einem vollbesetzten Raum im Antikriegshaus Sievershausen hätten weder Giesela Schulz, Vorsitzende des Arbeitskreises Ortsgeschichte, noch der Referent selbst gerechnet.
"So viele Interessierte ausgerechnet zu diesem Thema wären in Braunschweig nicht gekommen" resümierte Prof. Dr. hc Gerd Biegel, Leiter des Instituts für Regionalgeschichte an der Universität Braunschweig. Prof. Biegel ist in Sievershausen aber längst kein Unbekannter mehr. Seine Vortragsreihe unter anderen über Napoleon, den Schwarzen Herzog von Braunschweig oder die letzte große Fürstenhochzeit vor Ausbruch des ersten Weltkriegs sorgten stets für volle Räume.
So gelang es ihm auch am Mittwochabend, dem 11. 11. und damit dem eigentlichen Beginn der Karnevalszeit, mit diesem spröde erscheinenden Thema die Zuhörer zu begeistern. Angeregt zu diesem Thema hatte ihn ein Spaziergang über den Sievershäuser Friedhof und das dortige Moritz-Denkmal. Laut Biegel ist der Friedhof in seiner jetzigen Form ein Auslaufmodell. Anonyme Bestattungen seien im Vormarsch und machten in Großstädten schon mehr als die Hälfte aller Bestattungen aus.
Die Beisetzung in einem Friedwald, eine Seebestattung oder das Verstreuen der Asche in den Bergen des vormals vom Verstorbenen ach so sehr geliebten Wanderreviers nähmen zu. Die traditionelle Erdbestattung auf einem der 32.000 Friedhöfe in Deutschland würde bald die Ausnahme werden.
Dabei befürchtet Prof. Biegel, dass die Trauerarbeit für die Angehörigen verloren geht. "Trauer braucht einen festen Ort und feste Rituale, deshalb dürfen Traditionen nicht untergehen" ist seine Überzeugung. Es gehe darum, Friedhöfe mehr für die Lebenden zu öffnen.
Die Friedhöfe seien nicht nur landschaftlich gestaltete Anlagen für den Frieden der Verstorbenen, sondern oft auch reich bestückte und begehbare Geschichtsbücher. So sind zum Beispiel die Dome in Königslutter und Braunschweig als Stiftskirchen zugleich Grabeskirchen ihrer Erbauer und damit zentrale Orte ihrer Memoria.
Ihre großartige Architektur machten die Dome zugleich zu sichtbaren Zeichen imperialen und dynastischen Machtanspruchs und Manifestationen politischen Macht- und Herrschaftsbewußtseins ihrer Erbauer und der von ihnen vertretenen Dynastien.
Aber auch die Grabsteine des Friedhofes in Sievershausen geben gelegentlich Aufschluss über das Leben der Verstorbenen. Dies ist zum Beispiel die abgebrochene Ähre auf dem Grabstein eines Landwirtes oder eine stilisierte Uhr auf dem Stein des früheren Uhrmachers. Ein Segelflugzeug oder Sporen und Gerte weisen auf die Hobbies Segelfliegen und Reiten hin.
Für Viele standen am Volkstrauertag oder stehen am morgigen Ewigkeitssonntag ein Besuch auf dem Friedhof an. Es lohnt sich, das Augenmerk einmal mehr auf die kleinen Details zu lenken. Der zweistündige Vortrag von Prof. Biegel lieferte dafür wertvolle Anregungen und wurde mit langanhaltendem Applaus belohnt.

Neues Bestattungsfeld im Friedhofs-Urnengarten

Ein Beitrag der Kirchengemeinde Sievershausen: Bronzetafeln an den Stelen tragen Namen der Verstorbenen

SIEVERSHAUSEN (r). Die Bestattungskultur ist im Wandel begriffen. Der Trend geht zum Urnengrab und zu Rasenreihengräber, weil diese günstiger und pflegeleichter sind.
Die Kirchengemeinde Sievershausen ist diesem Wusch nachgekommen und hat auf dem Friedhof eine Urnengemeinschaftsanlage angelegt. Diese besteht aus drei Natursteinstelen – Glaube, Liebe und Hoffnung.
Auf den Stelen werden Bronzetafeln mit dem Namen der Verstorbenen angebracht und die Urnen um die Stelen herum beigesetzt. Die Urnengemeinschaftsanlage wird mit Rasen eingesät und die Pflege der Anlage erfolgt durch die Kirchengemeinde.
Das Fundament der Stelen bietet Platz für Blumen. Diese neue Bestattungsform ist bereits in der neuen Gebührenordnung vorgesehen und kann jetzt genutzt werden.