Politologin Ute Scheub in Sievershausen: Ohne Frauen keinen Frieden

„Diese Veranstaltung und auch die Ausstellung hat mich darin bestätigt, dass Geschlechtergerechtigkeit die Basis für eine zukunftsfähige gesellschaftliche Entwicklung und ein friedliches Miteinander ist“, sagte die Burgdorfer Gleichstellungsbeauftragte Petra Pape. (Foto: Dana Noll)
 
Die Friedensaktivistin und Publizistin Ute Scheub berichtete im Antikriegshaus von den Bemühungen von Frauen, sich bei Friedensverhandlungen einzubringen. (Foto: Susanna Veenhuis)
Lehrte: Antikriegshaus Sievershausen |

Ein Beitrag von Susanna Veenhuis - Ausstellung: „No Women No Peace“ im Antikriegshaus

SIEVERSHAUSEN (sv). „Ich muss sagen, ich bin bass erstaunt, dass hier meine eigene Ausstellung hängt!“ Ute Scheub, Friedensaktivistin und Publizistin, zeigte sich bei ihrem Vortrag zum Thema „Ohne Frauen kein Frieden“ im Antikriegshaus überrascht.
„Das ist nicht unbedingt ein Zufall“, sagte Berndt Wältje vom Vorstand des Antikriegshauses ín Sievershausen augenzwinkernd. In der Reihe „Frieden geht anders“ bringt der Verein Interessierten verschiedene Möglichkeiten zur gewaltfreien und nachhaltigen Konfliktlösung nahe, über die in den Medien üblicherweise nur wenig zu erfahren ist - es sei denn, man sucht gezielt danach.
Hannelore Köhler, Referentin im Frauenwerk der evangelischen Landeskirche Hannover, stellte Scheub vor. „Auf ihrer Visitenkarte steht: Geburtshelferin für ökosoziale Projekte und Geschichten des Gelingen – das gefällt mir“, sagte Köhler.
Ute Scheub, Mitbegründerin der alternativen „tageszeitung“, engagierte sich unter anderem auch 1991 bei der Gründung der Frauenaktion „Sheherezade“ anlässlich des Golfkriegs und 2003 während des Irakkriegs bei der Initiierung des deutschen Frauensicherheitsrats.
In den Jahren von 2007 bis 2015 habe sich die Zahl der bewaffneten Konflikte weltweit verdoppelt, erklärte Scheub. Damit einhergehend sei die höchste Todeszahl seit dem Kalten Krieg. Aktuell würden weltweit 1,6 Billionen Dollar jährlich für Rüstung ausgegeben. Ein F-33 Kampfflugzeug kostet 137 Millionen Dollar, aber 2010 erhielten Fauenfriedens-Organgisationen weltweit zusammen nur 106 Millionen Dollar an offizieller Unterstützung.
Die Politologin mit Doktortitel und Koordinatorin des weltweiten Netzwerks der „1000 Friedensfrauen“ will nicht unterstellen, dass Frauen die besseren Menschen sind. Aber die Geschichte und aktuelle Projekte zeigten, dass durch die Beteiligung von Frauen Friedensverhandlungen entscheidend vorangebracht und vor allem nachhaltig und dauerhaft Frieden geschaffen werde.
Schon in den 1980er-Jahren hätten sich Israelitinnen und Palästinenserinnen getroffen, obwohl solche Begegnungen verboten waren. Sozusagen unter dem Radarschirm hätten sie gemeinsam einen Friedensplan ausgearbeitet, nach dem der Nahost-Konflikt längst hätte beendet sein können. „Aber die Frauen wurden bei ihren Demonstrationen nur verlacht, sogar als Huren beschimpft“, sagte Scheub.
Die Situation sei in vielen anderen Ländern ähnlich, sagte Scheub. Frauen und dementsprechend ihre Arbeit würden nicht ernst genommen. „Sie geht unter, weil sie unsichtbar sein muss.“ Dabei zeige das Beispiel Liberia, wie Frieden unter Einbeziehung von Frauen gelingen kann – abseits der oft zitierten und angewandten militärischen Lösungen.
Zwischen 1989 und 2003 habe dort ein entsetzlicher Bürgerkrieg um Diamanten geherrscht; zudem hatten 70 Prozent der Frauen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt machen müssen. In einer friedlichen Aktion hatten unbewaffnete Frauen das Verhandlungshaus so lange blockiert, bis die Anführer den Krieg für beendet erklärten.
„Die schwerst bewaffneten Warlords hätten unter den Frauen jederzeit ein Blutbad anrichten können“, sagte Scheub. Die Frauen setzten sich weiterhin durch, erreichten eine 30-prozentige Frauenquote und die komplette Entwaffnung aller Beteiligten. Schließlich wurde 2006 in Liberia zum ersten Mal in ganz Afrika eine Frau zum Staatsoberhaupt gewählt, Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf.
Die Rechte von Frauen schützen und sie in Friedensverhandlungen, Konfliktlösungen und Wiederaufbau einzubeziehen fordert die Resolution 1325, die der UN-Sicherheitsrat im Jahr 2000 beschloss. „Diese Resolution machte den Frauen in aller Welt viel Hoffnung, dass ihre Arbeit anerkannt wird; aber in den 17 Jahren seitdem hat sich nicht viel getan, denn es gibt keine Zeitvorgaben, Sanktionen oder Geld, sie ist total unverbindlich“, erklärte Scheub.
Gerade ein Viertel aller der UN angeschlossenen Länder hätten mit der Umsetzung begonnen. „In Deutschland müssen besonders dicke Bretter gebohrt werden“, kommentierte die Politilogin die Anstrengungen der Bundesregierung, die gerade einen zweiten Aktionsplan dazu auf den Weg bringt.
„Je größer die Geschlechtergerechtigkeit einer Nation, desto friedlicher ist sie nach innen und außen“, zitierte Scheub die US-Wissenschaftlerin Mary Caprioli. Ab einer Quote von 35 Prozent Frauen im Parlament einer Nation bestünde kaum mehr ein Risiko, in Konflikte zurückzufallen.
In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich, dass das Schwinden von Ressourcen wie Boden, Wasser, sauberer Luft bei wachsender Bevölkerung ebenfalls weltweit großes Konfliktpotenzial bedeutet. Das Versprechen des Kapitalismus, den Enkeln werde es besser gehen, sei gebrochen. Scheub, die sich in ihrem neuesten Buch „Die Humusrevolution“ mit dieser Thematik befasst, dazu: „Unser Lebensstil ist nicht nachhaltig!“
Wie sich Frauen weltweit und mit welchem Erfolg für den Frieden einsetzen, zeigt die spannende Ausstellung unter dem Titel, „No women no peace“, die noch bis zum 16. Juni im Antikriegshaus Sievershausen am Kirchweg 4 zu sehen ist.