Kulinarische Dorfführung durch Ahlten war zugleich eine informative und unterhaltsame Zeitreise

In der Rolle des einstigen Ortsvorstehers Hermann Barnstorf erläuterte Altortsbrandmeister Hans-Alfred Riggers (vorn, rechts) die Geschichte des Barnstorfplatzes und dsteurte auch einige Anekdoten zum dortigen alten Spritzenhaus bei. (Foto: Lebendiges Ahlten/Günter Friedrich)
 
Der Familie und dem Ort verpflichtet: Holger Schlemm war eigens aus München angereist, um die Schlemmsche Familienstiftung und den Stammbaum seiner Familie zu erläutern. (Foto: Lebendiges Ahlten/Günter Friedrich)

"Lebendiges Ahlten" mit Suppe, süßem Auflauf, Apfelsaft, Rübenschnaps, Pils, Minhaxe und Currywurst

Ein Dorfrundgang für Leib und Seele

AHLTEN (r/kl). Aus Anlass seines zehnjährigen Bestehens hatte der Verein "Lebendiges Ahlten" zu einer „kulinarischen“ Dorfführung eingeladen. Zur Begrüßung gab es für die 34 Teilnehmer/innen als Erkennungszeichen ein Lebkuchenherz mit dem Aufdruck „10 Jahre Lebendiges Ahlten“.
Erste Station war die Gaststätte "Zum Weißen Roß", die älteste heute noch existierende Gastwirtschaft im Dorf. Wie Inhaber Gerald Engelke nicht ohne Stolz erklärte, ist die Wirtschaft schon seit 1850 im Familienbesitz.
Während die Gäste die in Erinnerung an die langjährige Wirtin und Mutter des jetzigen Inhabers „Emma-Suppe“ getaufte kräftige Suppe auslöffelten, wusste Ortschronist Hans-Henning Brandes noch Einiges zur Geschichte beizutragen.
Eine Überraschung wartete in der Wöhlerstraße beim Bauernhof Müller. Dort wurde die Gruppe von Bäuerin Dorothee Elisabeth Fründt nebst frisch angetrautem Ehemann Johann Friedrich Fründt empfangen. Vorsitzende Ursel Prüße und Chronist Brandes hatten sich in die Gestalten des 19. Jahrhunderts verwandelt und berichteten sehr anschaulich über das Dorf und die Landwirtschaft zu ihrer Zeit.
So war sich der aus Soßmar zugezogene Fründt zunächst sehr im Zweifel, ob er den Umzug nach Ahlten wagen sollte. Zwar schien ihm die verwitwete Braut durchaus attraktiv, aber das Dorf machte auf ihn doch einen sehr erbärmlichen Eindruck.
So wunderte er sich sehr über die Stangen, die er neben vielen Haustüren vorfand. Als er sah, dass die Bewohner diese als Stelzen benutzten, um nicht im Schlamm der Wege zu versinken, wäre er am liebsten umgekehrt. Aber nicht zuletzt die Aussicht auf eine üppige Mitgift gewann dann doch die Oberhand.
Im Zwiegespräch mit den Altvorderen erläuterte der heutige Hofbesitzer Herbert Müller die moderne Landwirtschaft. Er konnte aufklären, warum es im Haus keine große Leutestube für die Knechte und Mägde und keine Arbeitspferde mehr gibt. Stattdessen verwies er auf die riesigen Traktoren und Maschinen, die auf dem Hof zu bestaunen waren.
Als kleine Köstlichkeit wurde von Marlies Müller und den Kindern Wiebke und Jens ein nach altem Hausrezept zubereiteter „Ahltener Süßer Auflauf“ serviert.
In der die Rolle des Vorstehers Hermann Barnstorf übernahm Hans-Alfred Riggers die Führung zum Barnstorfplatz.
Dort erläuterte er die Geschichte des Platzes und die Vita des Ortsvorstehers, der von 1893 bis 1924 die Geschicke des Dorfes lenkte. Als langjähriger Ortsbrandmeister konnte Riggers auch einige Anekdoten zum alten Spritzenhaus beisteuern.
„Bauplanerin“ Heike Koehler schlug sodann den Bogen zur Neuzeit. Sie stellte den unter Federführung des Vereins entwickelten Entwurf für eine Umgestaltung des Platzes vor.
Dass bei einer kurzen Einkehr im Pferdestall des Hofs Prüße-Lampe ein Gläschen Ahltener Rübenschnaps ausgeschenkt wurde, hatte seinen Grund. Denn auf dieser Hofstelle wurde von 1770 bis 1914 neben der Landwirtschaft eine Kornbrennerei betrieben.
Für manche Teilnehmer war die Besichtigung des Schlemmschen Gutshauses ein Höhepunkt des Rundgangs. Herr Holger Schlemm war eigens aus München angereist, um die wechselvolle Geschichte des Gebäudes und der Schlemmschen Familienstiftung zu erläutern.
Die architektonischen Besonderheiten des im schlichten Barockstil erbauten Fachwerkgebäudes erläuterte ergänzend Hans-Henning Brandes, nicht ohne einige Geschichten über unnatürliche Todesfälle einzuflechten, die in dem Haus geschehen sein sollen. Zum Abschied gab es ein Glas Saft aus frisch gepressten Äpfeln von dem zum Haus gehörenden großen Obstgarten.
Eine weitere Überraschung wartete im "Dorfkrug". Diese Gaststätte besteht unter verschiedenen Namen und Besitzern seit 1886 und hat eine wechselhafte Geschichte, wie Hans-Henning Brandes zu berichten wusste. Unter anderem gab es dort eine Kegelbahn, einen Kaffeegarten und in den Nachkriegsjahren sogar ein Kino, wo man für 50 Pfennig Filme gucken konnte.
Seit zwei Jahren wird die Gaststätte von Olli Hörstmann und Partnerin Sabrina betrieben. Zur Erinnerung an das Kino wurden nun einige Passagen aus einem Film über Ahlten aus dem Jahr 1957 vorgeführt. Manch einer fand sich oder gute Bekannte darin wieder. Die von Sabrina aufgetischten Minihaxen mit Sauerkraut, dazu ein frisches Pils, schmeckten vorzüglich.
Zeit, aufzustehen und das nächste Ziel anzusteuern: die Martinskirche. Pastor Henning Runne, konnte sich über ein gut besuchtes Gotteshaus freuen. Natürlich fehlte nicht der Hinweis, dass die ehemalige Kapelle schon seit über 50 Jahren eine „richtige“ Kirche ist, auch wenn die sie beheimatende Straße nach wie vor Kapellenstraße heißt.
Mit viel Liebe zum Detail und mit dem gewohnten Humor beschrieb der Hausherr die Geschichte und architektonischen Besonderheiten des Gebäudes, das zahlreiche Veränderungen erfahren hat und in schlechten Zeiten auch schon mal als Viehstall genutzt wurde. Natürlich ging es auch hier nicht ohne eine kleine Leckerei ab. Zu Kaffee und Tee wurden Lutherkekse gereicht.
Gab es bisher durchweg alte Gebäude zu besichtigen, endete der besondere Dorfrundgang am modernen Sportgelände im Kleifeld. „Hausherr“ Bernhard Hebbelmann als Vorsitzender der TSG Ahlten stellte die in eigener Regie erbaute Turnhalle mit ihren vielfältigen Nutzungen vor.
Besonders stolz war er auf die Kickbox-Sparte, die sich innerhalb weniger Jahre zu einem Renner entwickelt hat und auch Kinder und Jugendliche mit ausländischen Wurzeln gut integriert. Überhaupt, so Hebbelmann, sei der Verein gut aufgestellt. In den "Kleifeldstuben" tischte der langjährige Vereinswirt Dieter Richter als letzte Mahlzeit traditionelle Currywurst mit Pommes auf.
Ein schöner Tag mit vielen abwechslungsreichen Eindrücken ging zu Ende. Manch ein Teilnehmer war überrascht, was das Heimatdorf Ahlten so zu bieten hat.