Künstlerischer Stadtspaziergang: Toteislöcher vor der Haustür und ein Schwan als Eisbrecher

Frank-Dieter Busch (Mitte) nahm die Ausflügler mit zu seinem 7293. Besuch bei den ehemaligen Zuckerteichen, wo er seit 1961 Vögel zählt und auch so manche Anekdote zu berichten weiß, wie die Künstlerin Julia Schmid (rechts) in Erfahrung gebracht hat. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Am Schrödlingstein in unmittelbarer Nähe zu einem Toteisloch erklärte Christian Helmreich die Herkunft des riesigen Findlings am ehemaligen Heeres- und Postweg zwischen Hannover und Braunschweig. (Foto: Susanna Veenhuis)

Ein Beitrag von Susanna Veenhuis - Julia Schmid lud vor der Finissage zu einer Exkursion zu den Zuckerteichen und nach Grafhorn ein

LEHRTE (sv). „Das wir so etwas hier direkt vor der Haustür haben, habe ich bis heute nicht gewusst!“ Stellvertretend für alle 17 Teilnehmer der Exkursion mit der Künstlerin Julia Schmid sprach die Lehrterin Angelika Rohlf ihr Erstaunen über Geheimnisse in ihrer unmittelbaren Umgebung aus, die soeben gelüftet worden waren – dank Schmids Kunst-Projekts „Schilf im Kies, gebaute Gärten.“
Denn der spannende Ausflug zu den ehemaligen Zuckerteichen und nach Grafhorn ergänzte im Rahmen des Projekts die ortsbezogenen künstlerischen Darstellungen in der Städtischen Galerie. Als Fachleute hatte sich die Hannoveranerin den Ornithologen Frank-Dieter Busch und Christian Helmreich, den Naturschutzbeauftragten der Stadt Lehrte, dazu geholt.
Der Künstlerin war aufgefallen, dass Lehrte und seine Umgebung von zahlreichen Wasserflächen geprägt sind – fast alle industriellen Ursprungs wie beispielsweise die Zuckerteiche. „Sie werden etwas aus der Geschichte erfahren und viele damit verknüpfte Geschichten“, hatte Julia Schmid zur Einführung erklärt – und damit wahrlich nicht zu viel versprochen.
Die Exkursionsteilnehmer begleiteten zunächst den Ornithologen Busch bei seinem 7293. Besuch bei den Reiher-, Schnatter-, Tafel- und Löffelenten, Schwänen, Rallen, Beutelmeisen an und auf den ehemaligen Zuckerteichen, die auch für viele andere Vogelarten ein wichtiges Biotop darstellen.
So ganz genau beziffern kann Busch Besuche und Vögel, weil er alle drei Tage dort die Bestände zählt und notiert – seit 1961. „Wenn die Zuckerfabrik noch in Betrieb wäre, wäre es hier jetzt richtig schön stinkig gewesen“, berichtete Busch von alten Zeiten, als der Zuckerrübenschlamm noch zum Absetzen in die Becken am Thönser Bruch gepumpt worden war.
Im Herbst seien die Teiche ausgetrocknet gewesen. „Als eine Art künstliches Wattenmeer zog das Gelände viele Watvögel an“, sagte Busch. Neben Vögeln seien in dem jetzt relativ unberührten Gebiet, das von der Stiftung Kulturlandpflege als „Biotope aus zweiter Hand“ betreut wird, sind auch Waschbären, Marderhunde, Rehe und Wildschweine heimisch. Die Besucher konnten einen Schwan bei seinem mühsamen Einsatz als Eisbrecher zum Freihalten eines Teichs beobachten.
Was es mit Toteislöchern auf sich hat, erfuhren die Kunst-Spaziergänger von Naturfreundehaus-Betreiber und Naturschutzbund-Mitglied Christian Helmreich. Acht dieser Löcher befinden sich im Umkreis von einem Kilometer um Grafhorn. Entstanden sind sie in der so genannten Saale-Eiszeit vor 300.000 bis 130.000 Jahren durch Abbrüche von Gletscherzungen, die später in der ansonsten wasserarmen Gegend eine wichtige Versorgungsfunktion erfüllten. Laut Helmreich stellten dort altsteinzeitliche Jäger den Rentierherden nach, wie Pfeilspitzen- und Knochenfunde belegen. Menschen gründeten Siedlungen an diesen Wasserstellen, die nach dem Versiegen wieder wüst fielen. Eins davon ist heute noch mit Wasser gefüllt: Der Arpker Dorfteich war einst ein solches Toteisloch.
Eiszeitlichem Geschiebe verdankt auch der so genannte Schrödlingstein, nur wenige Schritte vom Naturfreundehaus entfernt, seine Reise von Skandinavien nach Immensen. An dem gut zwei Tonnen schweren Granit-Findling blieb der Landwirt Irmfried Heineke immer mal mit der Pflugschar hängen, bis der Stein schließlich mit schwerem Gerät geborgen und an seinen jetzigen Standort am Wegesrand des alten „Heer- und Postwegs“ zwischen Hannover und Braunschweig geschafft wurde. Ein Stückchen weiter liegt ein noch immer deutlich zu erkennendes Toteisloch.
Helmreich wies auf das neueste Projekt der Naturfreunde am Grafhorn hin: den Bau des Eisenzeit-Hauses. Elke Glück, Amateurfotografin aus Burgdorf, zeigte sich von dem informativen Ausflug im Rahmen des Kunstprojekts begeistert: „Toll, dass die Künstlerin so tief in die Materie eingestiegen ist und uns an diesen Geschichten teilhaben lässt!“