Integration und ländliche Entwicklung waren Themen beim Besuch von MP Stephan Weil in Lehrte

Mannschaftsfoto mit Ministerpräsident: Zu 90 Prozent aus Flüchtlingen besteht die B-Jugendmannschaft des SV Yurdumspor Lehrte, den der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Matthias Miersch (hinten links), Regierungschef Stephan Weil und die SPD-Landtagskandidatin Thordies Hanisch (hinten, Mitte) jetzt im Lehrter Stadion Am Pfingstanger besuchten. (Foto: Walter Klinger)
 
Ein Selfie mit dem "Chef von Niedersachsen" brachte am Rande des Besuchs von Ministerpräsident Stephan Weil zusätzlichen Spaß beim SV Yurdumspor im Lehrter Stadion. (Foto: Walter Klinger)
 
Ein persönliches Bekenntnis zur Weiterentwicklung des ländlichen Raumes gaben bei der offenen Diskussionsveranstaltung im Lehrter Restaurant "Vileh" der Bundestagsabgeordnete dr. Matthias Miersch (v.l.), Landtagskandidatin Thordies Hanisch und Ministerpräsident Stephan Weil ab. (Foto: Walter Klinger)

Große Anerkennung für den SV Yurdumspor Lehrte - Offene Bürgerfragerunde

LEHRTE (kl). Halbzeit zu Ostern beim Vorhaben von Ministerpräsident Stephan Weil, bis zur Bundestagswahl im September alle 44 niedersächsischen Wahlkreise persönlich zu besuchen. "Dies ist zugleich mein ganz persönlicher Wahlkampf", bekannte Weil auf einer seiner letzten Stationen kurz vor dem Fest (und auch dem Türkischen Referendum) in Lehrte.
Wo sich der Regierungschef im Beisein des Bundestagsabgeordneten Dr. Matthias Miersch und der Landtagskandidatin Thordies Hanisch (alle SPD) richtig Zeit zu einem Gespräch mit dem türkisch(-irakischen) Sportverein Yurdumspor nahm. Abends dann beantworteten die Politiker, vor allem natürlich der Ministerpräsident, in einem offenen Diskussionsforum im Restaurant "Vileh" im Lehrter Dorf Fragen von Mitgliedern und Bürgern. Als zweiter Themenschwerpunkt unter vielen weiteren angesprochenen Fragen kristallisierte sich hierbei das Bemühen um die zukunftsorientierte Weiterentwicklung des ländlichen Raumes heraus.
Sie fühlten sich geehrt und sie schütteten dem Landesvater ausführlich ihr Herz aus, so dass Stephan Weil den sieben Vorstandsmitgliedern des SV Yurdumspor auf Anhieb glaubte, dass ihr Engagement für den durch die Flüchtlinge in nur wenig mehr als einem Jahr von 100 auf 200 Mitglieder gewachsenen Sportverein manchmal "die Hölle" bedeute. Jedes der Vorstandsmitglieder hat gleich mehrere Jobs zu bewältigen, auch als Trainer und Betreuer. Es müsse sich doch einrichten lassen, sie und ihre Familien einmal als Gäste zu ihm einzuladen, will Weil nun auch den Frauen der beispielhaft Engagierten danken.
Man habe sie gar nicht rufen müssen, Helfer von DRK, Kirchen, dem Netzwerk "Lehrte hilft" und auch anderen Vereinen und natürlich dem SV Yurdumspor seien sofort da gewesen, als sich das Problem der Aufnahme von Flüchtlingen zeigte, lobte dazu auch der Lehrter Bürgermeister Klaus Sidortschuk.
Er - im Dauerclinch mit den größeren Vereinen um Zustand und Nutzung der Sportanlagen Am Pfingstanger - konnte befriedigt zur Kenntnis nehmen, dass der SV Yurdumspor für das Bemühen der Stadt Lehrte um die Sportanlagen sehr dankbar ist, zumal hier ja mehr als 30 Mannschaften für eine abnutzende Dauerbelastung sorgen. Auch mit den anderen Sportvereinen gäbe es keine Probleme, alle Absprachen erfolgten in bester Gemeinsamkeit, berichtet Yurdumspor.
Drei der Fußballmannschaften gehören zum SV Yurdumspor, der auch Basketball, Tanzsport und demnächst auch Thai-Kickboxen anbietet. Die eigene B-Jugend besteht jetzt zu 90 Prozent aus in Lehrte lebenden Flüchtlingen. Im Frauenfußballteam sind auch junge Irakerinnen sportlich aktiv. Mehrere Jugendmannschaften sind noch nicht gemeldet, sollen aber noch an den Punktspielbetrieb heran geführt werden.
Bei seiner Reise durch Niedersachsen habe er bestätigt bekommen, dass freundschaftliche Kontakte junger Flüchtlinge zu den bereits hier Lebenden vor allem durch den Sport entstünden, bestätigte der Ministerpräsident dessen Bedeutung. Und konnte aus Lehrte auch mitnehmen, dass das Anreizsystem mit Geldpreisen für besondere Leistungen durchaus eine Hilfe ist.
Mehrere überregionale Preiszuwendungen, auch für den Betrieb einer Fahrradwerkstatt und eines Job-Coachings, haben dem SV Yurdumspor geholfen, den zumeist aus dem Irak stammenden Flüchtlingen im Verein, bei denen die Begegnung in der Moschee den gegenseitigen Respekt vertiefe, zu einer Sporterstausstattung zu verhelfen.
Wo denn eine gute Fee, bei der man einen Wunsch frei habe, noch helfen könne, wollte Weil wissen. Mit einem Sportgeschäft, in dem man nicht bezahlen müsse, antwortete der Vereinsvorsitzende Yetis Özdemir, denn "das Geld kommt rein, geht aber sofort wieder raus". In der Tat aber helfe die örtliche Geschäftswelt dem Verein mit super Preisen.
Auf die Frage von Matthias Miersch, ob ein türkischer Unternehmer noch als Hauptsponsor aktiv sei, gab es eher ausweichende Antworten. Aber es ist ja ohnehin bekannt, dass die Spaltung des türkischen Volkes in zwei verfeindete Lager auch hierzulande Folgen hat. Im Verein selbst habe Politik aber keinen Platz, versicherte der 2. Vorsitzende Sevkit Sönmez. Und auch auf dem Fußballplatz werde ausschließlich Deutsch gesprochen, dies gelte es hier ja auch zu erlernen.
Der Ministerpräsident bekräftigte sein hohes Lob noch einmal bei der als offenen Fragedialog geführten Abendveranstaltung mit gut 60 Gästen im Restaurant "Vileh" im Lehrter Dorf. Unter den auf eigens dafür gedruckten Bierdeckeln notierten Fragen waren mehrere auch zum Thema Integration. Die sieht Weil sauf vielen Ebenen voran schreiten, auch durch die "oft explodierenden Bildungskarrieren türkischstämmiger Mädchen", während türkische jungen hier noch das Nachsehen hätten.
Dass ein Niedersächsischer Ministerpräsident nicht dafür sein kann, dass Konflikte der türkischen Politik hierzulande ausgetragen werden, liegt auf der Hand. Aber Weil outete sich als Fan des Grundgesetzes, das den hier lebenden Menschen einen großen selbst bestimmten Rahmen für ihr Leben biete - auch in Sachen Meinungsfreiheit und religiöser Orientierung. Nur ein starker Staat aber, und dafür votiere er, könne das Grundgesetz und die in ihm verbrieften Freiheiten schützen. Wozu für Weil übrigens auch die Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen gehört, auch wenn der grüne Koalitionspartner sich da noch sperre.
Damit war auch die Frage des ältesten anwesenden SPD-Mitgliedes beantwortet, welche Werte die Flüchtlinge für ein Bleiberecht denn übernehmen sollten. Der Grund für solche Fragen war allen im Saal klar, wurden durch Deutschland in der Welt mit dem Modell starker Mann ohne genügend parlamentarische Kontrolle doch schon die allerschrecklichsten Erfahrungen gemacht.
Weil riet in Lehrte, erst einmal das türkische Referendum abzuwarten. Was zugleich auch bedeutet, dass auch hier ständig neu bewertet wird. Inzwischen ist klar: die prozentual größte Zustimmung für ein autokratisches Präsidialsystem in der Türkei kam von den türkischstämmigen Deutschen.
Das Entsetzen auch der Politiker in Lehrte ist ganz offensichtlich groß. Türkische Mitbürger relativieren indes das Ergebnis: Bei nur der Hälfte Wahlbeteiligung der Türken in Deutschland sei es doch nur wenig mehr als ein Viertel der hier Lebenden, die für die Macht ganz in den Händen Erdogans gestimmt hätten. Zu diskutieren ist hier wohl noch einiges - und das wohl auch noch länger.
Dr. Axel Saipa, gelernter Jurist und durch zwölf Jahre einstiger Lehrter Stadtdirektor, benannte dazu ein weiteres Thema: die Paralleljustiz, bei der zum Beispiel durch Imame auerhalb von Öffentlichkeit und deutschem Recht türkische Ehen beschlossen und auch wieder getrennt würden.
Zwei Livekameras speisten die offene Fragerunde bei facebook ein, erreichbar auch über die Homepage der SPD Niedersachsen. Über die Internet-Dialogschaltung fragte denn auch Michael Clement, SPD-Fraktionsführer im Ortsrat Immensen, nach den Chancen für regionale Dorfentwicklung.
Die Landtagskandidatin Thordies Hanisch und Stephan Weil bestätigten hier ihren absolut persönlichen Politikschwerpunkt für dorfübergreifende regionale Entwicklung - mit Hilfe aus Brüssel hat die Landesregierung die Mittel mehr bereits mehr als verdoppeln und will sie in den künftigen EU-Programmen noch weiter aufstocken.
Wobei Lehrte im Umland von Hannover für Weil eindeutig noch nicht das entwicklungsbedüftigste ländliche Gebiet ist. Entwicklungen wie dem Landarztmangel sei aber jetzt entgegenzuwirken, unter anderem, weil vor allem Frauen das Arztstudium absolvierten. Und sich der rund-um-die Uhr-Job einer Landärztin (noch) nicht mit dem Wunsch nach einer normalen Familie vertrage.
In Immensen beginnt der Weg in eine regionale Dorfentwicklungsplanung zusammen mit Arpke und sievershausen übrigens an diesem Samstag um 15.00 Uhr mit einer Bürgerversammlung im Landgasthaus "Scheuers Hof", bei der auch bereits erste Arbeitskreise gebildet werden sollen. In Lehrte wird unter dem Motto "Offen gesagt" mit Matthias Miersch wieder am 9. Juni bei einer Veranstaltung mit "The Rockin' Peaches" diskutiert, auch hier wieder offen für Bürgerfragen und Beteiligung der Bürger . . . Walter Klinger