Inklusion funktioniert nicht per Verwaltungsakt und braucht Unterstützung

Das Podiumsdiskussion zum Thema Inklusion und Eingliederungshilfe mit Alfred Jeske (v.l.), ehemaliger Geschäftsführer des Klinikums Wahrendorff; Dr. Christine Morgenroth, Leibniz Universität Hannover; Marcus Eckhoff, Geschäftsführer Lukas-Werk Gesundheitsdienste GmbH und Dr. Joachim Kutscher, Leibniz Universität Hannover. (Foto: Klinikum Wahrendorff)

Fachtagung im Wahren Dorff fordert mehr Geld für Personal und weniger Bürokratie

KÖTHENWALD (r/kl). In den Fachbeiträgen der zweitägigen Tagung „Inklusion und Eingliederungshilfe – Quo vadis?" im Klinikum Wahrendorff wurde die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit deutlich. Auf der einen Seite soll die Hilfe zunehmend ambulant, differenziert und auf die Person zentriert ausgerichtet sein, auf der anderen Seite stehen immer mehr seelisch erkrankte und geistig behinderte Menschen mit hohem und komplexem Hilfebedarf, für die die Heimunterbringung oftmals die einzige Möglichkeit zum Wohnen mit fachlicher Unterstützung ist.
Kritisiert wurden in den Vorträgen insbesondere die mittlerweile realitätsfernen Einstufungsverfahren, besonders dann, wenn es um die ganzheitliche Betreuung von Menschen mit Mehrfachbehinderungen und Doppeldiagnosen geht. Aber auch die Verantwortung von Wirtschaft und Gesellschaft stand im Fokus der Diskussionen. Eine Arbeitswelt, die rasant komplexer wird und eine individualisierte Gesellschaft macht Inklusion und Eingliederung nicht leichter.
„Seelisch behinderte Menschen haben noch keine Lobby", so Wahrendorff-Geschäftsführerin Heide Grimmelmann-Heimburg. „Und eine seelische Behinderung kann jeden treffen, beispielhaft stehen dafür traumatisierte Frauen nach einem Gewaltverbrechen."
Einige Kernaussagen aus der abschließenden Podiumsdiskussion:
„Inklusion funktioniert nicht per Verwaltungsakt. Politiker müssen in die Einrichtungen und am besten auch mal bei Supervisionen dabei sein. Die Anforderungen an die Mitarbeiter wachsen stetig. Wir brauchen mehr Geld für Personal und weniger Bürokratie", so Dr. Christine Morgenroth, Leibniz Universität Hannover.
„Inklusion ist für mich derzeit nur ein Schlagwort. Mit dem derzeit verfügbaren Personal sind die Probleme nicht lösbar und die kranken Menschen nicht wirklich emotional erreichbar. Alle die etwas verändern wollen, müssen zunächst einmal die Emotionalität vor Ort spüren und die Einstufungsverfahren müssen zukünftig die emotionalen Komponenten berücksichtigen", forderte Dr. Joachim Kutscher, Leibniz Universität Hannover.
„Die Eingliederungshilfe wird durch die Inklusion nicht überflüssig. Was politisch gewollt ist, ist längst noch nicht in der Praxis angekommen. Die personelle Ausstattung ist für mich das aktuelle Hauptthema. Die derzeitigen Einstufungsverfahren sind insbesondere für Bewohner mit Doppeldiagnosen und Mehrfachbehinderungen nicht ausreichend und nicht realitätsgerecht.
Wir müssen die Rahmenbedingungen verändern und dafür müssen wir Vertreter der Einrichtungen noch stärker auf Politik zugehen und in der Inklusion auf die örtliche Wirtschaft", fasst Marcus Eckhoff, Geschäftsführer Lukas-Werk Gesundheitsdienste GmbH, Evangelische Stiftung Neuerkerode, zusammen.