Immensen, Arpke und Sievershausen packen's gemeinsam an

Jetzt die Grundlagen planen und mittelfristig umsetzen, um in 20 Jahren drohenden Defiziten vorzubeugen: Regionalentwicklungsplaner Nobert Lütke (vorn, stehend) hatte im Saal von "Scheuers Hof" aufmerksame Zuhörer (hinten, von links, Stadtplaner Harald Bollwein und die Ortsbürgermeister Andreas Hapke (CDU, Sievershausen), Klaus Schulz (SPD, Arpke) und Falk Kothe (CDU, Immensen). (Foto: Walter Klinger)
 

Zukunftsplanung für gemeinsame Dorfregion

IMMENSEN/ARPKE/SIEVERSHAUSEN. Ein standhaftes Dorf hatte bislang die gemeinsame Entwicklungsplanung verweigert: Immensen, das schöne Dorf mit aber den meisten Defiziten, favorisierte einen eigenen Dorfentwicklungsplan.
Die Lehrter SPD hatte die Mittel dafür bereits fest eingeplant. Die Stadtverwaltung dagegen warnte, bei immer drängenderen Problemen würden Ein-Dorf-Lösungen heute von nirgendwo her mehr bezuschusst. Das sieht inzwischen auch der Ortsrat Immensen so und votierte Dienstagabend mit seinen Kollegen aus Arpke und Sievershausen für eine gemeinsame Zukunftsplanung als "Dorfregion".
Monate langer nahezu unversöhnlicher Streit und jetzt doch Einigkeit? Wie kann das sein? Die geänderte politische Mehrheit (jetzt ein durch eine Drei-Parteien-Koalition gewählter CDU-Ortsbürgermeister) und viele neue Entwicklungen wie der Abriss mehrerer zentral gelegener Höfe und der just verkündeten Verlust auch noch der Bank vor Ort, haben ein Umdenken bewirkt.
"Wir haben eingesehen: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", fasste der Immenser Ortsbürgermeister Falk Kothe nach der Infoveranstaltung über ein regionales Dorfentwicklungsprogramm die neue einhellige Haltung des Ortsrates zusammen.
Zwar fühlten sich die Immenser ein wenig überfahren, weil als Leiter der gemeinsamen Sitzung auch mit dem Ortsrat Sievershausen der Arpker Ortsbürgermeister Klaus Schulz (SPD) die gemeinsame Zukunftsplanung unversehens zum Beschlussantrag erhoben hatte. Machten nach kurzer Beratung aber einmütigt den Weg frei für eine professionell begleitete regionale Dorfentwicklungsplanung.
Voraus gegangen war die Gründung eines Vereins "Gemeinsam für Immensen", mit dem die SPD-Ortspolitiker (immer noch stärkste Partei im Dorf) ihre Teilhabe an künftigen Entwicklungen abgesichert haben - und nun auch das ganze Dorf mit auf einen guten Weg nehmen wollen.
Und in seinem Referat vor den drei Ortsräten hatte Norbert Lütke vom Amt für regionale Landesentwicklung ausdrücklich unterstrichen, dass bei einer gemeinsamen Entwicklungsplanung die Identität der einzelnen Dörfer erhalten werde. (Anmerkung unserer Redaktion: Besonders Immensen braucht dabei Orientierung, denn Denkmalschutzauflagen und die Unentschlossenheit von Grundstückseigentümern auf bereits frei geräumten Flächen im Dorfkern bedrohen bereits die eigene Zentralität und das Dorfbild. Anderswo würde man bebaubare Flächen dagegen als willkommene Chance sehen).
Es gehe um gemeinsame Zukunftssicherung dort, wo diese in 20 oder 30 Jahren nicht mehr allein gewährleistet werden könne. Anträge auf Projektbezuschussung von einem oder sogar zwei Dörfern allein hätten deshalb kaum eine Chance, resümierte der Regionalentwickler.
Bis August haben die drei Dörfer und die Stadt Lehrte jetzt Zeit, um jene Defizite zu benennen, denen sie gemeinsam entgegen wirken wollen. Handlungsfelder sind zum Beispiel Nahversorgung (auch Dorfladen), Verkehrsbelastung, Öffentlicher Nahverkehr und Mobilität, Ärztliche Versorgung (Ärztezentrum), Gemeinschaftsleben (Vereine), Bauliche Entwicklung und Demografie (Seniorenwohnen).
Anschließend entscheidet das Amt über die Aufnahme in das entsprechende Landesprogramm. Zur Hälfte und maximal bis zu 50.000 Euro könnte dann die professionelle Begleitung der Entwicklungsplanung durch ein geeignetes Planungsbüro bezuschusst werden.
Arbeitskreise aus den örtlichen Vereinen und Institutionen sowie interessierten Bürgern ("sie wissen am Besten, was fehlt") sollen die örtliche Entwicklungsplanung erarbeiten, die in einen gemeinsamen Lenkungsausschuss aller drei Dörfer mündet. Über dann erkannte notwendige Zukunftssicherungsmaßnahmen - sofern sie öffentlich finanziert werden müssen - beschließen letztendlich wieder die Ortsräte und der Stadtrat. Für die Umsetzung sind anschließend noch einmal acht bis zehn Jahre vorgesehen.
Aber es gibt auch private Investitionen, für welche vom Amt und dem beauftragten Planungsbüro der Weg zur Bezuschussung aufgezeigt und geebnet wird: Für die Umnutzung alter, bis 1945 erstellter Bausubstanz etwa, oder den Erhalt von Handwerksbetrieben vor Ort und nicht zuletzt für Dorfläden. Für die entsprechenden Programme könnten bereits zuvor Förderanträge gestellt werden, referierte Lütke.
Der Regionalentwicklungsplaner, der trotz eigener Erkältung seinen eigentlich zuständigen, aber verhinderten Kollegen vertrat, konnte als erstes Ergebnis das große Interesse an der gemeinsamen Entwicklungsplanung mitnehmen: Fast 100 Besucher waren bei seinem Referat vor Ort, darunter 30 von den Ortsräten und der Stadt, und jeweils gut 30 weitere aus Parteien und Stadtrat sowie Bürger und Grundstückseigentümer - und das trotz des gleichzeitigen 96-Fußballspiels, dessen "Ooohs" und schließlich auch ein "Ahhh" von der Liveübertragung von der anderen Seite des Landgasthauses "Scheuers Hof" in den Saal herein schallten.
Nicht dass es keine Widerstände gegen den Startschuss für die gemeinsame Zukunftsplanung gegeben hätte. Zwar hatte Lehrtes Stadtplaner Harald Bollwein erläutert, eine Dorfentwicklungsplanung - vordringlich für Immensen mit den meisten Defiziten - ergäbe sich zwingend als Erkenntnis aus dem bereits erarbeiteten Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK). Auf dessen Detailaussagen zum Beispiel zur Einzelhandels- oder Wohnraumentwicklung werde nun auch die Planung für die Dorfregion zurück greifen.
Junge Immenser aus dem Publikum hielten dagegen: es gäbe doch genügend Infrastruktur vor Ort und ein funktionierendes Gemeinschaftsleben und in der Region Hannover nicht einmal einen Bevölkerungsrückgang.
Wohl nicht mehr aus eigener Kraft in 20 Jahren, setzte als Prognose der Entwicklungsplaner des Landes dagegen. Wo Ärzte 50 Jahre und älter seien, entstehe schon Bedarf. Ein Drittel davon finde bereits keinen Nachfolger mehr. Und die drei Dörfer verlören bereits Hunderte von Einwohner, die Statistik beweise es.
Ebenso wie das mit den Meldedaten verknüpfte Leerstandskataster anzeige, dass immer mehr Häuser nur noch von Älteren bewohnt seien.
Und auch sei - trotz der derzeitigen Sondernachfrage - die Neuausweisung von dörflichen Baugebieten mit Vorsicht zu betreiben: "Sie ruinieren langfristig damit ihre eigenen Immobilienpreise", so der Regionalentwicklungsplaner, der schon bei der Anfahrt die guten Entwicklungsmöglichkeiten besonders im Immenser Ortszentrum selbst bemerkt hatte. Und ja, den Gesichtern einiger Immenser Zuhörer/innen war anzumerken: solche Fragen möchten sie unbedingt fachlich aufbereitet haben . . .
Die Bürger selbst sind längst auf dem Weg zu mehr Gemeinsamkeit in den drei Dörfern: bei den regionalen Gottesdiensten, beim gemeinsamen Konfirmanden-Segelprojekt und auch in der Jungendfußball-Spielgemeinschaft ISA . . .