Hilfsbereite Helfer verwandeln Ankunftssituation der Flüchtlinge in Lehrte in ein Willkommen

Viele helfende Hände mit kleinen praktischen Präsenten streckten sich den Insassen des zweiten und dritten in Lehrte ankommenden Flüchtlingszuges entgegen. (Foto: Walter Klinger)
 
Glücklich über diese Hilfsbereitschaft, führten Armin Albat (links) vom Netzwerk "Lehrte hilft" und die Regions-Fachbereichsleiterin Zuhal Karakas (Mitte) die große Gruppe der ehrenamtlichen Dolmetscher von der Einsatzleitung auf dem Schützenplatz zum Bahnhof. (Foto: Walter Klinger)
 
Diese Hilfe war überaus willkommen: Bürgermeister Klaus Sidortschuk begleitet Ehrenamtliche, die auf den Aufruft des Netzwerkes "Lehrte hilft" zum Lehrter Bahnhof gekommen waren, zur Einsatzleitung auf dem Schützenplatz. (Foto: Walter Klinger)
 
Bis zu 50 ehrenamtliche Dolmetscher aus der Regionsverwaltung und vom Netzwerk "Lehrte hilft" trugen beim zweiten und dritten Flüchtlingszug dazu bei, den über die gesperrte Bundesstraße 443 aus den Zügen geleiteten Flüchtlingen die notwendige Informationen zur Weiterleitung in Bussen zu vermitteln. (Foto: Walter Klinger)

Große Zahl der ehrenamtlichen Dolmetscher ist auch ein Erfolg des Netzwerkes "Lehrte hilft"

LEHRTE (kl). Ein Lächeln, verbunden mit freundlich-wegweisenden Worten (in der Muttersprache) und kleinen Geschenken hilft weiter. Dies erwies sich auch bei den fast 1.500 Flüchtlingen, die mit je einem Sonderzug in Lehrte ankamen und von dort mit Bussen in Orte in ganz Norddeutschland verteilt wurden. Während die Regionsverwaltung schon nach dem ersten "Drehkreuz"-Einsatz ihrer Technischen Einsatzleitung zu dem reibungslosen Ablauf gratulierte, zeigten sich Augenzeugen des "Schweigemarsches" der Flüchtlinge durch die Innenstadt über die deprimierende Stimmung entsetzt. Ehrenamtliche Dolmetscher und unorganisierte Willkommen-Helfer/innen trugen dann bei den weiteren zwei Zügen dazu bei, den Flüchtlingen ein viel herzlicheres Gesicht zu zeigen.
Unsicherheit auf allen Seiten kennzeichnete noch den Empfang des ersten Flüchtlingszuges am Dienstag vergangener Woche. Vor allem mangelte es an Verständigung. Die angstvollen Gesichter einiger Mütter und Kinder in dem schweigenden Zug voller Männer machten vor allem Frauen unter den Augenzeugen betroffen. Für die nächsten beiden Züge mobilisierten sie in der Familie, in ihren Kirchengemeinden und bei anderen Kindergarteneltern Willkommensgruppen.
Quer durch Altersgruppen und Berufe ging der Wille zu einem herzlicheren Willkomm: Schüler, Handwerker, Hausfrauen, Ärzte, Rechtsanwälte - alle hatten wie Antje Rubart-Rosentreter kleine Willkommensgeschenke besorgt, Helfer mit eigenem Migrationshintergrund hielten sogar wärmere Jacken bereit, das E-Center Lehrte hatte Süßigkeiten, der Edeka-Markt Hoffmann 450 Tafeln Schokolade gespendet. In den Willkommensgruppen waren vor allem Frauen aktiv, zur Hälfte aus Lehrte und aus Ahlten.
Hinzu kam beim ersten Zug eine sichtlich behördenkritische Willkommensgruppe aus Hannover, die mißtrauisch filmende Menschen mit verkniffenen Gesichtern beäugte. Die vermuteten rechten Aktivisten verzogen sich aber schnell, auch die antifaschistisch Bemühten waren beim dritten Zug am Sonntag nicht mehr dabei.
"Das rührt jeden an", berichtete bei der CDU-Veranstaltung zum "Tag der Deutschen Einheit" auch der Landtagsabgeordnete Dr. Hans-Joachim Deneke-Jöhrens über die deprimierende Stimmung beim Empfang des ersten Flüchtlingszuges. Er verfolgte dann auch bereits ab der ersten Vorbereitungen am frühen Morgen ebenfalls das Eintreffen des zweiten Zuges. Ähnlich äußerte sich auch der stellvertretende Lehrter Verwaltungschef Uwe Bee.
Einsatzleiter Jörn Engel von der Technischen Einsatzleitung der Region Hannover verwies darauf, dass für den ersten Zug nur 36 Stunden Vorbereitungszeit geblieben seien. "Zwölf Stunden davon lagen an einem Sonntag", bestätigte Lehrtes Bürgermeister Klaus Sidortschuk diesen Schwierigkeitsgrad. Statt schriftlicher Anforderungen hätten die Hilfsorganisationen dann aber auch auf mündliche Bitten reagiert, schilderte der Einsatzleiter die wachsende Flexbilität.
Die auch durch das veränderte Einsatzkonzept am Samstag und Sonntag deutlich wurde: Die Flüchtlinge wurden nicht mehr in die Turnhalle Friedrichstraße geleitet, ihre Busse zur Weiterfahrt hielten bereits in der dafür gesperrten Friedrichstraße, wo die Lehrter Feuerwehren, die ihren Einsatz selbst koordinierten, mit ihrem in vielen Großeinsätzen erprobten ruhigen Vorgehen bei der Verteilung auf die Busse einen guten Job machten. Die Ortsbrandmeister setzten an den Einstiegen auch jüngere Feuerwehrleute ein, denen anzusehen war, dass sie nur helfen wollten.
Und das ist wichtig bei Flüchtlingen, die zum Teil aus Kriegssituationen kommen und auch auf ihrem Weg von Behörden anderer Länder so einiges erdulden mussten. Die beim ersten Zug-Einsatz irritierende Bundeswehrformation entpuppte sich zum Glück aber als die "freundlichsten Soldaten, die ich je gesehen habe", lobte Regionsdezernentin Cora Hermenau. Sie wechselte sich mit ihrem Kollegen Erwin Jordan während der Einsätze ab, bei der Stadt Lehrte waren es der Bürgermeister und sein Stellvertreter, die dafür sorgten, dass immer entscheidungsberechtigte Hauptverwaltungsbeamte vor Ort waren.
Auf die Befürchtungen der Flüchtlinge waren die offiziellen Einsatzkräfte indes nicht eingestellt. So wurden die am "Neuen Zentrum" aufgestellten Dixi-Toiletten zunächst oft für Arrestzellen gehalten. Was erst Koordinator Armin Albat vom Netzwerk "Lehrte hilft" und der ehrenamtliche Dolmetscher Daoud Khalil (der auch den Familiennachwuchs als "Kinderdolmetscher" mitgebracht hatte) durch Toilettenschilder in arabischer Sprache korrigierten.
Und auch das hätte kaum jemand gedacht: Obwohl in islamisch geprägten Familien der Privatbereich eine große Rolle spielt und Frauen in der Öffentlichkeit als eher zurückhaltend gelten, waren es auch hier wieder mehrheitlich Frauen, die sich als ehrenamtliche Dolmetscher meldeten. Veronika Schulte und Armin Albat von "Lehrte hilft" waren über die Resonanz ihres Aufrufes mit plötzlich 30 Freiwilligen mehr als erfreut.
Allerdings mussten sich viele der Ehrenamtsdolmetscher erst zur Einsatzleitung auf dem Schützenplatz durchfragen, da es am Bahnhof und in der Friedrichstraße selbst keine Informationsstelle gab. Wer es bis dahin schaffte, wurde von der Fachbereichsleiterin Sicherheit und Ordnung der Region, Karakas, die selbst auch Türkisch beherrscht, mit offenen Armen empfangen.
Die Dolmetschergruppen für Arabisch, Farsi, beide kurdische Sprachgruppen und Türkisch waren von der Einsatzleitung als eigener Einsatzabschnitt eingeplant. Und wurden - sonst bei ehrenamtlicher Zuarbeit bei professionellen Einsätzen oft ein Problem - auch sofort akzeptiert, denn die Abschnittsleiterin "Dolmetscher" leitet auch sonst ja einen wichtigen Regions-Fachbereich mit 270 Mitarbeitern.
Auch aus der Regionsverwaltung selbst hatte sich, neben anderen Mitarbeitern unter anderem von der Ausländerbehörde, mehr als ein Dutzend Beschäftigte mit eigenem Migrationshintergrund freiwillig gemeldet, so dass plötzlich bis zu 50 einsatzbereite Dolmetscher bereit standen.
Ihre Ansagen schon im Zug und die Beantwortung der drängenden Fragen der Flüchtlinge in deren Muttersprache machten vieles leichter, halbierten zudem die für die Verteilung der Ankommenden auf die Busse benötigte Zeit auf nur etwas mehr als nur eine Stunde. Vor allem: Während aus dem ersten Zug (einige waren schon unterwegs ausgestiegen) in den Bussen dann zehn Prozent der Flüchtlinge fehlten, waren beim dritten Zug dann schon alle in den Bussen. Die verständlich weitergegebene Information, dass Illegale ohne Registrierung auch in Deutschland schlechtere Bedingungen vorfinden, hatte dazu beigetragen - ebenso Infoblätter der Region in den Fremdsprachen.
Die Region hatte den Verteilungspunkt Lehrte in Amtshilfe für das Land eingerichtet und vor allem das Interesse eines schnellen, reibungslosen Ablaufs. Dass zuweilen überaus taffe Auftreten von Regionsmitarbeitern bei diesem Einsatz war zweifellos auch darin begründet, mutmaßliche Störungen auszuschalten. Zudem handelt es sich ja um Verwaltungsmitarbeiter, als Einsatzkräfte vor Ort betraten sie bei dieser Aktion meist Neuland.
Menschlichkeit und Lächeln fügten dann eh die Ehrenamtlichen hinzu. Mehr als 180 waren es von DRK, Feuerwehren und Technischem Hilfswerk, bereits eingerechnet die Mitarbeiter der Polizei, der Stadt und der Region. Ihre Geduld wurde mehrfach auf eine schwere Probe gestellt, besonders am Sonntag, als der letzte Flüchtlingszug erst für 8.00 Uhr, dann für 14.00 Uhr avisiert wurde, tatsächlich aber gegen 13.00 Uhr eintraf.
Die Feuerwehren waren zwischenzeitlich in die Ortsteile zurück gekehrt, rückten mit Blaulicht und Martinshorn schnell wieder an. "So etwas ist mit Ehrenamtlichen nicht machbar", resümierte Armin Albat von "Lehrte hilft". Jedes Paket lässt sich heutzutage auf seinem Weg verfolgen, ein Zug offensichtlich nicht. Am gleichen Wochenende appellierten Innenminister Boris Pistorius und das DRK an die Arbeitgeber, Ehrenamtliche unter ihren Mitarbeitern für die Flüchtlingshilfe frei zu stellen. Der Innenminister könnte viel für die Akzeptanz seines Aufrufes tun, wenn sein Ministerium Wege findet, die Flüchtlingszüge früher zu melden. Hunderte von Helfern müssten dann ihren Arbeitgebern nicht berichten, dass sie stundenlang wartend rumgestanden haben . . .
Noch in anderer Hinsicht hoffen Region, Stadt und offizielle wie unorganisiert Helfende auf die Einsicht des Landes: Alle sind sich einig, dass Lehrte als Umsteigestation ungeeignet ist, weil für den Weg vom Bahnhof zu den Bussen jeweils die Bundesstraße 443 gesperrt werden muss. Erster Regionsrat Erwin Jordan bestätigte, dass die Region bereits mit dem Land in Verbindung steht, um bei möglichen weiteren Flüchtlingszügen geeignetere Bahnhöfe zum Beispiel mit direkt neben liegenden Busbahnhöfen zu nutzen.
Lehrte dürfte also von weiteren Aktionen dieser Art verschont bleiben. Aber hundertprozentig ist das auch nicht. Die Region hat jetzt Einsatzpläne, die es mit den in der ganzen Region verteilten Katastrophenschutzeinheiten möglich machen, einen Zug mit Flüchtlingen innerhalb von zwei Stunden zu empfangen und die Schutzsuchenden weiter zu verteilen.
Die sichtliche Konfusion bei der staatlichen Organisation der Flüchtlingsverteilung irritiert dennoch. Warum, so fragten sich auch dieses Mal viele, gibt es die Pläne bei absehbaren Lagen nicht früher?