Fachmann rät ab von Pilz-App

Dieser muss weg, und jener ist auch giftig, einer ist gut, kann bleiben: Erbarmungslos sortiert Horst Labitzke die giftigen Exemplare aus den Körben der fleißigen, aber noch ahnungslosen Pilzsammler gleich wieder aus – ist auch besser so. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Ricarda und Walter freuen sich, denn jetzt geht es ans gemeinsame Kochen und sie haben viele leckere Pilze gefunden – die zwei jungen Knollenblätterpilze in der Hand von Pilzkenner Horst Labitzke gehören nicht dazu, dienen aber als Beispiel. (Foto: Susanna Veenhuis)

Lehrreiches Pilzesammeln im Burgdorfer Holz mit Horst Labitzke

IMMENSEN (sv). Parasol-Pilz, Safranschirmling, Hallimasch und Nebelgrauer Rötel-Ritterling – die meisten davon kennen die 15 Teilnehmer der Pilzwanderung in Immensen kennen nicht. Noch nicht. Das sind die Pilzsorten, die sie heute wahrscheinlich finden würden, stellte Horst Labitzke seinen Mitwanderern in Aussicht. Der 78-jährige Seelzer ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Mykologie und weist seine Eleven im Antonius in Immensen erst einmal in die Erkennungsmerkmale von Giftpilzen ein.
Dass dies überlebenswichtig ist, zeigt das Beispiel des Knollenblätterpilzes. Schon 30 Gramm davon sind für einen Erwachsenen eine tödliche Dosis – Überlebende benötigen eine Lebertransplantation. Dabei sieht der weiße Pilz ganz harmlos und durchaus appetitlich aus – und dem schmackhaften Waldchampignon sehr ähnlich.
Trotz der Bemühungen Labitzkes, der stets ausgebucht ist, und seiner Pilzkundler-Kollegen um Aufklärung ist in diesem Jahr die Zahl der Vergiftungsfälle um 60 Prozent angestiegen. Schuld sei eine Pilz-App für das Smartphones, anhand derer sich auch absolute Laien im Dschungel der über 3000 Pilzarten hierzulande zurechtzufinden glauben, sagt er. Als „Es empfiehlt sich unbedingt, seine gesammelten Pilze einem Fachmann zu zeigen!“
Pilze sollen nicht abgeschnitten, sondern herausgedreht werden. Das Mycel befinde sich in der Erde, die Pilze seien die Fruchtkörper wie Äpfel und Birnen an den Obstbäumen. „Und da schneiden sie ja auch nicht die Birne ein Stückchen vor dem Stiel ab und lassen den Rest hängen“, verdeutlicht Labitzke die korrekte Ernteweise. Schnittreste von Pilzen seien Eingangstore für Fliegenmaden, die sich ebenfalls gerne an den Waldspezialitäten gütlich tun und sich am Mycel entlang zum nächsten Pilz durcharbeiten würden. „Der ist dann schon voller Maden, bevor er überhaupt ausgereift ist“, erfahren die wissensdurstigen Waldläufer. Wie immer gibt es auch hier eine Ausnahme: Der Trompetenpfifferling muss abgeschnitten werden, sonst wird das Mycel zerstört.
Zum zweiten Mal hat die evangelische Kirchengemeinde St. Antonius in Immensen den Pilzkundler eingeladen. Teilnehmer vom Vorjahr wissen, worauf sie sich eingelassen haben: Zuerst läuft man kreuz und quer durch den Wald, sammelt alles ein, was irgendwie pilzartig aussieht, um das volle Körbchen dann dem Pilz-Weisen zu präsentieren. Der pickt die mühselig im Bücken gepflückte Beute Stück für Stück heraus, bestimmt sie, erklärt, ob essbar oder nicht und wenn nicht, warum nicht – und schmeißt alles weg. Gefühlt jedenfalls, drei oder fünf Pilzchen finden Gnade vor den Augen des Fachmanns. Ist ja auch besser so, schließlich ist mit den giftigen Kollegen nicht zu spaßen. „80 Prozent aller Pilze in der Umgebung sind giftig“, sagt Labitzke.
Als ob das die Sammler trösten würde. Sie machen ihrer Enttäuschung ein klein bisschen Luft, aber immer noch hoch motiviert schwärmen sie mit ihren fast leeren Körbchen wieder jenseits der Wege aus durch das Burgdorfer Holz. Das wiederholte Sortieren lohnt sich, immer mehr Pilze werden erkannt und entsprechend mitgenommen oder stehen gelassen, immer voller werden die Körbe mit der Zeit.
Auch schärft sich der Blick für die Unscheinbaren, unter denen es wahre Köstlichkeiten gibt. Wie zum Beispiel der ziemlich kleine Lila Lackpilz (Laccaria Amethystea). Er tritt sogar in kleinen Feldern auf, man muss ihn nur zwischen den Brauntönen der Herbstblätter ausmachen – beim ersten Mal hat man vielleicht schon einige zertreten, bevor ein Vertreter davon gefunden und identifiziert worden ist. Einige finden auch Birkenporlinge, einen magenheilenden Pilz, den schon Ötzi an einem Lederband umseinen Hals trug.
Echtes Anfängerglück hat Matti Borchard. Der Zehnjährige aus Immensen nimmt zusammen mit seinem Vater Gerrit zum ersten Mal teil und findet gleich am Start riesige Kiefern-Reizker. „Das ist eine Delikatesse“, bescheinigt Labitzke dem Jungen. Er geht auch gerne mit Kindern los, die seien immer sehr erfolgreich beim Pilzesammeln. „Ist ja auch kein Wunder, die sind ja näher dran“, sagt er augenzwinkernd. Auch Neuling Hervé Dufresne hat Glück: Seine Riesen-Parabolpilze könne er beim plötzlich einsetzenden Regen fast schon als Schirm benutzen, scherzen die anderen.
Die Parasol-Schirme werden am späten Nachmittag paniert und gebraten wie Schnitzel ihren müden Sammlern die hungrigen Mägen füllen, wie auch die anderen Fundstücke. Die fleißigen Finder können sich mit vier verschiedenen Pilzgerichte den Bauch vollschlagen, dazu gibt es Gersterbrot, Butter und frische Blattpetersilie. Den meisten bekommt das Essen gut; einigen bereitet das geballte Pilze-Eiweiß am nächsten Tag leichte Verdauungsirritationen. Das sei im Bereich des Möglichen, hatte Labitzke angekündigt. Schließlich sei der Name des beliebten Hallimasch-Pilzes, ebenfalls Bestandteil der Mischpilzpfanne, aus einer gewissen Lautmalerei heraus entstanden: Hall-im-A...!