Eindrücklicher Fernsehgottesdienst aus Lehrte

Zum Abschluss des anrührenden, von Pastorin Beate Gärtner (links) geleiteten Fernsehgottesdienst (hier, wie auch im Folgenden, ein Foto aus der vorangehenden Ablaufprobe) erteilte Landesbischof Ralf Meister vor 715.000 Fernsehzuschauern in der Matthäuskirche Lehrte den Segen. (Foto: Walter Klinger)
 
Mit Chor und Bläsern waren es fast 100 am Gottesdienst mitwirkende Ehrenamtliche der Matthäusgemeinde. Besonders nah dran an der Fernseproduktion waren als Kabelträger Marlene Dietrich (v.l.), Jonas Wilkening, Tim Nitschke und Linda Hübner. (Foto: Walter Klinger)
Lehrte: Ev.-luth. Matthäuskirche am Markt |

Bewegte und bewegende Livebilder aus der Matthäuskirche

LEHRTE. Stand vor 500 Jahren zu Zeiten Luthers ganz selbstverständlich für die Menschen noch Gott im Mittelpunkt, ruft die Kirche heute mit ihrer - reformierten - Botschaft jedoch "in eine gottlose Welt hinein", wie am Sonntag Landesbischof Ralf Meister bei seiner Predigt im ZDF-Fernsehgottesdienst aus der Matthäuskirche in Lehrte bekannte.
Er wünsche sich, dass statt über Macht, Einfluss und Eroberung mehr Menschen "anders" redeten - und dabei vor allem wieder mit Gott, so der Bischof, der in diesem Zusammenhang eine klare Botschaft auch gegen die Kriege selbstsüchtiger Potentaten wie in Syrien aussandte.
Die darin bekundete Ermutigung zum Glauben und einem Leben vor Gott wurde aber durchaus gehört. Von mindestens 715.000 Menschen, denn so viele Zuschauer in Deutschland und Österreich hatten am Sonntagt die Übertragung des Lehrter Gottesdienst zum Thema "Glauben" eingeschaltet - früh am Morgen (und auch, weil sonst meist aus weitaus bekannteren Kirchen übertragen wird) ein achtbarer Marktanteil von 7,1 Prozent aller in Deutschland empfangbaren Fernsehsender.
Der Gottesdienst unter der Leitung von Gemeindepastorin Beate Gärtner fand indes beim Sender und auch in der Evangelischen Kirche besondere Aufmerksamkeit, stand er doch am Beginn einer Reihe von vier ZDF-Fernsehgottesdiensten, die unter dem Titel "typisch evangelisch" zentrale Begriffe der Reformation vor 500 Jahren aufgreifen.
So war auch Reinold Hartmann, der Redaktionsleiter des kirchlichen Sehndeformats beim ZDF, eigens nach Lehrte gekommen. Und zeigte sich sehr von der gelebten Gemeinschaft angetan, in welcher die Matthäusgemeinde die Fernsehleute für die drei Tage des Produktionswochenendes aufnahm. "Sehr, sehr freundliche Leute hier, wir sind überaus freundlich empfangen worden", dankte er.
Die Zuneigung ging auch hier zunächst durch den Magen: Ein Küchenteam in wechselnder Besetzung unter der Leitung von Kirchenvorsteherin Elvira "Elfie" Fuhlroth sorgte dafür, dass zu jeder Tageszeit eine Auswahl frischer kalter und warmer Snacks als "Nervennahrung" bereit stand. Kleine Süßigkeiten bot Kantorin Birgit Queißner auch vor den Proben in der Kirche an.
Im benachbarten Gemeindezentrum, wo der Kirchenvorstandsvorsitzende Wilhelm Busch organisatorisch Regie führte, standen jederzeit geeignete Räume für die Besprechungen bereit, bei denen die Fernsehleute das 40-seitige Drehbuch noch optimierten. Besonders gut gelaunt waren die von der Evangelischen Jugend der Gemeinde gestellten Kabelträger, die vordere Plätze bei den Aufnahmen hatten.
Helfende Solidarität gab es auch von außen: Wie schon bei der Produktion des "Wunders von Lengede" gerühmt, ließen die übrigen Lehrter das Fernsehtaeam (und einst auch die Stars) ungestört arbeiten. Die Familien vieler der rund 60 Mitwirkenden in der Kantorei und im Posaunenchor hatten ihre Wochenendplanung ganz auf den Gottesdienst abgestellt. Zuweilen waren an verschiedenen Stellen sogar ganze Familien aktiv.
Während Pastorin Beate Gärtner noch einsam ihre Kreise um die Kirche zog, bis beim Texte memorieren die Sprechkarten fast im Schneeregen feucht wurden, ließen drei zeitlich sogar gedehnte Vorproben die Musiker und Sänger innerlich immer ruhiger werden. Motivierend in Topform war auch Klaus Wolf, der als Unterstützung für die Kantorin (welche die musikalische Gesamtverantwortung trug) das Einsingen der Kantorei leitete - obwohl er als Chorleiter des Lehrter Männerchores noch wenige Stunden zuor bis in die Nacht dessen 150-jähriges Chorbestehen gefeiert hatte.
Ein wundervoll entspanntes Team aus Fernsehproduktion und Kirchengemeinde war es denn auch, welches das Gottesdienstvorhaben umsetzte in ein "bewegendes und auch professionelles Erlebnis", wie anschließend Gottesdienstbesucher lobten.
Aber der Mensch denkt, Gott lenkt - trotz aller Technik und Proben machte die plötzlich überfreundlich ins Kirchenschiff flutende Wintersonne einige der musikalisch Mitwirkenden auf der Empore im Fernsehbild gelbstichig. Und hätte Kirchenvorsteher Dr. Andreas Wilkening nach inständiger Fürbitte um eine Zukunft voller Frieden für die heutigen Kinder sichtlich selbst gerührt, fast die Überleitung an die Gemeinde, "Rufen wir zu Dir . . .", versäumt.
Aber gerade dies stärkte noch den Eindruck von Authentizität, den auch Ilona Jordan und Philipp Kredig einbrachten, die von ihrem Weg zum Glauben durch Schicksalsschläge wie den Verlust der Tochter und des besten Freundes und auch von Zeiten des Zweifelns am Glauben berichteten. Er sei besonders eindrücklich gewesen, wird dieser Gottesdienst denn auch von Lehrtern gelobt, die ihn nur im Fernsehen verfolgt haben.
Für das Produktionsteam geht es jetzt wieder zur Politik. Zur Übertragung des Staatsaktes für den für seine Mahnungen auch zur Menschlichkeit gerühmten früheren Bundespräsidenten Roman Herzog. Und für einige schon am Freitag nach Washington, zum ZDF-Special zu Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump.
Gerade beim letzteren stellen sich ja bekanntlich viele bereits die Frage, ob der neue Mann an der Spitze der freien Welt nicht Macht und Eroberung oben an stellt. Wie es der österreichischen Roman "Spielplatz der Helden", auf den Landesbischof Ralf Meister in seiner Predigt Bezug nahm, auch für eine lebensgefährliche Eroberung und Durchquerung des Grönlandeises schildert.
Einer, der für das Vorhaben unverzichtbar ist, wird darin von den anderen Grönlandhelden für seine absolute Wortkargheit kritisiert. Und antwortet seinen untereinander heillos zerstrittenen Mitabenteurern, er habe in dem ganzen Chaos selbstverständlich und auch ganz viel geredet - mit Gott.
Und das, so meint nicht nur der hannoversche Landesbischof, ist wesentlich für die menschliche Existenz, ein Leben in Verantwortung und für die Erlangung des verheißenen Heils Gottes - in Frieden. Walter Klinger