Der Schnee bringt es an den Tag: Kampf ums Überleben herrscht in Feld und Flur

Es sieht so aus, als wären Scharen von Hasen und Rehe nachts über die Brücke gelaufen. Wer die Spuren kennt, weiß, wer hier gewesen ist. Foto: Hans Hermann Schröder (Foto: Hans Hermann Schröder)
 
Eine Spur, die beinahe jeder kennt: Der Hase hoppelte hier und wollte an den Zuckerrübenresten naschen. Foto: Hans Hermann Schröder (Foto: Hans Hermann Schröder)
BURGWEDEL (hhs). Wenn wir Menschen von „Schnee“ reden oder singen, dann haben wir eigentlich immer Bilder im Kopf von „abgedeckter Landschaft“, „Ruhe“, „Unberührtheit“ oder „Starre“ und „Lebensfeindlichkeit“. Wir denken, die Natur schläft, es geschieht nichts draußen in Wald und Feld, doch weit gefehlt: Das Leben der Pflanzen ruht, mancher Tiere wie das von Igel oder Dachs, Siebenschläfer oder der Frösche und Lurche auch.
Dennoch, die extremen Lebensbedingungen bei mehr oder weniger hoher Schneelage fordern den Warmblütern, die nicht in Winterruhe oder -schlaf verfallen, eine Menge an Aktivitäten ab. Sie müssen Nahrung suchen, ohne dabei zuviel Kalorien zu verbrauchen. Meistens unternehmen sie diese Nahrungssuche nachts. Und genau das kann man jetzt morgens nach Neuschnee ganz prima bei einem kleinen Spaziergang an den frischen Spuren unserer gefiederten und behaarten wildlebenden Tiere in Feld und Flur feststellen.
Was sind Spuren? Normalerweise sind das nur Abdrücke von Pfoten und Schalen von Säugetieren oder den „Füßen“ von Vögeln, also den Eindrücken der Gangwerkzeuge dieser Tiere. Diese sind von Art zu Art so unterschiedlich wie die Fingerabdrücke der Menschen. Dann gibt es noch die sogenannten Fraßspuren an Pflanzen, an geschlagenen Beutetieren und an Holz. Auch die sind absolut charakteristisch von Art zu Art, und manchmal nach Jahreszeit ganz unterschiedlich.
Zum Dritten ist im Winter auch der Kot dieser Tiere ganz leicht zu finden auf der weißen Schneedecke. Und auch dieser ist unverwechselbar einer Tierart sicher zuzuordnen.
Dem Anfänger in der Kunst des Spurenlesens sei gesagt, er wird den größten Erfolg bei seiner Spurensuche haben, wenn er nicht gleich aufgibt, falls er am ersten Morgen nach Neuschnee nur wenig Hinweise auf das nächtliche Treiben unseres Wildes findet. Manchmal ist es wie verhext. Die Tiere bewegen sich direkt nach frischem Schneefall nicht. Ein andermal findet man unter gleichen Bedingungen Stellen, die den Anschein erwecken, alles Wild in Burgwedel habe nur diese eine Stelle im Revier aufgesucht.
So einen Platz gab es neulich nahe bei Fuhrberg. Ziel der Tiere war hier eine abgeräumte Rübenmiete, von der noch eine Menge Reste unter dem Schnee verborgen lagen. Der Graben gleich nebenan trennte diese Stelle vom nahen Wald, und die Brücken über diesen Graben wurden innerhalb einer Nacht zum Eldorado für den Spurenleser: Hasen, Rehe, Rotwild kamen gleich in der ersten Nacht, später fährteten sich dort Wildschweine. Und dann kam auch der Fuchs dorthin, um nachzuschauen, ob dort nicht auch noch etwas für in abzustauben war. Hunger macht unvorsichtig, auch Meister Reinecke.
Wo die Wildtiere nachts die Zuckerrübenreste freigescharrt hatten, suchten am nächsten Morgen Schwarz- und Wachholderdrosseln diese Reste nach Weichfutter ab. Beide Arten benehmen sich am Futter zänkisch, es kommt zu richtigen Kämpfen, und bei der anschließenden Betrachtung des Geläufs, wird man erstaunt sein, auf „welch großem Fuß die Vögel leben“: Ein ausgewachsener Drosselhahn bringt da schon über fünf Zentimeter lange Abdrücke in den Schnee.
Mäuse waren ebenfalls dort, wenig zwar, aber immerhin soviele auf der freien Schneefläche des Ackers, dass sich auch die Eulen nachts um diesen Platz gekümmert hatten. Die Abdrücke ihrer Fänge und Flügelspitzen im Neuschnee zeugten von vergeblichen Mäusefangversuchen, oder wenn sich ein Tröpfchen Blut darin fand, von erfolgreichen.
Wer winterliches Spurenlesen als sein neues Hobby entdeckt, sollte auch im Sommer nicht davon lassen. Die Abdrücke der „Füße“ verändern sich nicht jahreszeitlich, wohl aber die Fraßspuren und bei vielen Tieren auch die Losung. Ist man von diesem Virus infiziert, suche man den nächsten Buchladen auf, es gibt eine Menge guter Bücher zu diesem Thema.