Behandlungspunkte, Effektivität, Verweildauer - aber wer denkt an die Lebensqualität vor Ort?

Medizin- und arbeitstechnisch gerade für fünf Millionen Euro umgebaut, sind die vier OP‘s, Intensivstation (unser Foto von einem der neuen Einzelzimmer) und Aufwachräume im Lehrter Krankenhaus seit Donnerstag auf modernstem Stand - mit mehr Patientenkomfort und „viel Luft nach oben“ auch bei der Zahl der Operationen (bislang 4.000 im Jahr). (Foto: Walter Klinger)
 
Im Grundsatz sind sich die Lehrter Ratspolitiker (hier der Verwaltungsausschuss auf dem Weg zur Beratung der Protstresolution) einig, aber würden ihre Vertreter für den Erhalt des Lehrter Krankenhauses auch gegen Parteifreunde auf den nächsthöheren Ebenen kämpfen? (Foto: Walter Klinger)
Lehrte: Klinikum Region Hannover Lehrte |

Der Kommentar: Die Frage nach dem Erhalt des Klinikums Lehrte gilt zugleich der Transparenz in der regionalen (Wirtschafts-)Politik

War es das nun bereits mit der Trauerarbeit für das von der Schließung bedrohten Lehrter Krankenhauses?
Jedenfalls will man es sich in Lehrte auch stimmungsmäßig nicht mit der Region Hannover verderben. Sehr sachlich, im Ton an der da schon bekannten Burgwedeler Rats-Stellungnahme orientiert (aber die Kind-, Rossmann-und Ikea-Stadt direkt an der A7 kann der Region ja auch ein kostenloses Baugrundstück bieten), erkennt zu Beginn seiner eigenen Resolution zum Erhalt wohnortnaher Krankenhausversorgung jetzt der Rat der Stadt Lehrte an, „dass sich auch die Region Hannover den Herausforderungen der Gesundheitswirtschaft stellen muss“. Das klingt bereits nach dem heute überall üblichen Verständnis (in Kündigungen muss ja einfach nur „betrieblich bedingt“ hineingeschrieben werden) für die wirtschaftlichen Zwänge.
Schlimmer noch: Es sind Stimmen von Krankenhausmitarbeitern in die Öffentlichkeit gelangt, dass sie das ungeliebte Arbeiten in einer entfernteren größeren Einrichtung dann akzeptieren würden, bliebe nur ihr Arbeitsplatz erhalten. Beides zusammen
könnte es der Region, Träger des regionalen Klinikums KRH, leicht machen, seine Pläne zur Konzentration der Krankenhausstandorte im Osten der Region tatsächlich durchzusetzen.
Die letzte gemeinsame Lehrter Ratsresolution aller Parteien wurde geschrieben, als die hochangesehenen berufsbildenden Fachgymnasien mit ihrem eingespielten
Team unverhofft aus Lehrte abgezogen wurden. Gefruchtet hat diese Beschwerde nicht. Auf dem Burgdorfer Schulgelände war Platz für den Neubau. Abriss und Nachnutzungs-Neubau in Lehrte obliegen jetzt der Wohnungsbaugesellschaft in
städtischer Hand, praktisch also den Lehrter Bürgern.
Was jetzt zum Klinikum politisch geschieht, erinnert an damals. Mit dem Unterschied, dass jetzt - auf dem vorhandenen Gelände oder anderswo - die Stadtverwaltung
zusichert, auch in Lehrte ein geeignetes Grundstück „liefern“ zu können. So hat das auch mit Wertstoffhof angefangen, der einstigen vorletzten Regionseinrichtung in Lehrte. Sehnde hatte eben die geeigneten Gewerbeflächen - Lehrte nur die Mehrheit der Bürger, die jetzt nach Sehnde fahren müssen.
Nun hat Burgdorf auf seinen nur schleppend zu vermarktenden neuen Gewerbeflächen viel Platz für den Krankenhausneubau, Burgwedel sogar kostenlosen Baugrund - geht das also schon wieder los?
Und schon ist man wieder mittendrin im Konkurrenzkampf der Kommunen untereinander, obwohl die teuer erkaufte Region doch eine gerechte regionale Verteilung der Daseinsvorsorge sichern sollte.
Flächenmäßig so groß wie ein kleines Bundesland, geht es jetzt plötzlich in die andere Richtung: Auch in der Region macht man sich nach der Stadt- nun offenbar für die Landflucht fit, denn Hannover als größte zugehörige Kommune stellt sich für den Wettbewerb der Regionen immer besser auf, wird gerade für Ältere attraktiver.
Und setzt dabei mit dem Zusammenschluss von gleich drei Krankenhäusern zum neuen Siloah Trends. Das Sozialministerium sieht darin bereits eine „Blaupause für das ganze Land“.
Politisch klappt diese Leistungskonzentration bestens, ist ja auch der ehemalige hannoversche OB jetzt der Landesvater und der Regionspräsident, ein SPD-Parteifreund, just knapp wiedergewählt worden. Kernversprechen: Die Region zukunftsfähiger aufzustellen. Nur hatten viele Bürger dies als Garantie auch für den Erhalt der Krankenhäuser in der Fläche verstanden.
Der aus Lehrte stammende oppositionelle CDU-Fraktionschef Bernward Schlossarek hatte schon Anfang Februar gewarnt, es werde intern über KRH-Standortschließungen nachgedacht. SPD und Grüne hatten ihn deshalb für Panikmache im Wahlkampf heftig gescholten.
Ihre gewählten Regionsabgeordneten zeigen sich bei den vorgeschlagenen
Krankenhausschließungen - wie damals bei der Neuausrichtung der Berufsschulen - nun aber selbst überrascht. Klingende Titel nutzen da wohl wenig, denn dies gilt auch für einflussreiche Politiker wie den Regionsgeschäftsführer der Grünen, Ronald Schütz aus Lehrte.
Auch sie habe das alles erst aus der Zeitung erfahren, versichert ebenfalls die
stellvertretende Regionspräsidentin Doris Klawunde (Grüne). Natürlich werde auch sie für den Erhalt des Lehrter Krankenhauses kämpfen (könnte das aber sicher noch wirkungsvoller, wäre sie nicht just nach der Regionswahl freiwillig aus dem KRH-Aufsichtsrat ausgeschieden).
Die Landesförderung der Krankenhäuser, die Finanzen der Region und auch ihres Klinikums liegen sämtlich in der Verantwortung von rot-grünen Mehrheiten. Der Lehrter CDU-Chef und Landtagsabgeordnete Dr. Hans-Joachim Deneke-Jöhrens nahm seine Oppositionsrolle jetzt mit einem Tabubruch wahr: Im Stadtrat machte er deutlich, es seien doch die gewählten Vertreter der Parteien, die zur Hälfte den KRH-Aufsichtsrat bilden, zur anderen Hälfte die Arbeitnehmervertreter, die - organisiert in der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di - traditionell gut mit der SPD könnten.
Jetzt müssten doch mal Ross und Reiter genannt werden. Im Klartext: Die Ratsmehrheit müsse im Lehrter Interesse auch in der Lage sein, ihren Parteifreunden
auf den höheren Ebenen mal was zu sagen.
Als reine parteipolitische Taktik, um die SPD verschiedener Ebenen gegeneinander auszuspielen, wies auch Doris Klawunde dieses Ansinnen zurück. Sie fordert - unter
dem zustimmenden Nicken der Ratsmehrheit - sachliche Zurückhaltung. Das Schüren von Ängsten um die wohnortnahe medizinische Regel- und Grundversorgung schade dem Standort Lehrte.
Kritik am Regionspräsidenten als Aufsichtsratsvorsitzenden geht also nicht. Vielleicht nicht mal an den Gewerkschaftsvertretern im Aufsichtsrat - jedenfalls ist von ver.di, sonst immer gleich mit einer Stellungnahme für gefährdete Standorte zur Stelle - öffentlich (noch?) nichts zum Thema zu hören. Aber dauerhaft gesicherte
Arbeitsplätze - und sei es in größeren Zentraleinheiten wie einem neuen Ost-Krankenhaus - sichern eben auch die Mitgliedseinnahmen der Gewerkschaft.
Bei allen öffentlichen Großvorhaben aber muss - gerade in Zeiten der Großen Koalition - schon die Frage gestellt werden, ob sie nicht einfach so von oben nach
unten durchgereicht werden - Großstromtrasse SuedLink für den Transport des Energiewende-Stroms, MegaHub in Lehrte für die Verteilung der Güterverkehre
von den neuen Küstenhäfen ins Binnenland oder jetzt auch die geplante Zentralklinik Hannover-Ost.
Bei all diesen Großprojekten müssen die Städte und vor allem die Lokalpolitiker (und auf den höeren Ebenen die Abgeordneten aus ihren Reihen) Transparenz im Planungsverfahren immer erst einmal selbst erkämpfen. Sie sind dabei auch wirklich nicht untätig. Und so konnte Bürgermeister Klaus Sidortschuk just in der Resolutions-Ratssitzung am Mittwoch verkünden, dass die von DB Netz an dem Großprojekt Mega-Hub Lehrte verlangten Änderungen gebündelt und unter Regie des
Eisenbahnbundesamtes öffentlich weiterverfolgt werden. Solche „kleinen“ Siege dürfen aber nicht das einzige Ergebnis von Öffentlichkeitsbeteiligung sein. Zumal die Bürger bisher glaubten, sie hätten ohnehin das Recht, auch selbst rechtzeitig informiert zu werden.
Und auch jetzt wieder irritiert sind: Warum müssen ihre gewählten Regionsabgeordneten erst gebeten werden, die Lehrter Interessen zu vertreten? Und wieso muss die Region (welche verpflichtet ist, für das Wohlergehen ihrer Bürger zu sorgen) erst aufgefordert werden, die Neuaufstellung des Krankenhauswesens auch öffentlich zu verhandeln und zu beschließen?
Wie langfristig wird eigentlich vorgedacht? Welche Alternativen (und in diesem Fall Weiterentwicklungsmöglichkeiten) vor Ort sind geprüft worden?
Ist die Optimierung der Wirtschaftlichkeit das einzige Kriterium? Sowohl der CDU- wie der SPD-Fraktionschef (Dr. Bodo Wiechmann) haben bei der Debatte um die Protestresolution im Lehrter Stadtrat versichert, da werde in Sachen KRH auch wirklich nachgehakt (die CDU hatte zuvor kritisiert, dass dies in Sachen Berufsschulen in den laufenden Haushaltsberatungen der Region damals komplett untergangen war).
Beide Parteichefs haben Doktortitel aus wirtschaftlichen Bereichen, dort auch Führungserfahrung und können Bilanzen lesen. Man darf ihrem Engagement also durchaus vertrauen. Wiechmann hat bereits dafür gesorgt, dass die auch die hohen finanziellen Lasten eines Neubaus durch die Sonderabschreibungen in der Resolution stehen; Deneke-Jöhrens dafür, dass die vertraglichen Bestandsgarantie für das Krankenhaus bei der Übergabe an den Landkreis und später an die Region erwähnt wurden.
Aber ob sie dort, und gleichfalls im KRH-Aufsichtsrat, auch gehört werden? In Sachen Transparenz werden bereits Bürger- und Beschäftigtenmeinungen laut, es
sollten doch einmal auch die Aufsichtsratsmitglieder und die Entschädigungen offen gelegt werden, welche diese für ihr ehrenamtliches Mitwirken bei der Ausrichtung der Wirtschaftsbetriebe in öffentlicher Hand erhalten.
Abgesehen davon, dass die Kontrolle eines Riesenapparates wie der Region vielleicht schon hauptamtliche Politiker erfordert: Ab welcher Ebene kann man(n)
denn davon auch leben? Sind in der Region bereits Existenzverpflechtungen zu befürchten?
Vielleicht beginnt Lehrte selbst einmal mit Eigen-Transparenz. Die bisher nur darin besteht, dass vielleicht demnächst zwei Ratsmitglieder öffentlich benannt werden, die ihre jährliche Meldung über angenommene Schenkungen (Kugelschreiber, Bewirtungen - alles laut dem Ratsvorsitzenden Klaus Schulz noch im Rahmen) bislang nicht abgegeben haben.
Bedenklich muss stimmen, dass nach monatelangen Querelen in der Geschäftsführung, das Klinikum zur Zeit nicht einmal genau beantworten kann, wieviel Geld bislang in die noch laufende Modernisierung des Klinikums Großburgwedel gesteckt wurde. In Sachen Zentralklinikum für den hannoverschen Osten (Kosten mindestens 200 Millionen Euro) ist man sich aber natürlich absolut
(Konzept-)sicher . . .
Selbstredend müssen vom Land zu beschussende Großvorhaben angesichts der Jahre dauernden Planungsprozesse jetzt angeschoben werden - schon bald werden
die Beamtenpensionen, für die zu wenig Rücklagen gebildet wurden - die freie Spitze im Landeshaushalt weitgehend „auffressen“.
Aber was ist, wenn - dann möglicherweise auch mal parteiübergreifend - die Vertreter der anderen niedersächsischen Regionen nicht schon wieder fast die Hälfte der Jahres-Krankenhausförderung (wie jetzt die 96 Millionen Zuschuss fürs Siloah) in die Region Hannover abfließen lassen wollen?
Ist das Zentralklinikum Ost zwar im Trend der allgemeinen Entwicklung des Gesundheitswesens, aber als Vorschlag eben vielleicht auch ein politisch motivierter
Schnellschuss, um wieder Ruhe in das Regions-Klinikchaos zu bringen?
Für fünf Millionen Euro ist gerade (eröffnet einen Tag nach der Stadtrats-Debatte zur möglichen Schließung) die moderne Sanierung der Intensivstation im Krankenhaus Lehrte abgeschlossen worden. Die lässt nun in Sachen moderne OP‘s noch ein Viertel „Luft nach oben“. Zum Beispiel für niedergelassene Ärzte, die hier im Klinikum operieren können - was erhebliche Auswirkung auch auf die ärztliche Versorgung in der hiesigen Region haben könnte.
Denn folgen die niedergelassenen Ärzte einst dem Krankenhaus, dann sieht es hier vielleicht noch düsterer aus. Denn schon jetzt herrschen Ängste um wohnortnahe
Versorgung. Wie in Sehnde, wo es beispielsweise schon keinen Augenarzt mehr gibt.
Natürlich gibt es bereits jetzt besorgte Bürgern in den hiesigen Kommunen. Nicht nur, weil - wie jetzt schon die Instrumente zur Zentralsterilisation im Nordstadt-
Krankenhaus - in etwa zehn Jahren auch die hiesigen Patienten durch die Region zum nächsten Klinikum transportiert werden.
Sondern auch, weil - mit Vertrauen auf das Versprechen dezentraler Versorgung - hierzulande viele die eigene Immobilie als Alterssicherung mit eingeplant und Angst um Wertverluste nicht nur durch Wirtschaftskrisen haben. Krankenhausnähe ist auch da ein wesentlicher, ein stabilisierender Faktor.
Insgesamt könnte die Krankenhauspolitik der Region die großen Anstrengungen der Stadt, Lehrte attraktiver und zukunftssicher zu machen, schon arg konterkarieren. Allein für die Feuerwache mit hauptamtlicher Erstangriff-Einheit (auch wegen der Unfallgefahren durch Autobahnen, Bahn und MegaHub) wird die Stadt fast 20 Millionen Euro selbst in die Hand nehmen - so viel wie das gesamte jährliche Defizit des Regionsklinikums.
Den Schwerpunkt der Logistikbranche nach Lehrte, die Regionseinrichtungen aber in die anderen, kleineren Kommunen, das kann es nicht sein. Und warum gibt es denn Modernisierungen, wenn das Klinikum in Lehrte nach der gerade erfolgten
zukunftssichernden Sanierung von OP‘s, Intensivstation, Aufwach- und Vorbereitungsräumen jetzt nicht - und zwar mit Berücksichtigung für die künftige Klinikumsplanung der Region - beweisen dürfte, dass sich die hier investierten fünf Millionen auch wirtschaftlich gelohnt haben? Und dabei helfen, die vor Ort angebotenen Leistungen zu erweitern (wobei zu prüfen ist, ob in Lehrte nicht auch ein für die Region bedeutsamer medizinischer Schwerpunkt etwa bei integrierter
Altersmedizin gesetzt werden kann).
Dass die gerade erfolgte hohe wirtschaftliche Aufwendung auch für die Situation der Mitarbeiter (die allgemeine Regionsverwaltung legt davon übrigens mehr zu, als das Klinikum abbauen kann) und der Patienten ein Mehr an Qualität bringt, ist eine gleichfalls frohe Botschaft - aber für die künftige Ausrichtung der Krankenhausplanung scheinen es ja vornehmlich die ökonomischen Zwänge zu sein, die heutzutage die Politik bestimmen . . . Walter Klinger