Was bedeutet „Vaterland“ angesichts der Flüchtlingswelle?

Eberhard Diepgen sprach auf Einladung der CDU in Großburgwedel. (Foto: Renate Tiffe)
 
Der prominente Gast sorgte für einen vollbesetzten Saal im Amtshof. (Foto: Renate Tiffe)

Eberhard Diepgen sprach auf Einladung der CDU Burgwedel

GROSSBURGWEDEL (ti). Am 3. Oktober jährt sich zum 25. Mal das Datum, an dem der Tag der deutschen Einheit gefeiert wird. In einer Zeit, in der der Zustrom der Flüchtlinge zum alles beherrschenden politischen Thema geworden ist, gilt es fast als Risiko, sich im vorhinein mit der Frage nach der Vollendung der deutschen Einheit zu befassen. Die CDU Burgwedel wagte es dennoch und hat Eberhard Diepgen, den ehemaligen Berliner Bürgermeister, zum Vortrag und zur Diskussion eingeladen.
Diepgen, der auch Parteivorsitzender und Bundestagsabgeordneter war, hatte das Amt von 1984 bis 1989 und von 1991 bis 2001 inne, also nicht direkt während des Mauerfalls. Das Mitgestalten sei ihm wichtiger gewesen, bemerkte er dazu lapidar. Als wichtiger Zeitzeuge ist er zudem einer der Hauptredner in der Veranstaltungsreihe „25 Jahre Wiedervereinigung – 25 Jahre freiheitliche Demokratie“, welche die Konrad-Adenauer-Stiftung KAS) zur Zeit bundesweit durchführt. Rainer Fredermann, der Burgwedeler Parteivorsitzende, hatte sich für den Auftritt des immer noch prominenten Christdemokraten in der Stadt eingesetzt. Der vollbesetzte Saal im Amtshof – mit keineswegs nur „älteren Mitbürgern“ - gab ihm recht.
Auf sehr persönliche Weise führte Fredermann in das Thema ein, indem er seine Bilder des Umbruchs schilderte, dem nach der ersten Euphorie die hämischen Worte vom Besser-Wessie und vom Jammer-Ossi folgten. „Mit der Zeit haben wir gelernt, uns zu verstehen. Die Wiedervereinigung hat geklappt“, so Fredermann. Er sei fest überzeugt, dass es auch gelingen werde, den vielen Fremden, die jetzt bei uns ankommen, eine Heimat zu geben, schwenkte er auf die Tagespolitik ein.
Eberhard Diepgen hat den Vorteil, vom politischen Tagesgeschäft befreit zu sein, bemerkte Jörg Jäger, Leiter der KAS in Niedersachsen, bei der Begrüßung. Nicht mehr jedes seiner Worte wird auf die Goldwaage gelegt, wenn es gegen das Vergessen in der Demokratie geht.
„Wie sind wir mit der Einheit vorangekommen, was verstehen wir unter Vaterland?“fragte Diepgen am Anfang, nicht ohne die „späte Nation“ und das „schwierige Vaterland“ mit zu erwähnen, von dem der frühere Präsident Gustav Heinemann gesprochen hatte. Die literarische Anleihe „was ist des Deutschen Vaterland? zog sich wie ein roter Faden durch den Vortrag, immer darauf achtgebend, nicht in eine bestimmte „politische Ecke“ gestellt zu werden.
Die unterschiedliche Entwicklung in der 40-jährigen Geschichte zweier deutscher Staaten beschrieb Diepgen so, dass man es sich in der Bundesrepublik leicht gemacht, auf die Westorientierung gesetzt und auf Symbole und ein kollektives Gedächtnis verzichtet habe. In der Ex-DDR seien die Anstrengungen mit dem antifaschistischen Widerstand größer gewesen, wobei die deutsche Geschichte in eine Geschichte der Arbeiterklasse umgearbeitet wurde.
Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit sei dabei in beiden Teilen geblieben. Letzten Endes sei es eine Leistung der Politik aus dem Westen gewesen – verbunden mit viel Glück – den Willen der Bevölkerung aus der DDR durchzusetzen. Ist das jetzt die Vollendung der Einheit? In der Politik werde nichts vollendet, betonte Diepgen und also wandele sich auch der Begriff „Vaterland“.
Er werbe allerdings dafür, die Entwicklung nicht nur wirtschaftlich zu sehen. Ebensowenig reiche allein das Bekenntnis zum Grundgesetz aus. Ein Staatsverständnis gehöre dazu. Ein weites Feld für den Bildungspolitiker tat sich auf, als der sich Diepgen ebenfalls darstellte, aber auch für die Unterschiede, die es nach wie vor in Deutschland gibt. Den Blick weitend, bekannte er sich zu einem „Europa der Vaterländer“.
Was bedeutet „Vaterland“ angesichts der Flüchtlingswelle, bei der „viele Vaterländer mitgebracht“ werden , wurde er in der Diskussion gefragt. Besteht nicht die Gefahr der Deutschtümelei? Dagegen wehrte sich Diepgen „ein Stück“. Die Grundkriterien müsssten genau definiert werden wie auch die Integrationsanforderungen.