Volles Haus zum Festtag

Türkan Berse (Mitte) sang traditionelle Lieder und informierte über die Jezidische Religion. (Foto: Bettina Garms-Polatschek)
 
Khaire Fahad Aleyas (mit Mikrofon) erinnerte an die jezidischen Mädchen und Frauen, die immer noch in Gefangenschaft des IS sind. (Foto: Bettina Garms-Polatschek)

Jeziden feierten „Ida Ezid“ mit Gästen im IKM-Burgwedel

GROSSBURGWEDEL (bgp). Fröhlich, bei manchen auch mit Tränen in den Augen, feierten Migranten jezidischen Glaubens mit Freunden den Abschluss der dreiwöchigen Fastenzeit, die zeitgleich mit der christlichen Adventszeit zusammenfällt.
Türkan Berse von der Arbeitsgemeinschaft Migrantinnen, Migranten und Flüchtlinge in Niedersachsen (amfn) hatte gemeinsam mit Regina Gresbrand vom Interkulturellen Miteinander (IKM) in Großburgwedel zu dem Fest eingeladen. Der Treffpunkt im Herzen Burgwedels platzte aus allen Nähten, so viele Gäste waren der Einladung zum „Ida Ezid“ gefolgt. Besucher, die nicht mit dem jezidischen Glauben vertraut waren, hatten die Gelegenheit, mehr darüber zu erfahren.
Sirvan Ediz begleitete auf seiner Baglama den traditionellen Gesang von Türkan Berse, die im Anschluss mit einem kurzen Vortrag die Gepflogenheiten zum „Ida Ezid“ erläuterte. Dieser Feiertag der Jezidischen Glaubensgemeinschaft sei zu Ehren Gottes und stehe im Zeichen der Wintersonnenwende, so Berse.
Innerhalb von drei Wochen werde von Dienstag bis Donnerstag gefastet, am ersten Freitag werde dann eine Kerze zu Ehren der „Engel der Sonne“ entzündet, am Freitag der darauffolgenden Woche ein Licht zu Ehren der „Engel des Hauses“ angezündet. Dieses setzt sich in der dritten Woche fort bis zum „Ida Ezid“ am Ende der Fastenzeit.
Die Struktur ähnelt dem Advent als Wartezeit bis zum Weihnachtsfest. Während manche Religionen Konvertiten aufnehmen, ist dieses bei den Jeziden nicht möglich. Die Religion wird durch Geburt vererbt, Jeziden heiraten lediglich untereinander und sind daher nicht missionarisch tätig.
Angehörige dieser religiösen Minderheit sind der massiven Verfolgung durch den „Islamischen Staat“ ausgesetzt. Darüber konnte die Freude über das Fest nicht hinwegtäuschen. Am Sonntag gab es auch Tränen, denn die Herkunft vieler Gäste spiegelte die Tragödien wider, die sich auf der Welt ereignen.
Der Iraker Khaire Fahad Aleyas erinnerte an die vielen Mädchen und Frauen, die vom IS entführt wurden. Diese seien schon lange der Gewalt ihrer Entführer ausgesetzt. Der junge Mann bat alle Menschen, gleich welcher Herkunft oder Glaubensrichtungen, an die entführten Mädchen und Frauen zu denken und für ihre Befreiung zu beten.
Unter den Gästen war eine Familie, die nur knapp einem Überfall des IS entrinnen konnte. In einem der größten Siedlungsareale der Jeziden, dem nordirakischen Sindschar, floh das junge Ehepaar mit der erst zwei Wochen alten Tochter in die Berge des Gebietes. Dort verbarg sich die Familie zwei Wochen lang, die ersten Tage ohne Nahrung und Wasser.
Die kurdischen Streitkräfte kamen nach einigen Tagen und warfen aus der Luft Wasserbehälter ab, die jedoch auf dem Boden zerschellten. Mit etwas Speichel, den sie ihrer Tochter in den Mund spuckten, versorgten die Eltern ihr Baby Darlin mit Flüssigkeit. Mutter Hasna konnte jedoch das Kind auf der Flucht vor Schwäche nicht mehr tragen und musste es auf dem Weg ablegen.
Glücklicherweise kam eine Frau, die sich der Kleinen annahm und sie den Rest des Weges bis zum Fluchtkorridor der PKK-Kämpfer trug. Die Familie gelangte zunächst in ein Auffanglager und lebt nun seit einem Jahr in Deutschland. Darlin, mittlerweile ein Jahr, lief während des Festes fröhlich durch die sichtlich ergriffene Gästeschar und wirkte wie ein Lichtstrahl im Dunkel der Schicksale, die sich weltweit millionenfach ereignen.
„Ida Ezid“ wurde erstmals in dieser Form in Burgwedel gefeiert. Die Atmosphäre zeugte von herzlicher Verbundenheit der Gäste, die sich bei einem großen Büfett aus mitgebrachten Köstlichkeiten intensiv austauschten. Das entsprach dem guten alten Brauch der Jeziden, an „Ida Ezid“ alle Speisen mit Nachbarn und Freunden zum Wohle der Verstorbenen zu teilen.