Staatsakt für Dr. Ernst Albrecht am Montag in Hannover

Der ehemalige Ministerpräsident Dr. Ernst Albrecht (links) hier bei einer CDU-Veranstaltung im „Försterberg“ mit seiner Tochter Ursula von der Leyen und Mirco Zschoch. (Foto: Georg Bosse)

Niedersachsens ehemaliger Landesvater am vergangenen Samstag verstorben

ALTKREIS BURGDORF (hhs). Seit der Landtagswahl 1974 regierte die SPD in Koalition mit der FDP das Land. Im Koalitionsvertrag mit der FDP war vereinbart worden, nach der Hälfte der Legislaturperiode einen Generationswechsel zu vollziehen und einen jüngeren Ministerpräsidenten zu wählen.
Die Mehrheit von SPD und FDP von einer Stimme war dünn. „Der fünfte Ministerpräsident Niedersachsens nach dem Kriege wird Helmut Kasimier heißen“, schrieb die Wochenzeitung „Die Zeit“ im Januar 1976. Der SPD Kandidat Kasimier erhielt am 14. Januar 1976 im ersten Wahlgang 75 Stimmen, der CDU Kandidat Albrecht 77. Das war das erste Mal, dass man im Land Niedersachsen auf den Namen Albrecht aufmerksam wurde. Zur Mehrheit wären 79 Stimmen notwendig gewesen. Im zweiten Wahlgang hatte Albrecht noch eine Stimme gewonnen, Kasimier eine verloren. Er zog sich als Kandidat zurück.
Für den dritten Wahlgang hatte die SPD mit Karl Ravens ein Zugpferd aus der Bundespolitik geholt. Das Ergebnis war eindeutig: Albrecht hatte nun die absoluten Mehrheit von 79 Stimmen und war damit erster Ministerpräsident der CDU.
Ernst Albrecht war damals 46 Jahre alt, verheiratet mit Heidi Adele, Vater von sieben Kindern und wohnhaft im Burgdorf-Beinhorn. Der promovierte Jurist mit Musterkarriere bei der EWG war 1971 zum Kekshersteller Bahlsen gewechselt und dort bis 1976 Geschäftsführer.
Eine der wichtigsten und folgenschwersten Entscheidungen in Albrechts Amtszeit als Ministerpräsident war, ein Nuklearzentrum im Landkreis Lüchow-Dannenberg zu gründen. Dieses sollte ein Zwischenlager für Atommüll bei Gorleben, das zentrale deutsche Atommüll-Endlager, ein Atomkraftwerk bei Langendorf an der Elbe und eine Wiederaufbereitungsanlage für Uranbrennstäbe bei Dragahn umfassen.
1978 entschied Ernst Albrecht, dass Niedersachsen südvietnamesische Flüchtlinge von der Küste Malaysias aufnahm. Deutschland war damit das erste westliche Land, das sich der Flüchtlingskatastrophe vor der Küste Malaysias annahm.
Gegen den Widerstand anderer Bundesländer sicherte die Regierung Albrecht Ende der 1980er Jahre den Bestand der ‚Zentralen Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltung' in Salzgitter. Dort wurde seit 1961 durch die staatlichen Organe der DDR begangenes Unrecht dokumentiert.
Eine weitere „Denkwürdigkeit“ war das sogenannte „Celler Loch“, ein fingierter Sprengstoffanschlag auf das Hochsicherheitsgefängnis Celle zur Einschleusung von V-Personen in die linksterroristische Szene um die Rote Armee Fraktion und schließlich auch die Spielbankaffaire.
Ernst Albrecht war stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU und einer der Favoriten als Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 1980. Er unterlag aber Franz-Josef Strauß bei der parteiinternen Nominierung.
Bis zu seinem Tode am vergangenen Samstag lebte Ernst Albrecht im Kreise der Familie auf seinem Anwesen in Beinhorn. Seine Tochter Ursula von der Leyen hatte 2008 öffentlich erklärt, ihr Vater leide an Alzheimer.
Kein anderer Ministerpräsident hat die gewaltige Popularität erlangt wie der Verstorbene und kein zweiter hat so viele neue Entwicklungen auf den Weg gebracht. Seine Popularität hatte er seinem „bübischen Lachen“, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung es ausdrückte, zu verdanken. Ernst Albrecht galt bei seinenWeggefährten als entscheidungsfreudig, manchmal zu Einsamkeit und mangelnder Abstimmung mit seiner Partei neigend.
Er sei machtbewusst gewesen. Bisweilen widersprach er der Parteilinie. So zählt er heute zu den Wegbereitern der Ostannäherung insbesondere an Polen, trat für die Ostverträge ein und für die Einführung des Privatfunks in Niedersachsen. Albrecht habe beinhart in der Sache sein können, manchmal aber absolut beratungsresistent. Er sei fest in seinen Grundsätzen gewesen, christliche Werte und Liberalkonservatismus hätten ihn geprägt. Ernst Albrecht war das, was man unter einem Landesvater versteht.
Mit der Zustimmung Niedersachsens zu den Ostverträgen 1979, die diese wegweisenden Gesetze durch den Bundesrat brachte, hatte Albrecht für das moderne Gesicht der CDU gesorgt. Die CDU war durch ihn zur Volkspartei gewachsen.
Der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder erinnerte sich an seine erste Zeit als neuer Ministerpräsident in Niedersachsen. Ernst Albrecht habe ihm, dem Wahlsieger, damals mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Im Interesse des Landes.