SPD Burgwedel ehrte sieben Mitglieder für 40 Jahre Treue

Die Ehrenden und Geehrten von links: Marco Brunotte, Prof. Dr. Otto Ludwig, Lisel Mineur, Gerd Wormuth, Johann Mineur, Toni und Ingrid Cammann, Jochen Rödiger und Jürgen Fertig. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Erinnerungen an „wir wollen mehr Demokratie wagen“

KLEINBURGWEDEL (hhs). Am Donnerstag vergangener Woche hatte der SPD Ortsverein Burgwedel nach Kleinburgwedel eingeladen in Konrad's Café, um dort langjährig verdiente Mitglieder zu ehren.
Die Silberne Ehrennadel und die dazu gehörigen Urkunden erhielten sieben Genossen, die alle im Jahr 1972 der SPD beigetreten sind und ihr bis heute die Treue gehalten haben. Der Vorsitzende des Ortsvereins Burgwedel, Jochen Rödiger, begrüßte die zu Ehrenden und die Gäste. Die Ehrung selbst vollzog der hiesige Landtagsabgeordnete der SPD, Marco Brunotte, für den dieser schöne Anlass offenbar pure Entspannung war im alltäglichen Wahlkampfstress. Brunotte strebt bei der Landtagswahl am 19. Januar wieder den Gewinn des Direktmandats an.
Die Veranstalter haben diese Ehrung mit einer ganz einfachen Idee zu einem besonderen Ereignis gemacht: Sie baten, angesichts des gleichen Eintrittsjahres aller zu Ehrenden, darum, dass sich jeder kurz vorstellte und seine damaligen Beweggründe formulierte, in der SPD mitzuarbeiten. „Unsere Jubilare kommen aus allen Gegenden der Bundesrepublik und ihre Beweggründe ähneln sich sehr“, sagte Jochen Rödiger. Und damit begann eine kurze Fahrt mit dem „historischen Fahrstuhl“ zurück zum Beginn der siebziger Jahre.
Man erinnere sich, die SPD hatte seit 1966 in einer Großen Koalition mit der CDU regiert. Willy Brandt war Außenminister in der Regierung Kiesinger und stellvertretender Bundeskanzler. Nach der Bundestagswahl 1969 bildete Willy Brandt vollkommen überraschend eine Regierung mit der FDP. Die Große Koalition hatte ausgedient. In seiner Regierungserklärung am 28. Oktober 1969 sprach Brandt dann einige Sätze aus, die wie keine anderen zuvor die politische Kultur der Bundesrepublik veränderten: „ ... wir brauchen außerordentlich viel Geduld zum Zuhören und es bedarf außerordentlicher Anstrengungen zu verstehen ... Wir wollen mehr Demokratie wagen“.
In den Jahren bis 1972 folgenden Jahren leitete Willy Brandt eine grundsätzliche Neuausrichtung Deutscher Politik ein: Neue Ostpolitik unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“, Politik der kleinen Schritte zur Erhöhung der Durchlässigkeit der Berliner Mauer, Kniefall vor dem Mahnmal im Warschauer Ghetto, Deutsch-Deutsche Gipfeltreffen mit Willy Stoph in Erfurt und in Kassel, Abkommen mit der Tschechoslowakei. Als Anerkennung der neuen Ostpolitik erhielt Brandt den Friedensnobelpreis 1971.
Allerdings begann die sozialliberale Koalition zu bröckeln. Einige FDP Abgeordnete wechselten zu CDU. Ein Misstrauensvotum gegen Brandt scheiterte. Als die Mehrheit weiter bröckelte, stellte Brandt die Vertrauensfrage und sorgte so für Neuwahlen im November 1972. Die SPD wurde stärkste Kraft und legte eine neue, nun wieder handlungsfähige sozialliberale Koalition auf.
Vor dem Hintergrund dieser Jahre waren alle sieben der zu Ehrenden in Deutschland in die SPD eingetreten. So bezeichnete sich Jürgen Fertig als „Alt-68er“. Er habe in Frankfurt studiert, „aber immer wenn der Rote Dany gesprochen hat, habe ich ihn nicht verstanden“, schmunzelte er am Donnerstag. So trat er eben in die SPD ein. Auch das Ehepaar Lisel und Johann Mineur hatte ganz konkrete Gründe dazu: „Wir haben noch selbst Kriegserfahrungen, und die Partei, die uns die beste Garantie gab, dass so etwas nicht wieder geschieht, war die SPD“, erinnerte sich Johann Mineur. „Ich wollte keinen Posten, ich wollte dort helfen, wo der Schuh drückt. Seine Frau Lisel habe das Amt der Kassiererin übernommen. „Ein undankbarer Job“, fügte er bei.
Etwas anders waren die Beweggründe von Otto Ludwig. Er habe die „68er“ beruflich an der FU Berlin im akademischen Mittelbau verlebt und zu Willy Brandt und der SPD kein gutes Verhältnis gehabt. Als seine Frau und er nach Hannover kamen, sind sie dann in die SPD eingetreten, „weil hier kein Filz herrschte wie in Berlin“. Zehn Jahre habe er in Burgwedel später ein Ortsratmandat ausgeübt. Im kommenden Bundestagswahlkampf will der 81-Jährige aber aktiv Peer Steinbrück unterstützen.