Sommerspaziergang: Starke Einblicke in die Wettmarer Kunstszene

Auf Bekers Hof stand die Retrospektive des Lebenswerks von Georg-Wilhelm Brenneke im Mittelpunkt.
 
Die Arbeiten des Bildhauers Jörg Pflüger fanden starke Beachtung auf Bodes Hof, denn Pflüger, im Hintergrund am Tisch, meidet eigentlich den Ausstellungsbetrieb.

30 Künstler stellten aus/Mehrere Hundert Besucher kamen

WETTMAR (hhs). Vielleicht spielte am Anfang die Enttäuschung mit, als in der Ortschaft Wettmar die Idee zum Sommerspaziergang geboren wurde. „Kunst in Bewegung“ gönnt sich schließlich in diesem Jahr eine Denkpause und findet deswegen nicht statt. Und Wettmar war dabei in den vergangenen Jahren eigentlich immer einen Besuch wert, wegen seiner künstlerischen Vielfalt, die es zu bieten hat. Oder dieser Sommerspaziergang in Wettmar war ganz einfach „nur eine saugute, kaum zu toppende Idee“, wie es ein Besucher ausdrückte: acht Präsentationsorte mit gut 30 ausstellenden Künstlern, nicht nur aus Wettmar, sondern auch aus dem Umfeld, dazu ein wenig Historisches, die Bockwindmühle, ein alter Dorfladen, wunderschöne alte Bauernhöfe. Und Unterhaltung und Kulinarisches gab es beim Sommerfest des Ziegenhofes, eine Einrichtung in Wettmar, die man auch nicht überall so einfach am Wegesrand findet.
Die Spielregeln waren logisch und einfach: An den beiden Tagen des vergangenen Wochenendes sollten die Sommerspaziergänge zu den Künstlerinnen und Künstlern stattfinden, an beiden Tagen lud der Ziegenhof Schümer zum Hoffest zu „Ziegenspezialitäten“ aus eigener Produktion und zu Honigprodukten des Wettmarer Imkers Niels Wolf. Am Sonntag waren dann zwei ganz außergewöhnliche Highlights zusätzlich auf dem Programm: Zum einen war die Bockwindmühle geöffnet, für die Burgwedeler beinahe schon eine Alltäglichkeit, nicht aber für auswärtige Besucher. Zum anderen führte Pastor Matern interessierte Besucher durch die Wettmarer St. Marcus-Kirche. Diese Kirche ist der erste Sakralbau des bekannten Architekten aus Hannover. Conrad Hase hat später auch die Marienburg im Calenberger Land entworfen. Un zudem gab es kaum eine bessere Gelegenheit, sich vier uralte Wettmarer Bauernhöfe anzusehen und zu bewundern, die man so beim normalen Durchfahren der Ortschaft gar nicht bemerkt.
Unter den Highlights beim Sommerspaziergang war Einzigartiges zu finden: In diesem Zusammenhang ist der Hof von Georg-Wilhelm Brenneke sicherlich die gewichtigste Station gewesen. Der Künstler hatte auf seinem „Bekers Hof“ gleich vorn an der Heiertrift die Thönser Malerin Gerti Hillmann und drei Künstler aus Hannover zur Ausstellung eingeladen, die Fotografie und Installationen, Installationen im Garten und Zeichnungen und Fotos zeigten. Georg-Wilhelm Brenneke selbst bot eine Retrospektive seines künstlerischen Schaffen, die an Tiefgründigkeit und Vielfalt kaum zu überbieten war. Besonders bemerkenswert hierbei war für den Betrachter, dass hier das Kunststück gelungen ist, einen wirklich in sich geschlossenen, harmonischen Gesamteindruck zu schaffen, ein ineinander Übergreifen der unterschiedlichen Disziplinen zu einem Ganzen zu erreichen.
Raritäten waren auch auf Bodes Hof zu bestaunen: Hier war die Bandbreite besonders groß: Jörg Pfluger, Bildhauer aus Fuhrberg, stellte seine Werke, insbesondere Skulpturen aus Holz auf der Diele des Bauernhauses vor. Und es war wirklich eine Vorstellung: Pfluger stellt sonst eigentlich nicht aus. Dirk Bode zeigte eigene Fotografien, hier fand sich im weiteren Florales, Keramik und Glas von Britta Steffens aus Engensen, Schmuck und Geräte von Torsten Trautvetter. Ein besonderer Hingucker fand sich draußen: Zauske & Kunze, Schmiede aus Bissendorf, zeigten ihr Können und brachten „Eisen in Form“. Margrit Forstreuter-Künstler hatte ihre historische Eismaschine aus Engensen mitgebracht und stellte Eis her „ohne Strom“. Kreatives und Kulinarisches bot „Time2buy“ der Realschule Burgdorf, „Ulla & Ilka“ aus Wettmar übernahmen den Weinausschank und auf der anderen Straßenseite zeigte Manuela Hinze aus Großburgwedel Bilder und Keramiken.
Sabine Heckel überzeugte mit Collagen, Edith Brunnemann aus Isernhagen präsentierte Malerei. Hübsche Küchenbilder gab es von der Isernhagenerin Heidrun Lemke. Randolf Stadie aus Altwarmbüchen gestaltete Naturstein und Petra Schwintek-Faupel begeisterte mit Goldschmiedearbeiten. Gastgeberin Margot Trott führte ihre Gäste in die alte Kunst der Buchbinderei ein. Hier wurde deutlich, dass gebundene Bücher durchaus auch wunderschöne Kunstwerke sein können.
Auf dem Hof Bierstedt an der Kirche gab es Malerei zu bewundern von der Wettmarerin Jeanette Karapiperidis und von Claudia von Rohr aus der Nachbargemeinde Isernhagen. Burkhard Foltz aus Hannover stellte seine Aquarelle vor, sehenswert alles und von hoher Qualität. Ein Hingucker aber war Anna Berthauers kleiner Kaufmannsladen, eine Hommage an alte Zeiten, mit Schuldenbuch und allem, was bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Dorfläden üblich war. Hier gab es auch Kaffee und Kuchen, gegen eine kleine Spende für die Bockwindmühle.
Letzte Station war Zone 19. Hier präsentierte Gerd Scholze neue Zeichnungen und es gab eine Videoinstallation unter dem Titel „Kompetenzcluster 11en“. Über Besuchermangel beklagte sich niemand. Die Wettmarer Kunstinteressierten waren an beiden Tagen wirklich im Sommerspaziergang von einem Ausstellungsort zum anderen zu beobachten. Die Interessenten aus Thönse, Groß- und Kleinburgwedel und Engensen waren mehrheitlich mit den Fahrrädern gekommen, die Fuhrberger und Oldhorster mit den Fahrzeugen. Im Urteil waren sich alle einig: ein wirklich gelungenes Angebot, das bemerkenswerte Einblicke in die hiesige Kunstszene bot. Das machte Lust auf mehr und Wiederholung im kommenden Jahr.