Privatmann Christian Wulff zurück in Großburgwedel

Hier war seine Welt noch in Ordnung: Ein entspannter Christian Wulff auf dem Großburgwedel Weihnachtsmarkt 2010. (Foto: Hans Hermann Schröder/Archiv)

Hoffnung auf Nachlassen des Medienrummels

GROSSBURGWEDEL (bs/hhs). Als Niedersachsens Ministerpräsident zog er nach Berlin, um dort Bundespräsident zu werden. Nun kam er, knapp 600 Tage später, wieder zurück nach Großburgwedel in den Lührshof als Privatmann Christian Wulff.
Von Bellevue in die Sicherheit des Klinkereinfamilienhauses, um das und mit dem alles begonnen hatte. Die Familie Wulff hatte direkt nach dem Rücktritt erklärt, sie wolle in Großburgwedel leben. Familie Wulff weiß offenbar die Vorzüge Großburgwedels und seiner Einwohnerinnen und Einwohner zu schätzen.
Mit fast stoischer Gelassenheit haben die Großburgwedeler den wochenlangen Medienrummel über sich ergehen lassen. Als die präsidiale Welt noch glänzte, waren die Einwohner schon ein bisschen stolz darauf, dass einer ihrer Nachbarn das höchste Amt im Staat bekleidete. Man grüßte freundlich, wenn der Bundespräsident zufällig am Nebentisch beim Lieblingsitaliener saß, oder beim zufälligen Aufeinandertreffen beim Brötchen holen. Schön, die Familie Wulff ist mal wieder zu Hause.
Mit diesem unaufdringlichen Miteinander war es ab dem 13. Dezember 2011 vorbei.
Das beschauliche Großburgwedel plötzlich in aller Munde. Und selbst jene, die sich bislang nicht dafür interessiert hatten herauszufinden, in welchem Haus die Familie Wulff denn nun wohnt, konnten sich nun auf allen Fernsehkanälen und überregionalen Zeitungen und Zeitschriften ein Bild davon machen. Selbst hingehen musste man nicht mehr.
Woche für Woche Fernsehteams und Journalisten im Ort, auf der Suche nach News und Stories.
Die Großburgwedeler ließen sich nur wenig davon beeindrucken. Doch je länger die Affäre sich hinzog, rückte das beschauliche Großburgwedel immer mehr in den Fokus der Berichterstattung. Immer häufiger hörte man nicht nur hinter vorgehaltener Hand „Das tut man nicht“. Wobei sich diese Aussage nicht nur auf das Verhalten von Christian Wulff sondern auch auf das Gebaren einzelner Journalisten bezog.
Gerade in den letzten Tagen stieß den Burgwedelern der Umgang der Medien mit ihnen und dem zurückgetretenen Christian Wulff mächtig auf. „Die arbeiten akribisch daran, Negativwerbung für die Stadt und ihre Bevölkerung zu verbreiten“, heißt es allenthalben. Als einziges Beispiel reicht ein Bericht in „Spiegel Online“ aus: „Letzter Halt Großburgwedel“ ist das Machwerk betitelt, und es lässt sich nicht genau definieren, ob das eine Glosse oder Satire sein soll. Aber eins ist klar: schlecht gemacht das alles und ein wenig böswillig.
Als dieser „Bericht“ von Spiegel Online am Freitag, 17. Februar um kurz nach 20.00 Uhr ins Netz gestellt wurde, war Familie Wulff schon im Lührshof eingetroffen. Der Text ist rein fiktiv, von vorn bis hinten, die vermeintliche Realität erzeugt der Autor mittels einiger Fotos. Irgendwer ist also sogar in Großburgwedel gewesen und hat sich hier umgeschaut, den trostlosen Bahnhof fotografiert und mehr. Christian Wulff kennt das alles, das ist der nicht ganz unwesentliche Unterschied. „Er wird es sich hier gut gehen lassen, so viel ist sicher“, formuliert Autor Stefan Kuzmany zum Schluss, „Und ist daheim“.
Familie Wulff weiß, warum sie sich ausgerechnet hier „daheim“ fühlt, auch wenn Christian Wulff nicht mehr Bundespräsident ist. Deutschlandweit wird das hier gezeichnete Bild der Stadt Burgwedel sicherlich nur die Burgwedeler selbst etwas ärgern. Doch dieser Umgang mit dem Ex-Bundespräsidenten missfällt vielen: Das Urteil reicht von „Nachtreten“ bis hin zu Häme.
Alle Häme ist auch immer mit Schadenfreude und einer gehörigen Portion Überheblichkeit verbunden, das gilt für Politiker, Journalisten und jeden Mitbürger gleichermaßen. Nur darf man den Pfad der Fairness nicht verlassen. Christian Wulff hat mit seinem Rücktritt selbst den vorläufigen Schlussstrich unter alle Vorwürfe gezogen. Das ist anerkennenswert und öffnet der Staatsanwaltschaft nun das Tor zu weiteren Ermittlungen. Und wie diese Ermittlungen ausgehen werden, ist vollkommen offen. Und bis dahin gilt die Unschuldsvermutung, auch für Christian Wulff. Die Burgwedeler wissen das und halten sich daran.