Netzwerk sichert Spuren

Ilinda Bendler (links), Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Burgwedel, bedankte sich mit einem Blumenstrauß bei Referentin Dr. Tanja Germerott von ProBeweis. (Foto: Bettina Garms-Polatschek)
 
Dr. Tanja Germerott von ProBeweis stellte die Arbeit des Netzwerkes vor. (Foto: Bettina Garms-Polatschek)

ProBeweis hilft Gewaltopfern bei der Dokumentation von erlittenen Verletzungen

GROSSBURGWEDEL (bgp). Anlässlich des Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen hatte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Burgwedel, Ilinda Bendler, zu einem Vortrag in den Amtshof eingeladen.
Das Thema „Was tun nach körperlicher oder sexueller Gewalt? Vertrauliche Hilfe für Opfer“ wurde von Rechtsmedizinerin Dr. Tanja Germerott eingehend erläutert. Sie berichtete über die Arbeit des Netzwerkes ProBeweis, welches sich seit rund vier Jahren um Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt kümmert.
Das Netzwerk Pro Beweis schließt eine Lücke in der Versorgung von Gewaltopfern, denn in den meisten Arztpraxen oder Kliniken sei es laut Germerott häufig nicht möglich, eine gerichtsverwertbare Spurensicherung durchzuführen. Das Personal habe oft keine Spezialkenntnisse, es gäbe keine standardisierten Verfahren zur Durchführung.
Durch das Projekt „Netzwerk Pro Beweis“, welches vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung gefördert wird, sei es gelungen, mit Partnerkliniken ein landesweites Ambulanznetzwerk aufzubauen. Die Partnerkliniken erhielten DNA-freies Untersuchungsmaterial und fachliche Unterstützung durch das Team des Netzwerkes Pro Beweis. Niedersachsen sei das einzige Bundesland, in dem ein derartiges Netzwerk etabliert wurde, so die Rechtsmedizinerin.

ProBeweis ermöglicht Opfern, unabhängig von einer Strafverfolgung, zunächst Beweise einer Gewalttat sichern zu lassen. So haben sie Zeit gewonnen, um ihre nächsten Schritte zu überdenken, ohne mit der Beweislage in Verzug zu geraten. Eine dem Opfer zugewandte dauerhafte Sicherung von Spuren, welche gerichtsverwertbar sind, hat dabei oberste Priorität.
In intensiven Gesprächen wird versucht, den Tathergang anhand der Verletzungen möglichst genau zu rekonstruieren. Den Schilderungen des Opfers wird Glauben geschenkt und diese mit einer detaillierten Untersuchung medizinisch untermauert. Zusätzlich werden Fotos mit Position, Art und Größe der Verletzungen angefertigt. Auf einem Dokumentationsbogen wird die genaue Position der Verletzungen eingezeichnet und alles schriftlich festgehalten.
Weitere Spurenträger, wie Kleidungsstücke, werden bei Pro Beweis mindestens drei Jahre aufbewahrt, die Dokumentationsunterlagen sogar bis zu dreißig Jahre. Die Mitarbeitenden des Netzwerkes leiten außerdem eine weiterführende medizinische Versorgung ein und stellen auf Wunsch Kontakt zu Unterstützungs- und Beratungseinrichtungen her.
Wenn bei Pro Beweis alles zeitnah dokumentiert wurde, haben Opfer auch später noch die Möglichkeit, Anzeige zu erstatten, selbst wenn die Spuren der Gewalt am Körper nicht mehr sichtbar sind. Manche Gewaltopfer seien unmittelbar nach der Tat noch nicht so weit, eine Anzeige zu erstatten, da die Täter häufig aus dem nahen Umfeld stammten.
„Gerade deshalb ist es wichtig, dass die Opfer zeitnah unsere Einrichtungen aufsuchen, möglichst in einem Zeitraum von höchstens 72 Stunden nach der Tat. Es ist zwar auch später noch möglich, Verletzungen zu dokumentieren, aber sie sind dann nicht mehr so gut sichtbar“ erläuterte Dr. Tanja Germerott, die bereits langjährige Erfahrung in diesem speziellen rechtsmedizinischen Gebiet hat.
Sie zeigte als Beispiel anonymisierte Aufnahmen von Verletzungen und führte aus, dass die betroffene Frau früh genug gekommen sei, aber erst eine ganze Weile später Anzeige erstattet habe. Anhand der ausführlichen Dokumentation sei die Beweislage schlüssig gewesen, neben anderen Verletzungen am Hals und auf dem Kopf habe ein Handabdruck eindeutig einen Schlag in das Gesicht belegt.
Die Art der Verletzung habe gezeigt, dass der Abdruck unmöglich von einem „Fall auf die Hand des Täters“ stammen konnte. Die Strafverfolgung führte aufgrund der Beweislage zur Verurteilung des Täters auf zwei Jahre mit Bewährung, dem Opfer wurden zehntausend Euro Schmerzensgeld zugesprochen.
Die Arbeit des Netzwerkes unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht, die Polizei wird erst eingeschaltet, wenn die betroffene Person dieses ausdrücklich wünscht. Im Gegensatz zur Polizei wird bei ProBeweis keine Strafverfolgung eingeleitet, diese jedoch auf Anfrage mit Gutachten und Beweisen unterstützt.
Das Netzwerk ProBeweis ist im Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (Gebäude 16, Ebene H, Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover) verankert und unter der Telefonnummer 05 11/5 32-45 99 erreichbar (E-Mail: probeweis@mh-hannover.de www.probeweis.de).