NABU-Wolfsbotschafter: „Wolfsromantik führt uns auf den falschen Weg“

Sie führten eine angeregte Diskussion mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern: (v. l.) Peter Griemberg, Axel Düker, Thomas Behling, Dr. Thomas Sporn, Jörg Heuer, Philipp Neesen (Vorsitzender der JUSOS Isernhagen). (Foto: Bettina Garms-Polatschek)
 
Peter Griemberg, Wolfsbotschafter des NABU, informierte in seinem Vortrag über Lebensweise und Eigenschaften des Wolfes. (Foto: Bettina Garms-Polatschek)

Podiumsdiskussion um Wölfe in der Region Hannover erfuhr regen Zulauf

ALTWARMBÜCHEN (bgp). In der Fabelwelt wird er als gierig und böse beschrieben, in früheren Zeiten galt er als massive Bedrohung für Mensch und Vieh. Heute ist er das Lieblingskind der Naturschützer und soll zur lokalen Artenvielfalt beitragen: Der Wolf.
Wie gehen Menschen in der heutigen Zeit mit dem größten hier in der Region lebenden Landraubtier um? Diese und andere Fragen beschäftigten Referenten und rund 100 Gäste einer Podiumsdiskussion über das Thema „Wölfe in der Region Hannover“, die von den JUSOS der Region Hannover in Altwarmbüchen initiiert wurde.
Die Diskussion um die größer werdende Wolfspopulation in der Region Hannover wurde von Teilnehmern und Experten angeregt geführt. Peter Griemberg, Wolfsbotschafter des NABU klärte mit seinem Vortrag über Wölfe und deren Verhaltensweisen auf, konnte aber die Bedenken gegen die Ansiedelung von Wölfen in der Kulturlandschaft Niedersachsens nicht vollständig ausräumen.
Jäger und Landwirte äußerten sich kritisch angesichts der steigenden Populationsdichte und fürchteten vermehrt Risse von Nutztieren und jagdbarem Wild, mehrere amtlich nachgewiesene Übergriffe von Wölfen lägen bereits vor. Förster und Wolfsexperte Thomas Behling hielt entgegen, dass die Population ohnehin durch die biologisch bedingten Reviergrößen begrenzt sei und überzählige Wölfe in andere Gegenden abwanderten.
Ein Hobbytierhalter war besorgt, wie er seine Ponys vor den Wölfen schützen solle. Griemberg räumte ein, dass dieses nur mit entsprechenden Vorrichtungen wie hohen stabilen Zäunen und demzufolge steigenden Kosten, möglich sei.
Jörg Heuer, Landwirt und Jäger in Fuhrberg, betonte, dass Hochwildjagden angesichts der zu erwartenden Besiedelung durch Wölfe nur noch schwer zu verpachten seien. Der NABU-Wolfsbotschafter entgegnete, dass die Jägerschaft sich nun umgewöhnen müsse. Bisher sei außer ihnen kein natürliches Regulativ der Schalenwildpopulation mehr vorhanden gewesen, dieses ändere sich nun. Axel Düker, Bürgermeister der Stadt Burgwedel, riet zu einer sachlichen Diskussion und regte an, bereits in Kindergärten und Schulen mit entsprechenden Projekttagen Aufklärungsarbeit zu leisten.
Ein Besucher aus Fuhrberg merkte bezüglich des Gefahrenpotentials für die Bevölkerung an, dass er keine Gefährdung für die Bürger sehe. Ihm seien bereits Wölfe in den Wäldern begegnet und er habe sich nicht bedroht gefühlt, da sie sehr scheu reagiert hätten und die Flucht angetreten hätten.
Eine Bürgerin berichtete von ihren Erfahrungen im Ausland, wie Polen oder Schweden. Die Bevölkerung sei seit langem daran gewöhnt, mit den Wölfen zu leben. Daher hielt sie es für ratsam, abzuwarten und dieser Spezies unvoreingenommen zu begegnen. Ein Veterinärmediziner wies ergänzend auf das Tollwutrisiko hin, welches von Wölfen ausginge. Die Vakzination der Individuen sei unabdingbar, um eine Epidemie zu vermeiden.
Dr. Thomas Sporn, Jägermeister der Landeshauptstadt Hannover, nahm die Beiträge der unterschiedlichen Parteien sehr ernst und gab darüber hinaus Auskunft über mögliche Entschädigungszahlungen. Dabei machte er deutlich, dass es noch keine einheitliche Regelung für Zahlungen gäbe, die Bewilligung sei Ermessenssache. Der bisher vorgesehene Entschädigungsfond von 100.000 Euro reiche jedoch bei weitem nicht aus, um die zu erwartenden Schäden abzudecken. In Zukunft werde sich das Land ohnehin verstärkt auf die Förderung von Präventionsmaßnahmen konzentrieren.
Im Verlauf der Debatte kristallisierte sich heraus, dass die Probleme, die durch die Ansiedelung von Wölfen in Niedersachsen entstehen, in erster Linie die Landbevölkerung betreffen. Diejenigen, die entsprechende Entscheidungen zum Naturschutz fällen, sind in der Regel nicht direkt davon betroffen. Die Bürger der ländlichen Gegenden fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und stehen dem neuen Waldbewohner auch auf Grund mangelnder Erfahrung ambivalent gegenüber.
Mittlerweile beschränken sich die Wölfe nicht mehr auf Feld- und Waldgebiete. Am 1. März wurde in Wildeshausen in einem Wohngebiet ein streifender Wolf gesichtet, vermutlich dasselbe Tier noch einmal am Vormittag darauf im 15 Kilometer entfernten Großenkneten. Nachdem im Februar bereits ein Wolf in der Nähe eines Waldkindergartens in Goldenstedt gesehen wurde, sah das Umweltministerium sich nun zum Handeln veranlasst. Seit dem 2. März 2015 dürfen Wölfe mit Gummigeschossen vergrämt, betäubt oder getötet werden, wenn eine akute Bedrohung vorliegt.
Die Verunsicherung, wie man mit dem Raubtier Wolf umgehen soll, ist in der Bevölkerung noch groß. Die Debatte geht bei den Betroffenen hitzig weiter, die Wölfe kümmert das wenig. Bisher konnte ihnen niemand an den Pelz, doch das ändert sich jetzt.