Mit gemeinsamem Gedenken Zeichen gegen Nazi-Terror setzen

V.l.: Rudolf Gutte, Pastor Wolfgang Schwenzer und Wolfram Wallravenstein sangen mit den Teilnehmern das Lied „Die Moorsoldaten“. (Foto: Hans Hermann Schröder)
 
Gemeinsam ein Zeichen gegen jeden Nazi-Terror setzen, das waren die Motive der etwa 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Gedenkveranstaltung an der Scheune der Pestalozzi-Stiftung. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Etwa 80 Teilnehmer trafen sich an der Pestalozzi-Scheune

GROSSBURGWEDEL (hhs). Am Samstag fand die Gedenkfeier für die erschossenen Häftlinge aus den hannoverschen Konzentrationslagern an der Scheune der Pestalozzi-Stiftung statt. knapp 80 Mitbürgerinnen und Mitbürger waren gekommen, um der Opfer der Naziherrschaft zu gedenken.
Rudolf Gutte von der Burgwedeler Bürgerinitiative gegen das Vergessen, brachte es auf den Punkt. „Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und ihre Auswirkung auf die Gegenwart ist eine integrale Aufgabe einer demokratischen Gesellschaft. Nachdem über Jahrzehnte an einigen Orten Tabus und Verdrängungswünsche die Zeit des Nationalsozialismus überdecken,,ist eine erschreckende Unkenntnis über das damalige Regime festzustellen“. Abschließend bedankte er sich bei den Besuchern: „Wir setzen damit gemeinsam ein Zeichen „Nie wieder!“ Denn nie wieder dürfen wir es zulassen, dass ein barbarisches, rassistisches Regime in Deutschland an die Macht gelangen kann. In diesem Sinne gedenken wir der Menschen, die das unfassbare erleben und erleiden mussten“. Dann sangen alle gemeinsam das Lied der Häftlinge aus den emsländischen Moorlagern „Die Moorsoldaten“, begleitet von Wolfram Wallravenstein auf der Klarinette.
In der Nacht zum kommenden Samstag, dem 7. April, jährt sich zum 67. Mal das scheußliche Verbrechen in Großburgwedel: Damals übernachteten knapp 1.000 Häftlinge von den hannoverschen Konzentrationslagern kommend in der großen Scheune der Pestalozzi-Stiftung. Sie waren in der Rüstungsindustrie zur Arbeit gezwungen worden. Jetzt, da der Einmarsch britischer Truppen und damit die Einnahme Hannovers unausweichlich war, wurden alle Häftlinge zum Konzentrationslager Bergen Belsen getrieben, zu Fuß bei eisiger Kälte, ausgehungert, die meisten von ihnen vollkommen kraftlos. Die SS-Männer, die die ausgemergelten Gestalten vor sich her trieben, fackelten nicht lange: Wer nicht mehr weiter taumeln konnte Richtung Bergen Belsen, wurde kurzerhand erschossen und am Straßenrand verscharrt. Die SS-Schergen hatten für diese Märsche den Euphemismus „Evakuierungsmärsche“ entwickelt. Todesmärsche wäre angemessener.
Der Trupp, der in der Pestalozzi-Scheune übernachtete, hatte zweifelhaftes „Glück“, zumindest ein Dach über dem Kopf in der Frühjahrsnacht. Einige der Häftlinge hatten einen Verpflegungskarren ziehen müssen, der nun nahe der Scheune stand. Die ausgehungerten Häftlinge wollten die Dunkelheit nutzen und etwas Essbares von dem Karren entwenden. Über das, was nun anschließend geschah, gibt es unterschiedliche Angaben. In unbestätigten Quellen ist von mindestens 20 erschossenen Häftlingen die Rede. Diese sollen beim Weitermarsch am nächsten Morgen auf dem Karren mitgenommen worden und später verscharrt worden sein. Die Leichen von drei erschossenen Häftlinge blieben aber an der Scheune liegen. Sie wurden später auf dem Friedhof Großburgwedel bestattet.
Dieses schreckliche Kapitel Großburgwedeler Geschichte war lange Jahre ein Thema, über das man nicht sprach und über das man auch wenige Genaues wusste. Vor etwa zehn Jahren stand definitiv fest, dass die Übernachtung in der Pestalozzi-Scheune mindestens drei Menschen das Leben gekostet hatte. Es bildete sich eine Bürgerinitiative gegen das Vergessen. Gemeinsam mit der Pestalozzi-Stiftung, der damaligen Gemeinde Burgwedel und den Kirchengemeinden wurde vor sieben Jahren am Tatort an der Scheune eine Gedenktafel angebracht, an der nun jährlich eine Gedenkfeier gegen das Vergessen dieser staatlich legalisierten Morde stattfindet.
Unterdessen hat das Gedenken eine feste Tradition entwickelt. Ein Gedenkmarsch führt alljährlich von einem der ehemaligen Konzentrationslager im hannoverschen Stadtteil Mühlenberg der Marschroute der Häftlinge damals folgend bis nach Großburgwedel zur Gedenktafel an der Scheune. Nach der Gedenkfeier führte der Weg weiter nach Fuhrberg an die Ludwig-Harms-Kirche, wo an eine Stele der Opfer der Naziherrschaft gedacht wird. Dann geht es weiter bis nach Bergen-Belsen.